Letztes Update am Mi, 04.03.2015 16:35

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Musik

Interview mit Doris Chrylser: Der Klang mit dem „Houdini-Effekt“

Dorit Chrysler ist eine der wenigen Theremin-Virtuosinnen weltweit. Heute gastiert sie im Stromboli.

© Miriam DaalsgaardKörper- und Klangbeherrschung: Dorit Chrysler hat in New York die Theremin Society gegründet.



Wien – Ein Instrument ohne Tasten oder Saiten, aber mit Antenne. Wie spielt man das? Dorit Chrysler ist eine der wenigen, die’s weiß: Die aus Graz stammende Wahl-New-Yorkerin gehört zum weltweit ziemlich überschaubaren Kreis der Theremin-Spielerinnen und -Spieler, zu jenen also, die mit den Händen Klänge im elektromagnetischen Feld dieses um 1920 vom Russen Lew Termen erfundenen Instruments erzeugen. Das klingt reichlich schräg und nach musikalischer Nische, hält aber längst auch in den Konzertsälen Einzug. Vergangenes Jahr gab die Akademie St. Blasius zusammen mit der Berliner Thereminspielerin Carolina Eyck in Innsbruck Kalevi Ahos Konzert für Kammerorchester und Theremin zum Besten. Dorit Chrysler ist mit ihrem Theremin in elektronischen Pop-Gefilden unterwegs, hat Filmmusiken komponiert, Sound-Installationen für Museen oder auch den Dänischen Pavillon bei der Venedig-Biennale 2013 gemacht. Heute gastiert sie im Haller Stromboli – und sprach mit der TT vorab über den Zauber der Theremin-Klänge.

In Ihrer Wahlheimat New York haben Sie anfangs experimentelle Rockmusik gemacht. Wie kommt man dann zu so einem extravaganten Instrument wie dem Theremin?

Dorit Chrysler: Ich habe schon als Kind im Kinderchor der Grazer Oper gesungen und später auch Musikwissenschaft in Wien studiert. New York war dann gewissermaßen die Rebellion. Und das Theremin stellt für mich eine Art Grauzone zwischen den Bereichen dar, es ist frei und autonom, kann sehr aggressiv, wild und ungezügelt sein, aber auch ganz sanft und emotional. Und es spiegelt sich auch Musikgeschichte darin wider: Es ist das erste elektronische Musikinstrument, das sich aber nie wirklich durchgesetzt hat. Und das einzige Instrument, das man spielt, ohne es zu berühren.

Was irgendwie aussieht wie Zauberei ...

Chrysler: Ich nenne das den „Houdini-Effekt“, das war auch für mich, als ich es bei einem Freund zum ersten Mal gesehen habe, vollkommen absurd und faszinierend. Es geht dabei auch stark um Körperkontrolle, das reicht fast in die Disziplin des Tanzes. Und macht es auch für Kinder wahnsinnig spannend, die heutzutage ja in der Welt der iPads oder der Computerspiele, bei denen mit der Bewegung des Spielers gesteuert wird, aufwachsen.

Erlebt das Theremin jetzt eine Renaissance?

Chrysler: Man kann nicht wirklich Renaissance sagen, denn es hatte ja eigentlich noch nie eine richtige Hochzeit. Aber das Interesse ist gewachsen. Vor zehn Jahren gab es vielleicht fünf oder zehn Konzert-Theremisten, das hat sich unglaublich verbreitert. Es gibt jetzt auch eine junge Generation im Bereich der elektronischen Musik, die das entdeckt.

Sie sind Gründerin und Vorsitzende der New York Theremin Society. Was ist deren Zweck?

Chrysler: Wir wollten eine Plattform kreieren, die demonstriert, wozu das Theremin fähig ist, es bietet einfach unglaublich viele Möglichkeiten. Wir wollten da Pionierarbeit leisten, auch im musik­erzieherischen Bereich.

Sie haben auch für den Kunst- und Filmbereich komponiert, unter anderem für Lars von Trier.

Chrysler: Bei Lars von Triers Produktionsfirma Zentropa war ich einige Jahre unter Vertrag, um Filmmusik zu machen. Er hat für die Mini-Serie „Riget“ eine besonders süße und unschuldige Komposition von mir für sehr blutrünstige Szenen verwendet. Da weiß ich heute noch nicht genau, wie ich das finden soll (lacht). Kinematografisch bietet sich das Theremin natürlich sehr an und es hat ja auch eine eigene Filmgeschichte: In den 1950er Jahren stand es für den Klang des Wahnsinns und des Horrors, es gibt aber sehr elegische Sachen.

Das Gespräch führte Ivona Jelcic