Letztes Update am Fr, 26.06.2015 12:35

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Freizeit

Ötztaler Mopedmarathon: Die Helden der Langsamkeit

Ein Radfahrer ist ihr Tempomacher, Motorschäden sind eingeplant und wer liebt, der schiebt auch mal seinen Liebling das Kühtai hinauf. Ganz egal, die 500 Teilnehmer beim Ötztaler Mopedmarathon am Samstag haben mehr im Sinn als einen hohen Speed und am Ende den Sieg. Sie leben ihre Leidenschaft für Mopeds und Mofas aus.

© mopedmarathonAuf Schnee und Asphalt. 2013 fuhren die Freunde Philipp Ribis (v. l.), Manuel Ribis, Jakob Gamper, Urban Santer, Mario Karlinger und Daniel Fiegl zu sechst die Strecke des Öztaler Radmarathons ab. Heuer starten 500 Fahrer.



Zündkerzen, Zündkerzen, Zündkerzen. Und noch mehr Zündkerzen. Das ist die Antwort von Manuel Ribis, Präsident des Ötztaler Mopedvereins, auf die Frage, was man denn zu seiner „Party“ mitnehmen soll. Der Spaß kommt beim Ötztaler Mopedmarathon ganz von alleine. Wichtig ist es, genug Zündkerzen zum Wechseln mitzuhaben. Die wird man bauchen. Am kommenden Samstag empfangen er und sein Team 500 Teilnehmer zur Rundfahrt auf der Strecke des Ötztaler Radmarathons.

Klingt irgendwie danach, als gebe es da ein paar Typen, die zwar die Strecke des Radmarathons nett finden, aber die Strapazen der Pedaltreter nicht auf sich nehmen wollen. So ungefähr hat das Ganze auch angefangen: „Ich bin beim Radmarathon in der Rennleitung, dann haben ein paar Kollegen gescherzt, dass ich mit meiner Figur die Strecke maximal mit dem Moped schaffen würde“, erinnert sich Ribis. Eine Idee war geboren.

Herausgeholt werden die alten Maschinen aus der Garage. Sie knattern, die Bremsen laufen heiß und doch darf man sich wieder jung fühlen, wie in den 80ern. Das Moped und mehr noch das Mofa waren jahrzehntelang der einzige Weg in die mobile Unabhängigkeit. Die Jungs hatten viel zu lange Haare, manche sagen, es waren Halbstarke, aber die Mädchen standen schon irgendwie drauf. Doch man wird erwachsen, irgendwann muss es doch ein Auto sein. Aber die alte Liebe rostet nicht. Die sechs Kollegen, jetzt der Vereinsvorstand, machten sich also 2013 mit ihren auf 50 cm³ Hubraum beschränkten Zweirädern auf den Weg. Das Echo im Netz war enorm, viele wollten es den sechs Tirolern nachmachen, so dass im vergangenen Jahr ein Event mit 130 Teilnehmern organisiert wurde. Darunter ein Radfahrer. Der Extremradsportler Patric Grüner aus Längenfeld bekam zehn Minuten Vorsprung. Der Sinn dahinter: Der Tempomacher sollte, genauso wie heuer, die schnellste Zeit vorlegen. Ja genau, die schnellste! „Ihn darf man nicht überholen, aber das schafft eh keiner. Der Patric fährt bei der Strecke 28 bis 30 km

h im Schnitt, ein gutes Moped 26“, ist sich Ribis sicher. Da sind nicht einmal die Pausen miteingerechnet. Und davon wird es heuer wieder viele geben. Zum Essen, zum Trinken, zum Pinkeln, zum Helfen, zum Reden, zum Zündkerzen-Wechseln, zum Tanken, zum Warten, bis die Bremsbacken wieder funktionieren. Wenn der Letzte im Ziel ist, wird aus seiner Zeit und jener des Radfahrers (ca. 8 Stunden) die Mittelzeit ausgerechnet, und wer der am nächsten ist, gewinnt.

Deshalb stand der Sieger vor einem Jahr lange nicht fest. „Uns sind sechs Leute abgegangen, die waren nach dem Timmelsjoch verschollen – in einem Gasthaus.“ Aber weil man ihre Zeit brauchte, tranken sie aus und fuhren weiter ins Ziel. Den Sonderpreis gab es für eine andere Truppe. Der Begleiter einer Vespa-Gruppe hat für vier fast 30 Jahre alte Mopeds, die ohnehin Benzin mit hohem Oktanwert nicht gewohnt sind, den teuersten Diesel (!) getankt. „Die vier sind keine 100 Meter mehr gefahren“, erinnert sich Ribis. Sprit ablassen, eine Stunde Vergaser durchputzen und weiter. „Solche Situationen machen diese Rundfahrt zu einem Gruppenerlebnis. Man überholt vielleicht ein paar, aber dann muss man stehen bleiben, so trifft man sich den ganzen Tag vier- bis fünfmal.“

Helm, Sonnenbrille und Weste, auch das Outfit soll beim Mopedmarathon zum Stil des Gefährts passen.
- mopedmarathon

Strapazen der anderen Art

Ein Fragezeichen stand lange hinter der Durchfahrt vom unwettergeschädigten Sellraintal. „Der Bürgermeister lässt uns vielleicht durch den Baustellenweg fahren, dafür hilft jeder der Teilnehmer fünf Minuten schöpfen“, hat Ribis eine spontane Idee, die sich aber nicht durchführen lassen wird und deshalb muss eine Ersatzstrecke über das Haiminger Sattele gefahren werden. Aber der Gedanke zählt.

Beim Aufräumen helfen, das Moped bei Hitze ins Kühtai hinaufschieben, bei Regen vielleicht hinunterfahren, verschollene Teilnehmer suchen, platte Reifen wechseln, fertige Radlager tauschen, Zündkerzen wechseln – und jetzt sage noch einer, diese Mopedfahrer würden für ihre alte Liebe keine Strapazen auf sich nehmen! (Matthias Christler)