Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 06.09.2015


Rettung am Mount Kenia

Als ganz Kenia für einen Tiroler betete

Überlebenskampf. Kameradschaft. Vaterliebe. Zusammenhalt über alle Grenzen hinweg. Wunder und Tod. Der Absturz des Innsbruckers Gert Judmaier 1970 am Mount Kenia hat alle Facetten, wie man sie sonst nur aus Hollywood-Filmen kennt. Jetzt wird das Bergunglück von damals verfilmt und Reinhold Messner ist mit von der Partie.

© Thomas Boehm / TTInnsbruck 2015: Gert Judmaier erzählt von seinem Unfall am Mount Kenia.



Man sitzt einem fleischgewordenen Wunder gegenüber und kommt aus dem Staunen nicht heraus. Denn die Ereignisse liegen zwar 45 Jahre zurück und Gert Judmaier wird u. a. aufgrund seiner 74 Jahre bei seinem momentanen Aufenthalt in Kenia den höchsten Berg des Landes nur umrunden. Doch die Geschichte des Innsbruckers hat nichts an Spannung verloren — im Gegenteil, erzählt sie doch von einer Zeit, als die technischen Möglichkeiten von heute Zukunftsmusik, Wunder aber trotzdem möglich waren.

„Ja, wir waren jung und dumm, auf der Suche nach Abenteuern“, erzählt Judmaier. „Wir“ — das waren der damals 29-Jährige sowie der 27-jährige Vorarlberger Oswald Oelz. Beide Internisten. Beide begeisterte Bergsteiger. Und beide immer wieder gemeinsam unterwegs. Ferne Berge wollten die Freunde 1970 erkunden, nach Afrika ging die Fahrt, der 5895 Meter hohe Kilimandscharo in Tansania war das erste Ziel. Doch nur Judmaier schaffte es auf den Gipfel, Oelz wurde höhenkrank. „Den Grund für seine Erkrankung kannte er damals aber nicht, später wurde die Höhenmedizin vielleicht auch deshalb sein Forschungsgebiet“, sagt Judmaier.

Als Nächstes ging es zum Mount Kenia (5199 m). „Wir haben uns erkundigt, was man dort machen kann, Beschreibungen gab es ja damals kaum.“ Über leicht ansteigendes Gelände durch Felder, Regenwald und Heide- bzw. Moorland gelangten die Beiden zum Fuß des zweithöchsten Bergmassivs in Afrika. Von dort kletterten sie in „einem Gelände im fünften Schwierigkeitsgrad 800 Höhenmeter auf den Gipfel“.

Zu Mittag war der höchste Punkt erreicht, dann begannen Judmaier und Oelz mit dem Abstieg. An die 150 Höhenmeter wurde abgeklettert, dann bereitete man sich für das Abseilen vor. „Ich habe hinuntergeblickt und mich dabei an der Felswand gehalten“, erinnert sich Judmaier. Sekunden später bricht ein Stück Fels aus, der Internist fällt in die Tiefe.

18 Meter geht es hinab, dann erwischt Oelz das Seil, an dem sein Bergkamerad sich schon eingehängt hatte. Er kann den Sturz halten, verbrennt sich dabei die Hände, sichert und steigt zu Judmaier ab. Als Erstes findet er ein Stück Schienbein, dann ist er bei seinem Kameraden angelangt.

Und weil sie beide Ärzte sind, ahnen sie, was ein offener Unterschenkelbruch am rechten Bein in dieser Höhe und einem Land wie Kenia bedeutet. „Wir wussten, wir können nichts tun“, sagt Judmaier heute, aber auch damals, vor 45 Jahren, war er ruhig. „Ich war nicht völlig verzweifelt, ich habe bis zu diesem Zeitpunkt gut gelebt.“ Der kaputte Fuß wird mit dem Fotostativ geschient und abgebunden, Judmaier im Biwacksack auf dem Felsband liegend an der Wand fixiert. Oelz lässt noch eine Dose Fruchtkompott und Whiskey zurück. „Und dann habe ich gesagt, schau, dass du gut runterkommst, bei mir ist es aus.“

Judmaier bleibt in 5000 Metern Höhe alleine zurück, es wird dunkel und fängt zu schneien an. Die vergilbten TT-Artikel mit wenigen Fotos, die 1970 von dem Unglück am Mount Kenia berichteten, liegen vor dem Innsbrucker ausgebreitet. Und nur eine Frage drängt sich auf.

Wie viel Kraft kann in einem Menschen stecken? Unvorstellbar viel, wenn man diese Geschichte hört. Denn 1970, als noch keine Alarmierung über Handy möglich ist, Hubschraubereinsätze auch in Europa noch die Ausnahme sind und es in Österreich eine Bergrettung gibt, aber in Kenia nicht, muss dieser Absturz mit völlig anderen Augen gesehen werden.

Oelz gelingt mit seinen verbrannten Händen zwar der Abstieg zum Biwak Kami Hut auf 4500 Metern Höhe, zwar alarmiert ein weiterer Bergsteiger, der noch tiefer geht, den Mountain Club Kenia sowie die Polizei. Doch das alles dauert Zeit, viel Zeit — und weil der Aufstieg zum Verunfallten beim ersten Anlauf nicht gelingt, schafft es Oelz erst nach der zweiten Nacht, die Judmaier allein am Berg verbringt, zu ihm.

