Letztes Update am Do, 05.11.2015 08:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Die Prüfung, die jeder besteht

Das Ende des Lebens ist ein wenig öffentlicher geworden, man will heute nicht nur den Tod, sondern auch das Sterben planen. Der Wiener Philosoph Thomas Macho glaubt, die Gründe dafür zu kennen. Denn nur eines ist ganz sicher: Der Tod bleibt ein Rätsel.

Thomas Macho.

© fritschefoto.deThomas Macho.



Die Meldung von 72 in einem Lkw erstickten Menschen, die Körper ertrunkener Flüchtlinge: In den letzten Monaten haben die Europäer viele Bilder vom Tod gesehen. Was bewirken diese Fotos bzw. verdrängt man diese auch schnell, weil man es nicht mehr ertragen kann?

Thomas Macho: Es ist nicht das erste Mal, dass uns solche Schreckensbilder erreichen. Nach dem französischen Historiker Philippe Ariès sind es Bilder des verwilderten Todes, der ohne Vorbereitung, ohne Rituale und mit der tragischen Wucht von Natur aufzutreten scheint. Und das erschreckt uns, weil es unserer Lebenswirklichkeit ein Stück weit entzogen ist. In unserer Welt sterben zwar auch Menschen, aber meistens in fortgeschrittenem Alter, sehr viel seltener als Kinder. Und wenn sie sterben, dann gibt es viele Möglichkeiten medizinischer Betreuung, z. B. die Möglichkeiten der Palliativmedizin und der Sterbebegleitung im Hospiz. Aber so ein toter Junge am Strand – das ist ein Symbol für den wilden Tod. So ein Foto erregt daher Aufmerksamkeit, wird allerdings auch rasch wieder vergessen. Solche Bilder sind vor allem verdrängungsbedürftig, weil sie daran erinnern, dass der Frieden auch in Europa brüchig bleibt. Schon wenn behauptet wird, dass wir seit dem Zweiten Weltkrieg keinen Krieg mehr in Europa erlebt haben, vergessen wir z. B. die Kriege auf dem Balkan. Daran lässt sich auch die Verdrängung der eigenen Geschichte und der mit ihr verbundenen Erinnerungen beobachten.

Was versteht denn der Philosoph eigentlich unter dem Tod?

Macho: Den einen Philosophen hat es nie gegeben und daher gibt es auch viele verschiedene Antworten auf die Frage nach dem Tod. Für Albert Camus ist der Tod Ausdruck des Absurden. Im 19. Jahrhundert wiederum ist der Tod der Preis, den man als Mensch für die natürliche Existenz entrichten muss. Und ein paar Jahrhunderte früher kam die Verbindung von Religion, Theologie und Philosophie zum Tragen, da wurde der Tod verknüpft mit Vorstellungen vom Jüngsten Gericht oder von Himmel und Hölle.

Der Tod bleibt in gewisser Hinsicht ein Rätsel. Umgekehrt können wir uns aber auch nicht vorstellen, unsterblich zu sein. Denn die Langlebigkeit, die uns die Hochleistungsmedizin derzeit ermöglicht, ist nicht immer so begehrenswert. Wir haben zwar die Unsterblichkeit gegen die Langlebigkeit eingetauscht. Aber wollen wir wirklich 120 Jahre alt werden?

Zur Person

Thomas Macho (63) wurde in Wien geboren, er studierte Philosphie, Musikwissenschaft und Pädagogik. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten hat er sich u. a. mit Sterberitualen und dem Tod beschäftigt. Seit 1993 ist Macho als Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität in Berlin tätig. Derzeit läuft in der Innsbrucker Hofburg eine Ausstellung zum Thema „Das Letzte im Leben“ (bis zum 10. Jänner 2016; www.hofburg-innsbruck.at). Zeitgleich dazu ist ein Buch mit demselben Titel erschienen, in dem Macho u. a. als Gastautor vertreten ist.

Nach vielen Jahren der Tabuisierung scheint das Thema Sterben und Tod ein wenig in der Gesellschaft angekommen zu sein. In der Hofburg läuft derzeit z. B. eine Ausstellung zum Thema „Das Letzte im Leben“. Woher kommt diese neue Annäherung an dieses Thema?

Macho: Ich spreche in diesem Fall von einer neuen Sichtbarkeit des Todes, die durch eine Vielzahl von Bildern, aber auch Dramatisierungen, TV-Serien oder künstlerischen Projekten dazu geführt hat, dass die Verdrängung des Todes heute nicht mehr so wirksam ist. Ich frage mich allerdings, wann diese Verdrängung tatsächlich erfolgreich praktiziert wurde. Vielleicht glückte sie nur während eines kürzeren Zeitraums in der Geschichte, als Effekt der großen Weltkriege und des Massensterbens. Danach wollte man nichts mehr vom Tod, vom Sterben wissen.

