Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.11.2019


Musik

Tom Neuwirth als “WURST“: Doc Martens statt Ballkleid

Tom Neuwirth hat Conchita „auf Urlaub“ geschickt und macht als WURST Elektropop.

Neuer Look, neuer Sound: Auf dem Album „T.O.M.“ serviert WURST alias Tom Neuwirth tanzbaren Electro und Popballaden.

© Wurst/Arcadia LiveNeuer Look, neuer Sound: Auf dem Album „T.O.M.“ serviert WURST alias Tom Neuwirth tanzbaren Electro und Popballaden.



Von Barbara Wohlsein

Innsbruck – Conchita wäre der Rahmen vermutlich zu unglamourös. Für WURST passt es perfekt, dass das Album-Releasekonzert von „T.O.M. Truth Over Magnitude“ (Sony Music) im Wiener Kulturzentrum WUK stattfindet. Die familiäre Atmosphäre gibt Tom Neuwirth, dem Menschen hinter beiden Figuren, die Möglichkeit, zwei Dinge zu erledigen: Einerseits präsentiert Neuwirth zum ersten Mal sein Album und seinen neuen Look als WURST auf einer Livebühne, andererseits kann er sich zwischen den Songs immer wieder Zeit nehmen, um von der Entstehung des Albums zu erzählen. „Es war echt ein langer Weg, i gfrei mi so“, lässt er das Publikum in ungeniertem Dialekt wissen. Der 30-Jährige ist sichtlich erleichtert und glücklich in der neuen Rolle. Mit dem Gedanken, der Songcontest-Gewinnerin Conchita ein künstlerisches Alter Ego gegenüberzustellen, spielte Tom Neuwirth schon länger. Die „brave Präsidentengattin“, wie er sie selbst beschreibt, begann ihn langsam, aber sicher zu nerven. Mit WURST hat er nun einen überzeugenden Gegenspieler erschaffen: cooler Kurzhaarschnitt statt Perücke, Doc Martens statt Ballkleid, Elektrosound statt Schmalz. „Meine Songwriting-Skills suche ich immer noch“, gibt Neuwirth ganz offen zu. Gefunden hat er allerdings die österreichische Musikerin Eva Klampfer (bekannt als Lylit), die alle Songs auf „T.O.M.“ komponiert und getextet hat. Das Lied „See Me Now“ singen WURST und Klampfer bei der Albumpräsentation gemeinsam, danach folgt eine innige Umarmung. „Die Eva hat das, was in meinem Kopf war, zu Musik gemacht. Zwischendurch hat sie sich sicher oft gedacht: Hilfe, too much information.“

Wie viel Arbeit das „Making of WURST“ war, erahnt man bei der oscarreifen Dankesrede, die Tom Neuwirth nach der ersten Konzerthälfte hält. Neben Mama, Papa und Oma wird auch den Produzenten, Musikern, Sängerinnen, Modedesignern, Fotografen, der Stylistin und dem Fitnesstrainer gedankt. Auch wenn die neue Rolle optisch vielleicht etwas weniger aufwendig ist, so ist sie doch bis ins Detail geplant. Die Zweifel, ob es klug war, „dass sich die WURST in den Vordergrund drängt“, sind jedenfalls weg: „Es rennt voll im Moment, i hab so a Gaudi.“ Der stärkste Song von „T.O.M. Truth Over Magnitude“ ist auch live die Single „Hit Me“. „To the Beat“ und „Forward“ funktionieren ebenfalls als treibende Elektro-Disco-Nummern. Wenn es zu balladig wird, kommt manchmal etwas Langeweile auf. WURST ist zum Tanzen gemacht, da besteht kein Zweifel. Und falls doch, dann sollte man sich Neuwirths neue Dancemoves ansehen, die jedem „Vogueing“-Wettbewerb gewachsen wären. Überhaupt wirkt er so selbstsicher und entspannt wie noch nie.

Positiv überraschend ist das Publikum bei der Albumpräsentation: Eingefleischte Conchita-Fans vermischen sich mit älteren Zuschauern und jungen Menschen aus der Musik- und Kreativbranche. Bevor die WURST mit Rosensträußen, Geschenken und „Liiiebe“-Rufen verabschiedet wird, gibt es noch einen besonderen Gruß von Tom Neuwirth an seinen Kommunikations-Manager André Karsai: „Du hast mich an das erinnert, was ich als Kind eigentlich schon wusste. Dass ich ein Star bin.“