Letztes Update am Fr, 13.02.2015 11:33

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wien

Protestsongcontest 2015: Im Zweifel gegen „Put Put Putin“

Die Spaß-Combo Rammelhof gewann mit ihrer eingängigen Russland-Kritik den zwölften Protestsongcontest im Rabenhof Theater in Wien. Doch Sieger der Herzen war ein ganz anderer: Moderator Michael Ostrowski.

© FM4/StipkovitsDie Sieger 2015: Rammelhof.



Von Angelika Prawda, APA

Wien – „Was Sie nicht wissen: Das ist heute der Eurovision Song Contest Vorentscheid.“ Wäre Michael Ostrowskis Begrüßung zum Protestsongcontest am Donnerstagabend Wirklichkeit, würde Österreich einen Abgesang auf Wladimir Putin zum europäischen Gesangswettbewerb schicken: Mit dem Ohrwurm-tauglichen „Wladimir (Put Put Putin)“ entschied die Spaß-Combo Rammelhof das Finale im Wiener Rabenhof für sich.

Mit Uniformen, Drahdiwaberl-Anleihen, rohen Eiern und „einem längst überfälligen Reim von Snowden auf Hoden“ (O-Ton Ostrowski) kam die selbst ernannte „Anti-Scheuklappen-Fraktion“ als letzter von zehn Finalisten auf die Bühne, und schrieb sich das aktuellste Thema des Abends auf die Fahnen: die Ukraine-Krise. Vom Publikum für den eingängigen „Wladimir Put Put Put Put Put Put Putin“-Refrain gefeiert und von der Jury für die laute, rotzige Kritik an Diktatoren und scheinheiligen Demokraten gelobt, hatte die Vierer-Combo im vereinten Voting knapp die Nase vorn. Für den euphorisierten Frontmann General Geri die Bestätigung: „Die ganze Welt ist ein Rammelhof!“

„Fast a bissl magic“

Fast wäre die ganze Welt erblondet, lag das gemischte Duo Wiener Blond mit seiner live geloopten, die eigene, sich auf Wohlstand ausruhende Generation kritisierende Beatbox-Nummer „Kaana Waas Warum“ doch nur einen Punkt hinter den Rammlern. „Fast a bissl magic“ befand die „entzückte“ Jurorin Vea Kaiser die Stimmung im ausverkauften Haus nach dem „feinen Protest, ganz ohne ‚oasch‘“ (O-Ton Jurorin Birgit Denk). Bei der traditionell vom Publikum als Buhfraktion wahrgenommenen Jury, der weiters Martin Blumenau, Peter Paul Skrepek, Olivera Stajic und Hubert Weinheimer angehörten, kamen Kraftausdrücke weniger gut an, dementsprechend schwach schien für sie der energiegeladene Auftakt der Rotzpipn mit „In Oasch geh“, der vielleicht ehrlichsten Nummer des Abends, an dem kein klarer Publikumsliebling festzumachen war.

Weniger „in your face“ war alles, was danach kam: Mit Cello, Gitarre und Schlagzeug holten Joach.im Wean zum Rundumschlag gegen NSA, Politik und Klimawandel aus und steuerten für Vea Kaiser mit „Ambiguitätstoleranz“ immerhin das potenzielle Wort des Jahres 2015 bei, Liedermacherin Wende Punkt stellte sich mit ihrem sanften „Schub-Schub-Schubladen-Song“ und eher belächeltem Zwiegespräch mit einer Staubmaus gegen Klischees und Einheitsbrei und Er ist tot, Jim steuerten mit der Indierock-“Revolte“ ein „Liebeslied an den Idealismus“ bei.

Erst mal fragende Gesichter und dann großen Jubel erntete das Musiktheater-Projekt Geschichten im Ernst mit „Aufruf“, einer Vertonung eines Texts des österreichischen Widerstandskämpfers Richard Zach. Dem Publikum beim Online-Voting die Höchstpunktezahl wert, war das ambitionierte Projekt den Juroren zu vergangenheitsbehaftet. Aktuell den Rechtsruck in Europa respektive WKR-Ball und Burschenschafter-Aufmärsche machten indes das sympathische Ebenseer Duo FS2 mit der emotionalen Rockhymne „augen auf“, Rapperin Nora Mazu („Spielen mit Verstand“) und die Hipster-Combo rund um Poetry Slammer Elias Hirschl („Blumen im Haar“) zum Thema. Hirschls Band sorgte auch modetechnisch für Aufsehen, trug der Gitarrist doch einen flauschigen Pullover im Cookie-Monster-Stil von seiner Großtante Erna, und fühlte sich in ebendiesem „durchgehend liebkost“.

Ostrowski glänzte

Dass fragwürdige Mode und persönliche Befindlichkeiten an diesem Abend ausgiebig thematisiert wurden, war dem gewohnt schlagfertigen Michael Ostrowski zu verdanken. Zum zweiten Mal nach zehnjähriger Dirk-Stermann-Ära moderierend, verschonte Ostrowski weder betont intellektuell artikulierende Juroren noch sich im Einzelgespräch sichtlich unwohl fühlende Musiker. „Jeder Satz ein Wagnis, jeder Spruch ein Sprung ins kalte Wasser“, so das Motto des wahren Siegers der Herzen, der an diesem Abend nicht müde wurde, die Diskrepanz zwischen dem „von über 70-Jährigen gehörten“ Radiosender FM4 und dem „Jugend- und Protestsender“ ORF III hervorzuheben, und „aus Protest“ betont „nicht in die Hauptkamera“ zu schauen.

Erstmals wird die von Rabenhof und FM4 ausgerichtete Veranstaltung heuer auch im Fernsehen übertragen: ORF III zeigt das Finale morgen, Samstag, um 22.45 Uhr. Der Protestsongcontest wurde 2004 zum 70. Jahrestag der Februarunruhen des Jahres 1934 ins Leben gerufen. Bei den Einsendungen sind sowohl Eigenkompositionen als auch Coverversionen willkommen, der Text muss jedoch original vom Teilnehmer kommen. 2014 hatte das Kollektiv Fight Rap Camp den Wettbewerb für sich entschieden.

http://www.protestsongcontest.net/