Letztes Update am Do, 21.05.2015 07:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Esoterik

Hinz und Kunz als Heiland

Der Tiroler Johannes Fischler ist tief eingetaucht in die boomende Welt der Esoterik. Er sieht in Engelsfestivals und spirituellen Gebrauchsutensilien vor allem Geschäftemacherei.

Akt der Psychohygiene. Johannes Fischler hat seine Esoterikrecherchen in Buchform festgehalten.

© Thomas Böhm / TTAkt der Psychohygiene. Johannes Fischler hat seine Esoterikrecherchen in Buchform festgehalten.



Von Markus Schramek

Hall – Für die einen ist es Humbug, andere schöpfen daraus Kraft. Wie auch immer: Esoterik, die Hinwendung zu grenzwissenschaftlichen Lehren und Praktiken, die auf Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung abzielen, hat einen Fixplatz im Leben vieler Menschen. Der Tiroler Johannes Fischler, 37-jähriger Psychologe und Buchautor, sieht in Esoterik vor allem Geldmacherei, wie er im TT-Interview erklärt.

Sie setzen sich sehr kritisch mit Esoterik auseinander. Was motiviert Sie dazu?

Johannes Fischler: Ein Akt der Psychohygiene, ein tiefer innerer Schmerz, den ich loswerden musste. Freunde von mir, ein Paar Ende 30, sind dem Esoterikwahn verfallen. Sie haben ihr ganzes Geld ausgegeben, es sozusagen in spirituelle Energie umgewandelt.

Was genau ist Ihren Freunden widerfahren?

Fischler: Sie sind in eine Fantasiewelt abgeglitten, die sie allmählich für real hielten. Ständig waren sie auf der Suche nach Anschluss an eine höhere Wirklichkeit. Ihr Tag bestand nur noch aus Meditation und dem Anhören von Lichtgesängen, Klänge aus vermeintlich überirdischen Dimensionen. Überall in der Wohnung standen Engelsessenzen, die Heilung und Reinigung versprachen.

Was ist in diesen Essenzen?

Fischler: Das sind harmlose Wässerchen, die in Pumpzerstäubern verkauft werden. Man besprüht sich, um geschützt zu sein, aber auch für ganz profane Dinge wie ein besseres Sexualleben. Im Internet, für 20 Euro aufwärts das Fläschchen, ist das erhältlich. Aber es gab natürlich auch reihenweise Engelsfiguren in der Wohnung des besagten Paares.

Engelsfiguren?

Fischler: Puppen, die äußerst kindlich anmuten und bei so genannten Engelsfestivals energetisch aufgeladen werden. Die nimmt man quasi zur Segnung der eigenen vier Wände mit nach Hause.

Recherchen für Ihr Buch führten Sie samt Aufnahmegerät zu solchen Engelsfestivals. Wie laufen diese ab?

Fischler: Es ist ein großes Geschäft für die Veranstalter. Nehmen wir einmal an, 1600 Teilnehmer bezahlen pro Kopf 240 Euro für zwei Tage, das macht schon 384.000 Euro nur aus Eintrittsgeldern. Dazu kommen noch Einnahmen aus Messeständen und einschlägigen Kursen.

Was wird dafür geboten?

Fischler: Man soll sich rosa oder hellweiß bekleiden. Es wird meditiert, hymnische Musik läuft im Hintergrund, alle sind total nett zueinander, man wird mit Liebe förmlich bombardiert. Plötzlich fühlt man sich selbst sehr wohl, der Gruppendruck wirkt, der Verstand dämmert weg.

Und der Höhepunkt des Ganzen?

Fischler: Auf der Bühne sitzt ein „Channelmedium“, jemand, der behauptet, er oder sie stehe in Kontakt mit „Aufgestiegenen Meistern“ oder Lichtwesen. Diese Person empfängt göttliche Botschaften und formuliert hypnotische Sätze wie: „Die Engel sind unter uns, sie erteilen uns die Taufe der Liebe.“ Hier werden Hochgefühle geschickt inszeniert. Und dann springen die Türen auf, alles strömt zu den Verkaufsständen. Dort sind spirituelle Konsumartikel für und gegen alles Mögliche zu erwerben: handliche Engels-Pumpzerstäuber, hochschwingende Energiekerzen oder ein Engelscollier um ein paar tausend Euro. Je mehr Geld man opfert, desto höher schwingt man.

Wie viel Geld ist auf dem Esoterikmarkt zu holen?

Fischler: In Deutschland lassen sich zwischen 20 und 25 Milliarden Euro pro Jahr mit Esoterik verdienen – fast so viel wie mit Pornographie und fast dreimal so viel wie mit Bier. Apropos, nach mancher Recherche inkognito musste ich ein Bier trinken gehen, um das Erlebte zu verdauen.

Warum besuchen erwachsene Menschen solche Veranstaltungen?

Fischler: Das hat mit der Narzissmus-Epidemie unserer Gesellschaft zu tun: viel Selbstverliebtheit, der Drang, sich selbst zu verwirklichen, sich als auserwählt zu sehen. „Smile or die“, lächle oder stirb, lautet die Devise. Verlierer seien selbst schuld. Wer sich nur positiv genug programmiert, erwächst quasi zum Übermenschen. Berauscht von diesem Dunst, wird man empfänglich für freudige Botschaften von Lichtwesen. Es bleibt aber nicht bei den Erwachsenen. Viele Eltern sehen in ihren Kindern wiedergeborene spirituelle Heilsbringer, so genannte Indigo-Kinder. Auch für den Nachwuchs gibt es maßgeschneiderte Esoterik, geraubte Kindheit inklusive.

Niemand wird gezwungen, an einem Engelsfestival teilzunehmen oder Geld in Essenzen zu investieren.

Fischler: Stimmt. Ich mache mich auch über die Teilnehmer nicht lustig. Wir alle brauchen dann und wann einmal das Irrationale im Leben. Doch es darf nicht so weit gehen, dass man beginnt, sich selbst, einem Messias gleich, als von oben berufenen „Lichtarbeiter“ zu betrachten. Aber genau das tun leider immer mehr Menschen, auch in Tirol.

Wer ist für solche Botschaften besonders zugänglich?

Fischler: Vor perfiden psychischen Manipulationen ist fast niemand gefeit. Einmal reingezogen, entpuppen sich intelligente Menschen oft als ärgste Fanatiker. Und der Einstieg ist einfach. Esoterische Praktiken kann man in Fortbildungskursen lernen, Hellsichtigkeit inbegriffen. Durch das Internet ist die Esoterikmaschinerie voll angelaufen. Die Involvierten bekommen das Gefühl, aktiver Teil einer neuen spirituellen Community zu sein. Keine Rede mehr von den Gurus früherer Jahre, von tagelangem Darben im Schneidersitz bei betörenden Sitarklängen: In der Esoterik 2.0 fühlen sich Hinz und Kunz zum Heiland berufen. Das Internet dient als Drehscheibe zur Selbst-Bespiegelung und zum Konsum.

Was ist aus dem befreundeten Paar geworden?

Fischler: Ich habe vergeblich versucht, auf die beiden einzuwirken. Sie sind auf Distanz gegangen, weggezogen. Wir haben keinen Kontakt mehr.