Zu dieser neuen Offenheit gehört auch, dass die Sterbekultur variantenreicher geworden ist. Heutzutage kann man sich ja schon zum Probeliegen in den Sarg legen …

Macho: Ja, das ist spannend, da gibt es nämlich eine Verschiebung. Früher waren die Adressaten und Akteure von Bestattungsritualen die Angehörigen. Sie haben sich überlegt, wo bestatten wir den Liebsten, was schreiben wir auf die Parte oder auf den Grabstein. Heute ist es so, dass diese Verantwortung zunehmend auf den künftigen Toten selbst übertragen wird. Man beginnt selbst, sein Begräbnis zu planen und überlegt sich die letzten Dinge. Das findet seinen Ausdruck auch darin, dass sich Bestattungsformen ändern. Signifikant ist, dass die Zahl der Menschen, die sich kremieren lassen, ansteigt, aber auch die anonymen Bestattungen. Das bedeutet auch, dass bestimmte Ideen von Sterben, Himmel oder Unsterblichkeit nicht mehr gelten.

Heute will man aber auch sein Sterben planen – Stichwort Sterbehilfe ...

Macho: Ich glaube, ein Aspekt des gegenwärtigen Wandels von Sterbekultur zielt darauf ab, nicht nur den Tod als eigenes Projekt zu begreifen, sondern eben auch den Zeitpunkt selbst bestimmen zu können. Das wird heute als eine Art von Freiheit empfunden in einer Welt, die zwar viel Freiheit verspricht, aber wenig davon einlöst. Darin besteht vielleicht die letzte Freiheit, die einem bleibt. Das sagt auch etwas aus über realistischer gewordene Emanzipationsrituale.

Aber wovor hat der Mensch Angst: vor dem Sterben oder vor dem Tod?

Macho: Manche Menschen haben tatsächlich Angst vor sinnlos verlängertem Leben, andere wiederum davor, dass das, was sie lieben und schätzen, tatsächlich zu Ende gehen soll. Und es gibt natürlich so einen elementaren Impuls des Erschreckens vor dem Unbekannten. Aber irgendwie haben wir das alle vor uns und wir werden es alle erleben. Der Tod gehört zu jenen Prüfungen, die noch jeder bestanden hat.

Sie haben sich mit Sterberitualen auf der Welt beschäftigt. Welches davon hat Sie am meisten fasziniert?

Ich finde Mehrfachbestattungen sehr interessant – d. h. bereits bestattete Tote werden nach einer gewissen Zeit wieder ausgegraben, dann die Knochen geputzt, bemalt oder ausgestellt. Solche Praktiken sind in vielen Kulturen verbreitet, und ich finde sie so plausibel, weil sie auch Aspekte des Trauerrituals spiegeln. Die Trauer funktioniert ja selbst so ähnlich wie die Verwesung: Am Anfang ist der Körper des Verstorbenen noch etwas, das dem Menschen ähnlich sieht. Dann beginnt das Fleisch zu zerfallen, und zum Schluss bleibt übrig, was Jahrhunderte überleben kann, nämlich die Knochen – so sind z. B. die Gebeinhäuser entstanden.

Wie lange darf man denn um einen Menschen trauern?

Macho: Ab einer gewissen Zeit, etwa wenn sie länger als ein Jahr andauert, wird Trauer in unserer Gesellschaft häufig pathologisiert und als Depression oder Gemütsverstimmung eingeordnet. Ich finde allerdings die Idee des Trauerjahrs ziemlich plausibel. Denn ein Trauerjahr bedeutet, dass man alles, was ein Jahr strukturiert, einmal ohne den geliebten Menschen erlebt haben muss: einmal Weihnachten, einmal den Geburtstag. Das macht Sinn und ist wie eine Initiation ins Leben danach. Aber wenn die Trauerphase länger als ein Jahr dauert, dauert sie eben länger. Da gibt es keine Regeln.

Was kommt für Sie nach dem Tod?

Macho: Ich glaube, der Tod ist das Ende eines Lebens, will jedoch niemandem absprechen, an etwas anderes zu glauben. Aber ich glaube, dass es zu einer neuen Sterbekultur führen könnte, sich als sterblich zu identifizieren und darin ein Stück Gemeinsamkeit zu finden. Meiner Ansicht nach war es ein Fehler, den Tod – wie in der Philosophie Martin Heideggers oder bei manchen Existenzialisten – so dramatisch zu individualisieren. Denn eigentlich ist die Sterblichkeit etwas, was uns verbindet und nicht das, was uns trennt.

Und wie wollen Sie sterben?

Macho: Ich würde schon gerne so sterben wollen, dass ich es bewusst erlebe: wachen Geistes in das Nichts zu gleiten, in der Gemeinschaft von Familie oder Freunden. Einer meiner besten Freunde ist im Kreise seiner Liebsten gestorben, hat sie aber zum Schluss alle angelacht und gesagt, es ist doch eigentlich wunderbar. Und das fand ich irgendwie schön.

Das Interview führte Irene Rapp