Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 26.08.2015


Fragen von Touristen

„Wie viel kostet das Goldene Dachl?“

Andere Länder, andere Sitten: Innsbruck-Touristen sind erstaunt über kleine Gräber, orientalische Zwiebeltürme und Heilige gegen Zahnbelag. Stadtführer erzählen von lustigen Begebenheiten mit Gästen.

© Andreas Rottensteiner / TT„Per Pedes“-Gründerin Monika Frenzel ist die Spezialistin in der Hofkirche. Sie ärgert sich, wenn jemand Touristen einen Bären aufbinden will.



Von Theresa Mair

Innsbruck –Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“, heißt es schon in einem 250 Jahre alten Gedicht von Matthias Claudius. Doch nicht nur die vielen Tausend Touristen, die Tirol und seine Landeshauptstadt jedes Jahr besuchen, haben zurück in der Heimat viel von ihren Erlebnissen zu berichten. Auch die Stadtführer von Innsbruck, die den Besuchern bei Stadtspaziergängen Kultur und Geschichte näherbringen, können von amüsanten Begegnungen mit den Gästen und komischen Touristen-Fragen ein Lied singen.

Monika Frenzel, die Organisatorin der „Per Pedes“-Stadtführungen in Innsbruck und ihr Mitarbeiter Jim Auer haben für die TT mit ihren mehr als zwanzig Kollegen in ihren Erinnerungen gekramt und aus dem Fundus ihrer Erlebnisse die skurrilsten Anekdoten zutage gefördert. Der Kinderreichtum und die Heiratspolitik der Habsburger faszinieren demnach viele Touristen.

Verena Brown zeigt Kindern bei der „Weitsicht-Führung“ mit Ferngläsern die Details am Prunkerker des Goldenen Dachls.
- Andreas Rottensteiner / TT

„Ich wurde gefragt, ob der Gatte von Maria-Theresia wirklich der Vater von allen 16 Kindern war“, schmunzelt Frenzel. Selbstverständlich seien alle von Kaiser Franz Stephan (1708 bis 1765). Viele dächten auch, dass Kaiserin Sisi (1837 bis 1898) eine ihrer Töchter war, was schon rein rechnerisch gar nicht möglich wäre. Hofburg-Besucher fänden es auch oft komisch, dass im Schlafgemach nur ein Bett steht. „Franz Joseph war immer ohne Sisi in Innsbruck. Da hat er nur ein Bett gebraucht“, lautet die logische Antwort.

Doch auch zwei Maximilians sorgen im Hause Habsburg für Verwirrung. Viele würden nämlich Kaiser Maximilian („der letzte Ritter“, 1459 bis 1519), der die Hofkirche mit den „Schwarzen Mandern“ in Auftrag gegeben hat, mit Erzherzog Ferdinand Maximilian verwechseln. Letzterer war nämlich kurzzeitig, von 1864 bis 1867, als Kaiser Maximilian I. in Mexiko auf dem Thron. Aber: „Ich habe auch schon selbst gehört, wie Fiaker den Gästen sagten, dass die Hofkirche auf Kaiser Maximilian von Mexiko zurückgeht. Heute kann man den Touristen aber nicht mehr solche Räuberpistolen erzählen“, ist sich Frenzel sicher. Die Gäste seien durch das Internet viel besser vorinformiert als früher und die Prüfungen, die Stadtführer ablegen müssen, sehr anspruchsvoll.

Jim Auer kennt sich besonders gut mit dem Goldenen Dachl und den 
Familienverhältnissen von Kaiser Maximilian aus.
- Andreas Rottensteiner / TT

Apropos Kaiser Maximilian: Ein amerikanischer Gast hat sich dafür interessiert, wie viel das Goldene Dachl in Dollar kosten würde. Weder Frenzel noch Auer haben eine Antwort parat. Nur so viel: „Es besteht aus 2657 dünn vergoldeten Schindeln. Falls eines gestohlen wird, gibt es immer ein paar in Reserve“, weiß Auer. Es scheint, als ob sich US-Amerikaner überhaupt gern Gedanken über die Tiroler Wirtschaft machen. Einer habe festgestellt: „Wenn es hier keine afrikanischen Sklaven gab, wurde ja das eigene Volk ausgebeutet!“ Einen anderen trieb vielmehr die Frage um, ob nun Innsbruck oder Washington früher erbaut wurde.

„Die Franzosen sind große Fragensteller“, wissen die Stadtführer. Verwundert seien sie aber häufig über die kleinen Gräber auf den Friedhöfen. „Da stehen wir ja auf den Füßen der Toten!“, soll einer am Wiltener Friedhof ausgerufen haben. „Sind die Tiroler etwa orthodox?“, wollte ein anderer Gast beim Anblick der Zwiebeltürme vieler Kirchen wissen. Wieder andere würden deshalb gerne mehr über die orientalischen Einflüsse in Tirol erfahren. Sprichwörtlich auf die Spitze hätten es aber die Franzosen getrieben, indem sie der Hohen Munde einen französischen Namen verpasst haben: de Gaulle. Der Berg erinnere in seiner Form nämlich an den Kopf des liegenden französischen Generals Charles de Gaulle.

Immer für eine Anekdote gut sind auch die Heiligen-Darstellungen in den Kirchen. Einer Stadtführerin sei etwa bei der Erklärung zum Pestheiligen Sebastian ein Fehler unterlaufen. Demnach übersetzte sie das Wort „Pest“ mit „plaque“ (dt. „Zahnbelag“) statt mit „The Plague“. Eine Teilnehmerin mit auffallend gelben Zähnen habe daraufhin gemeint, dass sie diesen Heiligen einmal anrufen werde. Ein gut aufgelegter Kirchenbesucher aus Bayern hat eine Stadtführerin gefragt: „Wer ist denn der Heilige da mit der Schwiegermutter?“ Es stellte sich heraus, dass die Anspielung dem Heiligen Georg galt. Er wird mit einem Drachen dargestellt.

Offenbar gelingt es den Stadtführern sehr gut, ihr Publikum in die Vergangenheit zu entführen. Da wundert es nicht, dass Frenzel gefragt wurde: „Sie sind doch auch eine Habsburgerin, oder?“ Und wenn der Landeshauptmann die Gäste begrüßt, gebe es immer welche, die fragen: „Ist das jetzt der Echte?“