Letztes Update am Sa, 14.06.2014 23:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Soundstube Tirol

Publikum als Seelenklempner: Jo Stöckholzer im TT-Wunschkonzert

Mit Texten die unter die Haut gehen verschafft sich der junge Tiroler Liedermacher Jo Stöckholzer Gehör. Beim TT-Wunschkonzert ließ er den Song „Wielange“ im Leokino erklingen.



Von Simon Hackspiel

Innsbruck - „Der große musikalische Virtuose bin ich sicher nicht“, sagt Jo Stöckholzer. Doch das muss er auch nicht sein. Die Stärke des 20-jährigen Tirolers liegt in seinen Texten. Worte die unter die Haut gehen – immer nachdenklich, meist melancholisch. Eine tragende Rolle spielt bei Stöckholzer die Auseinandersetzung mit dem Tod. So auch beim Song „Wielange“, den er beim TT-Wunschkonzert zwischen den Sitzreihen des großen Saals im Leokino vorträgt. Mit seiner „Guitalele“ – einer Mini-Gitarre – steht er im Schein einer Stehlampe und lässt Gedanken über das eigene „physische und psychische Verrecken“, wie Stöckholzer es gerne formuliert, durch den Raum schweben.

Konzerte „wie eine öffentliche Therapie“

„Es zieht Menschen so stark hinunter, wenn jemand in ihrem Umfeld stirbt“, sagt der in Innsbruck lebende Liedermacher im Anschluss an den Videodreh. „Aber ich denke, wir müssen keine so große Angst davor haben. Wir wissen sowieso nicht, was danach passiert.“ In seinen Texten versuche er eigene Ängste zu teilen und sie so auch für andere zu erleichtern. Umgekehrt wirke das Publikum für ihn selbst als Seelenklempner, schließlich gewähre er bei Konzerten tiefe Einblicke in intime Gedanken. „Es fühlt sich ein bisschen wie eine öffentliche Therapie an“, schmunzelt Stöckholzer. „Statt in einem Tagebuch, halte ich meine Gedanken eben in Liedern fest.“

Neben der Fähigkeit, das Publikum tief in seine Gefühlswelt zu ziehen, gelten unkonventionelle Instrumente als Markenzeichen des - für sein Alter erstaunlich reifen - Künstlers. So lässt er neben Gitarre, Keyboards und Glockenspiel beispielsweise auch Schreibmaschinen, Kinderspielzeuge oder elektronische Elemente bei seinen Auftritten erklingen. Weil aber ein Einzelner nicht alle Instrumente gleichzeitig spielen kann, bedient er sich der Live-Looping-Technik. Während des Konzerts eingespielte Soundfragmente nimmt er mit einem Recorder auf und spielt sie bei Bedarf wieder ab.

Optimistischer Blick in die Zukunft

Obwohl Stöckholzers „One-Man-Show“ großen Anklang findet, will er künftig auch mit Band auftreten: „Wir sind schon fleißig am Proben, mehr will ich aber noch nicht verraten.“ Mit seinem Debütalbum „Alles“, das im Herbst erscheinen soll, möchte sich der Tiroler im gesamten deutschsprachigen Raum Gehör verschaffen. „Auch wenn ich mich in der Innsbrucker Szene sehr wohl fühle, will ich irgendwann den Schritt nach Deutschland wagen.“

Während der Albumproduktion mit dem Landecker Label Aktiv Sound Studios, ist Stöckholzer weiterhin darauf bedacht möglichst viele Gigs zu spielen: „Ich bin auf dem Weg dorthin, dass ich davon leben kann.“ Große Konzerte wie jenes im Vorjahr als Support von Clara Luzia in der Burg Hasegg in Hall, sind für ihn dabei genauso wertvoll wie Wohnzimmerkonzerte, bei denen „eine ganz besondere Atmosphäre“ herrsche: „Die Qualität der Zuhörer ist mir wichtiger als die Quantität“, so Stöckholzer. „Meine Musik passt mehr in Locations, in denen Leute leise sind und zuhören, was man zu sagen hat. “ Unaufmerksam sollten Seelenklempner eben nicht sein.

Jo Stöckholzer im Web: www.facebook.com/jostoeckholzermusik

Konzert-Termine:

13. + 14.06. Bozen | BUSK Singer-Songwriter Festival 

18.06. Hall | Burg Hasegg | mit Garish

27.06. Zirl | Äuelefest

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Fünf Fragen an: Jo Stöckholzer

Wie bist du zum Liedermacher geworden?

Jo Stöckholzer: Eigentlich habe ich mit Schlagzeug angefangen, bis 2012 war ich auch Drummer bei der Band „Half Past Whatever“. Das ist auch das einzige Instrument, das ich mir nicht selbst beigebracht habe. Mit dem Schreiben begann ich, als ich mir eine E-Gitarre zugelegt habe. Dann sprudelten die Gedanken nur so aus mir heraus. Manchmal frage ich mich selbst, woher das alles kommt.

Und woher kommt die Inspiration?

Jo Stöckholzer: Aus Situationen, denen ich im Leben gegenüberstehe. Der Song „Wielange“ ist aus dem heraus entstanden, dass ich einmal von einem Arzt zum nächsten geschickt worden bin. Irgendwann macht dich das komplett fertig und um das geht das Lied. Wenn etwas passiert das mich beschäftigt, muss ich es niederschreiben, um gedanklich davon loszukommen. Ein Liedtext kann so oft richtig schnell entstehen und gleichzeitig ist es für mich eine Art Selbsttherapie. Es tut mir einfach gut.

Wie sieht das Feedback auf dein Schaffen aus?

Jo Stöckholzer: Meistens positiv. Negatives bleibt natürlich mehr hängen und beschäftigt einen umso länger. Allerdings muss man meines Erachtens dabei abwägen welche Qualität diese Feedbacks haben und wie sie mich weiterbringen können. Konstruktive Kritik nehme ich gerne auf, diskutiere darüber, lass es mir durch den Kopf gehen und urteile schlussendlich selbst darüber ob ich Änderungen vornehmen soll oder ob das dann nicht mehr ich selbst wäre.

Wie siehst du Auftrittsmöglichkeiten und Bandszene in Tirol?

Jo Stöckholzer: Wenn man hartnäckig bleibt gibt es viele Möglichkeiten aufzutreten. Bäckerei, Treibhaus und einige andere Locations sind für die heimischen Musiker sehr wichtig. Es ist unglaublich welche Vielfalt an musikalischem Talent eigentlich in Tirol vorhanden ist. Liedermacher wie mich gibt es jedoch meines Wissens nicht so viele.

Wie würdest du dich als Typ charakterisieren?

Jo Stöckholzer: Hm. Schwierig. Das sollte man glaube ich lieber anderen überlassen, die mich schon länger kennen, aber ich probier’s mal so: Jemand der lieber denkt als redet, aber als Öffnungsmedium das Liedermachen für sich entdeckt hat und sich darin gerne weiterentwickelt und keine Grenzen zukommen lassen will.

Soundstube Tirol auf Facebook: www.facebook.com/SoundstubeTirol




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