Letztes Update am Mo, 11.08.2014 08:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Festspiele Erl

José Carreras in Erl: Durch Verzeihen zur Erlösung

Das Thema der verlorenen Kinder in das große Herz und in die goldene Kehle von José Carreras gelegt, feierte die Oper „El Juez“ in Erl einen Sensationserfolg.



Von Markus Hauser

Erl – Dass Richter nicht unbedingt Recht sprechen, sondern vielmehr nur Urteile fällen, hat die Geschichte hinlänglich bewiesen. Von der allgegenwärtig politisch bzw. religiös motivierten „Unrechtsprechung“ am schwersten betroffen sind zweifellos die Kinder, die Wehrlosesten der Gesellschaft. Abschiebung in Heime, Umerziehung, politische Instrumentierung, (sexuelle) Ausbeutung etc. In aller Welt könnte man ein Lied davon singen.

Die brisante Thematik kindlichen Leids in eine Oper gefasst hat der Wiener Komponist Christian Kolonovits. Basierend auf einem Libretto von Angelika Messner wird darin im Rahmen einer fiktiven Geschichte das Schicksal der Kinder, die während der Franco-Diktatur in Klöster abgeschoben wurden, erzählt. Premiere des Werkes war Samstagabend im Rahmen der Tiroler Festspiele Erl. „El Juez“ (Der Richter), so der Titel der Oper, lässt sie bereits ahnen, die fatalen Verwicklungen von Intrige, Macht und Ohnmacht und das da­raus resultierende totale Ausgeliefertsein, in dem Verzeihen Erlösung verspricht. Kolonovits setzt auf Tonalität. Doch was heißt Tonalität? Letztlich ist es die Aufgabe von Komponisten, den Klang der heutigen Zeit zu finden und ein Klangbeziehungssystem zu schaffen, in dem sich der Zuhörer zurechtfindet.

Wunderbar in der Klangwelt von Kolonovits zurechtgefunden hat sich das Publikum im ausverkauften Festspielhaus. Souverän bewegt sich Kolonovits durch traditionelle spanische Klangwelten, bedient sich spätromantischer Klangpracht, weiß geschickt das dramatische Geschehen zuzuspitzen und lyrische Momente mit Schmelz zu versehen.

Weltstar José Carreras, inzwischen eine Lage tiefer im Bariton zuhause, hat es nach langjähriger Opernpause nicht verlernt. Alle emotionellen Qualitäten in die vertiefende menschliche Dimension gelegt, setzte er das Maß, an dem sich alles andere messen lassen muss. Die Bilder zum Werk von Daniel Bianco, düster, karg, auf das Wesentliche konzentriert. Zwei große eiserne Vorhänge, die sich heben und senken, aussperren, einsperren, wegsperren. Die Regie, Emilio Sagi, setzt auf düstere Statik. Logisch, durch und durch. Leid verursacht Betroffenheit, Lähmung, Apathie. Wenn er Mütter im stillen Protest die Bilder ihrer verlorenen Kinder hochhalten lässt, sagt das alles. Vor diesen Bildern agieren durchwegs souverän: Carlo Colombara, Bass, als Morales (Polizeipräsident) mit martialischer Präsenz und einnehmender Stimmkraft.

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José Luis Solas (Liedermacher) strahlender, tonvoll exakt geführter und nah am Wort bleibender Tenor. Sabina Puértolas (Paula, Journalistin) und Ana Ibarra (Äbtissin), mit begeisternder Leichtigkeit konturieren sie ihre Rollen fast ansatzlos, transparent und unprätentiös, mit viel Volumen und Spitzentönen, die einfach sitzen. Nicht nur stimmlich, auch in einer breiten Affekt-Skala von knirschender Verzweiflung bis zu seherischer Zuversicht wissen Manel Esteve, Milagros Martin, Maria José Suàrez Itziar De Unda, der Coro Rossini und das restliche Ensemble zu überzeugen.

Das Orchester unter der Leitung von Gerardo Carbajo erlebt man wie Filmmusik, stets präsent, sucht es doch manchmal das Heil in zu viel Kraft und deckt die Sänger zu. Frenetischer Jubel.


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