„Er hat geglaubt, ich bin tot. Doch dann hat er gerufen, und da hat sich der rote Biwacksack bewegt. Und ich soll ihn gefragt haben, dass du noch lebst??“ erinnert sich Judmaier. Der Innsbrucker ist heute noch fasziniert von seinem Überlebenswillen, den er im Angesicht des Todes bewies. Zwar wollte er sich immer wieder losbinden, sich in die erlösende Tiefe fallen lassen, doch er tat es nicht. Und er lockerte auch immer wieder seinen Druckverband, „ich wusste als Arzt, dass man das tun muss“. Erst am zweiten Tag erfährt Fritz Judmaier, Vater von Gert Judmaier und ebenfalls Mediziner, von dem Unfall. Allerdings ist zu diesem Zeitpunkt in Österreich noch nicht bekannt, ob Oelz oder Judmaier abgestürzt ist.

Vater Judmaier telefoniert mit dem damaligen Chef der Tiroler Bergrettung, „da ist keine Rettung mehr möglich“, sagt dieser. Doch Judmaier setzt sich ins nächste Flugzeug, fliegt nach Kenia, erfährt dort, wer am Berg liegt. Er telefoniert erneut, diesmal mit dem damaligen Bergrettungsarzt Gerhard Flora in Innsbruck, und bittet ihn, Hilfe aus der Heimat zu organisieren.

Denn zwar ist Gert Judmaier, immer noch auf 5000 Meter Höhe liegend, inzwischen mit Medikamenten versorgt worden. Doch ein erster Versuch, ihn abzutransportieren, schlägt fehl. „Huckepack ging nicht, da wurde ich gleich ohnmächtig. Dann wurde ich in eine Metallliege gelegt, doch in den zwei Tagen, in denen ich da lag, ging es kaum weiter.“

In Kenia ist der Überlebenskampf am Mount Kenia inzwischen zur bestimmenden Geschichte des Landes geworden. Alle Zeitungen berichten darüber, die Hilfsbereitschaft ist groß. Ein junger Amerikaner bezahlt sie mit dem Leben: Er stürzt beim Versuch, mit einem Hubschrauber Material auf den Berg zu bringen, ab.

„Flugrettung, das war damals ja noch ein Fremdwort“, erzählt Walter Spitzenstätter. Vorsintflutlich hört sich auch eine andere Geschichte aus dem Munde des Innsbruckers an: Während der tagelangen Rettungsaktion warf etwa der Pilot einer Cessna Zettel ab, um die Helfer zu informieren. „Einmal war folgende Botschaft dabei, und zwar: ?Haltet durch, ganz Kenya betet für euch“, sagt Spitzenstätter.

Durchgehalten haben sie alle: Gert Judmaier, der am achten Tag endlich an den Wandfuß gebracht werden kann und am neunten Tag im Spital in Nairobi liegt. Und durchgehalten haben auch die sechs Tiroler Retter Walter Spitzenstätter, Horst Bergmann, Werner Haim, Kurt Pittracher, Walter Larcher und Raimund Margreiter, die nach dem Aufruf des Vaters von Gert Judmaier innerhalb von 48 Stunden von Innsbruck bis zum Wandfuß des Mount Kenia fliegen, fahren, gehen.

„Wir sind nicht sicher gewesen, dass wir es noch schaffen“, erzählt Spitzenstätter, doch letztendlich war es der Erfahrung und dem mitgebrachten Material der Tiroler zu verdanken, dass Judmaier gerettet werden konnte. Und die Freude von Vater Judmaier, der die ganze Rettungsaktion bezahlt hatte, kann man sich auch ohne viele Worte vorstellen.

In diesen Tagen halten sich Judmaier und Spitzenstätter wieder in Kenia auf. Doch nicht nur sie. Die Rettungsaktion von 1970 soll filmisch aufbereitet werden, am 12. September fliegen Filmcrew und Schauspieler nach Afrika. „Die Geschichte hat mich immer schon fasziniert. Jetzt hat Servus TV das Geld bereitgestellt“, erzählt Reinhold Messner, der das als zweiteilige TV-Doku geplante Projekt als Regisseur begleitet.

Eine neue Aufgabe für den Südtiroler, der ebenso vor Ort sein wird wie Oswald Oelz und die Ötztaler Brüder Hansjörg und Vitus Auer, die einige der Szenen nachstellen werden. „Dafür lässt sich Hansjörg einen Bart wachsen, er spielt den Gert. Und wir haben ihm eine Brille machen lassen, die dasselbe Modell ist wie jene, die Gert 1970 getragen hat“, berichtet Spitzenstätter.

„Die Faszination der Geschichte und die Begeisterung von Reinhold Messner haben uns bewogen, dieses Projekt zu verwirklichen“, sagt Hans-Peter Stauber von den Servus-TV-Bergwelten. Ausgestrahlt werden soll die Doku übrigens im September 2016. Dann ist es 46 Jahre her, dass sich Reinhold Messner und Gert Judmaier kennen gelernt haben: Als der Nordtiroler nämlich nach dem Mount Kenia monatelang auf der Innsbrucker Klinik behandelt werden musste, lag im Bett daneben der Südtiroler, der von seiner Nanga-Parbat-Besteigung mit erfrorenen Zehen nach Europa zurückgekehrt war.

Zweieinhalb Jahre nach seinem Unfall im Jahr 1970 fuhr Judmaier übrigens wieder nach Afrika. Mit Krücken wollte er damals auf den 5109 Meter hohen Ruwenzori in Kenia steigen, „ich bin allerdings nicht hinaufgekommen“, erzählt er lachend. Und vielleicht ist auch das ein Grund, warum der Innsbrucker diesen Unfall vor 45 Jahren in hoher Höhe und fern jeglicher Zivilisation überlebt hat: Weil er jene kleine Prise Lässigkeit und Kaltschnäuzigkeit besitzt, die in gewissen Situationen Wunder bewirken kann. (Irene Rapp)


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