Letztes Update am So, 19.07.2015 10:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Über das Wort „geil“

Viel Lust und ein kleiner (geiler) Ort

Geil ist nicht nur irgendein Wort, sondern von Jugendlichen das vielleicht am meisten benützte. Mittlerweile kann alles geil sein. 30 Einwohner im hohen Norden sind es sogar die ganze Zeit über recht schamlos.

Eine geile Party - die erleben nicht nur junge Leute. Auch schon ältere Semester verwenden das Wort "geil" in einem positiven - nicht lüsternen - Sinn.

© iStockEine geile Party - die erleben nicht nur junge Leute. Auch schon ältere Semester verwenden das Wort "geil" in einem positiven - nicht lüsternen - Sinn.



Das Ortsschild steht vermutlich in vielen Partykellern, erzählt Margrit Jebsen. „Es wird ganz oft abgeschraubt oder sogar mit dem Masten abgesägt. Doch wir stellen das Schild immer wieder auf.“ Die Deutsche ist Bürgermeisterin der Gemeinde Munkbrarup – an und für sich schon ein nicht alltäglicher Name. Doch die partywilligen Diebe haben es auf einen kleinen, noch ungewöhnlicheren Gemeindeteil abgesehen: Geil.

Beinahe jeder schöne Moment, Augenblick und jedes noch so kleine Erlebnis sind mittlerweile „geil“. Das Schild ist dementsprechend beliebt. Routiniert beantwortet Jebsen am Telefon die Fragen der Tiroler Journalistin. Es dürfte nicht die erste derartige Anfrage gewesen sein. Gerade einmal 30 Einwohner hat die kleine Ortschaft in Schleswig-Holstein nahe der dänischen Grenze. „Die Bewohner sehen den Namen mit Stolz und können darüber lachen“, schildert Jebsen.

Vom überwuchernden Ginster zur Überheblichkeit

Im 17. Jahrhundert wurde der Ort mit der für Diebe attraktiven Schreibweise erstmals in Kirchenbüchern erwähnt. Der Name stamme laut Jebsen vom dänischen Wort für Ginster, „der in diesem Gebiet besonders stark gewachsen ist“. Geil überwuchert mittlerweile aber auch die Sprachlandschaft der jungen Generation und wächst darüber hinaus. Das kleine Wort mit den vier Buchstaben hat eine Geschichte, weiß Sprachwissenschafterin Katharina Zipser von der Universität Innsbruck.

„Als älteste Bedeutung von ,geil‘ ist im Althochdeutschen seit dem achten Jahrhundert ,übermütig, überheblich, erhoben’ belegt. Im Mittelhochdeutschen gewinnt das Adjektiv bei Menschen die Nuance ,fröhlich’ hinzu.“ Allmählich erhielt das Wort dann eine sexuelle Konnotation. „Aus ,übermütig, fröhlich’ wurde ,lüstern’. Im Zusammenhang mit Pflanzen hingegen steht ,geil‘ seit dem Mittelalter für ,üppig, wuchernd’“, erklärt die Sprachwissenschafterin. So passiert es, dass eine saftige Wiese schon mal als „geil“ umschrieben wird.

Der Kreis schließt sich

Die Oberösterreicher wandeln das Wort ab und geben es auf den Kuchenteller. Bei ihnen ist eine üppige Cremetorte mit viel Schlag und/oder Zucker „geilig“. Bis heute hat sich aber auch die sexuelle Bedeutung gehalten, wenngleich andere Verwendungen hinzugekommen sind. Diese nähern sich wieder an die ursprüngliche – fröhliche – Bedeutung an. So schließt sich der Kreis.

„Heute dient ,geil‘ der umgangssprachlichen Steigerung von ,gut‘ in vielerlei Varianten, es dient dem Ausdruck von Begeisterung“, sagt Zipser. Und die muss derzeit besonders groß sein. Denn das Wort käme sehr häufig vor, es ginge über die Umgangssprache hinaus und habe seinen Platz im Sprachgebrauch erobert. Es ist derzeit ein Modewort, attestiert die Sprachwissenschafterin – und nicht nur bei Jugendlichen in Verwendung. Auch der 50-Jährige bezeichne mitunter etwas als „geil“, meint Zipser. „Die 90-jährige Oma hingegen werde es vielleicht eher meiden, weil sie von der sexuellen Bedeutung peinlich berührt sein könnte.“

Bürgermeisterin Jebsen gibt nach einigem Überlegen zu, dass der Ortsname „Geil“ anfangs „gewöhnungsbedürftig“ gewesen sei. Doch: „Wir kommen gut klar damit. Das Wort ist ja nicht mehr anrüchig, sondern gesellschaftsfähig.“ Jebsen selbst verwendet das Wort übrigens höchstens privat, „wenn ich mich zum Beispiel über ein Konzert sehr freue“. Eine „geile Zeit“ erleben eben nicht nur Jugendliche. Das hat die Band Juli auch schon gesungen. (Deborah Darnhofer)

Die 10 geilsten Songs
1.

Geiler is’ schon von Marius Müller Westernhagen (1983): Der deutsche Rockmusiker wusste früh, um was es im Leben eigentlich geht.

2.

Geil von Bruce & Bongo (1986): Die Briten waren begeistert vom Wort und erlebten ein One-Hit-Wonder.

3.

Geil, geil, geil von Wolfgang Petri (1998): Auch Schlagerfans kennen das Wort zur Genüge. Ob es spezielle Armbänder dazu gab?

4.

Geile Zeit von Juli (2004): „Es is’ vorbei“, heißt es im Refrain. Mit „geil“ in Liedern aber noch lange nicht.

5.

Richtig geil von Icke & Er (2006): So ist das Leben der Berliner Rapper.

6.

Leider geil von Deichkind (2012): In Österreich wurde der Song im selben Jahr „Jugendwort des Jahres“.

7.

Geile Welt von Cro (2012): Bei dem Hype um das Deichkind-Lied ging der Song des Rappers fast unter.

8.

Supergeil von Der Tourist feat. Friedrich Liechtenstein (2014): Ein deutscher Supermarkt landete damit einen Internethit.

9.

Geil von Trackshittaz, Harris & Ford (2014): Die Jungs loben die „geilen Weiber“ aus allen Bundesländern.

10.

Wieder geil von We Butter The Bread With Butter (2015). Strenggenommen ein Album, dafür mit Hardrock vom Feinsten oder Geilsten?