Letztes Update am Sa, 12.07.2014 19:51

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Innsbruck

Eine Stadt trägt Bart – und Wurst auf Händen

Conchita Wurst wurde am Innsbrucker Sparkassenplatz stürmisch gefeiert, zuvor stand noch ein Stadtrundgang auf dem Programm.

© Andreas Rottensteiner / TTESC-Gewinnerin Conchita Wurst.



Von Silvana Resch

Innsbruck – Vor dem Goldenen Dachl sind hektisch fotografierende Touristen an sich kein ungewöhnlicher Anblick. Den Blick nach oben hatte aber nur eine gerichtet, während sich alle anderen um die Lady im kleinen Weißen drängten. Kaum einer, der Conchita Wurst bei ihrem Stadtrundgang durch die Innsbrucker Innenstadt nicht fotografieren wollte. Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer hatte die Song-Contest-Siegerin zum Rundgang geladen, eine rund einstündige Führung durch die Stadtgeschichte mit besonderem Augenmerk auf deren weibliche Protagonistinnen stand auf dem Programm. „Wundervoll, dass ihr solche Führungen im Angebot habt“, streute die Wurst der „wunderschönen Stadt“ Rosen.

Stets umringt von einer Smartphone-bewaffneten Menschentraube, begleitet von „Conchita“-Rufen und streckenweise aufbrandendem Applaus, demonstrierte die Sängerin, wie man nicht nur würdevoll, sondern auch äußerst grazil mit Bleistiftabsätzen über Kopfsteinpflaster schwebt. Und bei alledem trotzdem am Boden bleibt. Da wurde etwa der Besuch im Stadtmuseum mit der Besichtigung des Prunkerkers gekrönt, die Diva war aber nur zögerlich bereit, auf den Balkon des Goldenen Dachl zu treten. „Ich finde sowas immer unangebracht“, wendete sie ein, wurde jedoch freundlich, aber bestimmt hinausbugsiert. Ein „Conchita“-Raunen in allen erdenklichen Sprachen nahm sie in Empfang. Die Travestie-Künstlerin lauschte indes ehrfürchtig den Erzählungen über das Fürstenhaus. Mit dem Titel „Königin von Österreich“ hadert sie allerdings ein wenig: „Das ehrt mich sehr, aber ich glaube, echte Königinnen hätten da was dagegen.“ Unten vor der ehemaligen kaiserlichen Residenz wartete schon Wiltrud Loacker, mit stolzen 104 Jahren älteste Innsbruckerin, auf ein persönliches Zusammentreffen. Während Minuten später eine blinde Frau Conchitas Haar berühren wollte, um weiter abwärts tastend festzustellen: „Der Rock ist aber gewagt kurz.“

Wie eine Heilsbringerin wurde die Sängerin herumgereicht. Dank ihrer bescheidenen Herzlichkeit wurden aber potentiell peinliche Situationen umschifft. Weiter ging es von der Altstadt Richtung Sparkassenplatz, wo schon Tausende Fans warteten. Die Diva posierte am Weg noch lächelnd mit chinesischen Touristen („You are super“), der Reinigungskraft auf der Toilette beim Abstecher in den Swarovski Shop sowie einer Horde italienischer Schulkinder.

Auf der Bühne am Sparkassenplatz versuchten indes „The Mannequins“ mit einer grotesken Travestie-Show Stimmung zu machen. Ob man den zahlreich im Publikum anwesenden Kindern wirklich auf diese Art den Begriff Toleranz vermitteln kann, darf bezweifelt werden. Weltstädtisch ist etwas anderes: Pünktlich um 18 Uhr betrat die Diva endlich die Bühne. Beziehungsweise nahm sie sie mit einer Cover-Version von Chers Hymne „Believe“ im Sturm ein.

Andächtig lauschten die hauptsächlich weiblichen Fans, inbrünstig wurde schließlich beim Song-Contest-Siegerlied „Rise Like a Phoenix“ mitgesungen. „Gänsehaut pur“, sprach die Bürgermeisterin ihren Bürgern aus der Seele. Da Conchita Wurst vorerst nur fünf Songs im Repertoire hat, gab es als Zugabe noch einmal den Siegertitel, sozusagen als Probe für den Song Contest. Denn den will Innsbruck unbedingt haben, daran ließen sowohl Oppitz-Plörer als auch Landeshauptmannstv. Josef Geisler keinen Zweifel: „Der Song Contest kommt nach Innsbruck“, gab sich dieser zuversichtlich.

Hunderte Fans warteten nach dem berührenden Kurzauftritt auf Autogramme, ehe die Wurst weiter zur „Night of Tolerance“ schwebte, um auch dort das Publikum zu verzaubern.

Zwei Fremdführerinnen erklären der Diva die Stadt.
- TT/Silvana Resch
In der ganzen Stadt wurde Conchita fleißig fotografiert.
- TT/Silvana Resch
Der Sparkassenplatz ist prall gefüllt.
- TT/Silvana Resch
Conchita am Goldenen Dachl
- TT/Silvana Resch
Vor dem Goldenen Dachl schüttelte Conchita Wurst zahlreichen Fans die Hände.
- TT/Silvana Resch