Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 09.12.2015


Kufstein

Talentenetz Tirol: Ihre Währung ist Zeit

Tausche Gartendienst gegen Nachhilfe: Im Talentenetz Tirol bezahlen Mitglieder nicht mit Geld, sondern tauschen ihr Können oder Waren aus. Ein Projekt mit Mehrwert.

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Von Nicole Strozzi

Kufstein – Blicken wir viele Hunderte Jahre zurück. Damals, als die Menschen begannen, in einer Gemeinschaft zu leben, tauschte der Schuster seine Schuhe gegen Brot vom Bäcker, weil er lieber bei seinen Leisten blieb, als Brot zu backen. Heute wird Ware gegen Geld getauscht. Und vor allem an einkaufsreichen Wochenenden, wie dem vergangenen, wechseln die Euros den Besitzer im Rekordtempo. Gut für die Wirtschaft, aber dennoch scheint in Zeiten des Überkonsums der Tauschhandel noch nicht ganz in Vergessenheit geraten zu sein.

Mitglieder des Talentenetzes Tirol (www.talentenetztirol.net) bezahlen in ihrer Freizeit vorzugsweise nicht mit Geld, sondern tauschen Dienstleistungen und Waren miteinander aus. Der eine hat ein gutes Händchen für Gartenarbeit, der andere wiederum kann wunderbar nähen, liebt bügeln, Marmelade einkochen, Brot backen, Säfte herstellen oder kann tropfende Wasserhähne reparieren. Im Grunde nichts anderes als Nachbarschaftshilfe – aber alles vernetzt und genau geregelt. „Jedes der registrierten Mitglieder hat ein eigenes Konto“, erklärt Gaby Carl (64), stellvertretende Vereinsobfrau in Kufstein und jetzt Beraterin des Tiroler Talentenetzes.

Auf dieses Konto werden Käufe und Verkäufe verbucht, aber nicht in Form von Geld, sondern in Form von Zeit. Ein Talent ist eine Stunde im Wert von zehn imaginären Euro, die aber nicht ausbezahlt werden.“ Das Tauschgeschäft muss dabei nicht unmittelbar zwischen zwei Personen abgeschlossen werden. Jeder kann mit jedem tauschen.

Heißt konkret: Jemand bietet auf der Homepage des eingetragenen Vereins seine Babysitterdienste an. Der Preis: jede volle Stunde ein Talent (Tt). Diese Zeit wird auf dem Konto gutgeschrieben. Ein anderer sucht wiederum jemanden, der Schnee schöpft, ihm die Heizung repariert, die Haare frisiert oder ihm Nachhilfe in Englisch gibt. Diese Zeit wird bei Konsumation wiederum vom Konto abgezogen.

Auch Waren werden getauscht. Kosten z. B. selbst gemachte kulinarische Leckereien 3 Euro, dann haben sie einen Wert von 0,3 Talenten. Auf dem Konto gibt es aber ein Limit. Die Mitglieder können 40 Stunden im Plus und 40 Stunden im Minus sein. „Insgesamt gibt es in ganz Tirol verteilt 380 Mitglieder, die Gruppe ist in ganz Österreich und auch in Deutschland vernetzt“, erklärt die Netzwerkerin. Es finden auch immer wieder Tauschmärkte statt, auf denen Selbstgemachtes den Besitzer wechselt und gemeinsam gefeiert wird.

Die Idee zum Talentetausch stamme ursprünglich aus Holland. Ums Geldsparen gehe es dabei nicht, es gehe darum, Talente richtig einzusetzen, um eine soziale Wertigkeit, neue und tolle Freundschaften, die entstanden sind, und um Kontakte. Es gehe auch darum, versteckte Talente zu erkennen und neues bzw. altes Wissen zu erlernen und weiterzugeben. So gibt es z. B. Mitglieder, die Weidenflechtkurse anbieten, Kerzen herstellen oder sich mit Heilkräutern auskennen. Nicht zu vergessen der psychologische Aspekt: „Eines unserer Mitglieder entkam seiner Depression, weil er endlich wieder gebraucht wurde“, erinnert sich die 64-Jährige.

Gaby selbst ist seit 2006 dabei. „Ich war früher eine absolute Karrierefrau und habe eine Ambulanz an einer Uniklinik in Deutschland geleitet. Für Hobbys hatte ich nie Zeit“, erzählt die zweifache Mutter. Zum Netzwerk sei sie durch Zufall gekommen. „Ich bin damals auf einer Eisplatte ausgerutscht und zog mir eine schwere Knieverletzung zu. Da ich einen riesengroßen Garten hatte, suchte ich jemanden, der mir hilft.“ Via Netzwerk knüpfte sie Kontakt mit einer engagierten Dame, die ihr die Gartenarbeit abnahm. Als Gegenleistung kochte Gaby für sie und ihre Familie. Seit die 64-Jährige Mitglied ist, hat sie außerdem ihr Nähtalent entdeckt und kreiert nun Patchworkdecken, Leihoma bei drei Buben sei sie auch schon gewesen.

Neue Mitglieder – die sich stets persönlich vorstellen – würden immer wieder gesucht, erzählt sie. „Vor allem junge Menschen und Familien, damit neue Ideen entstehen können und damit wir das weitergeben, was wir mit Begeisterung machen.“

Bei regelmäßig stattfindenden Tauschmärkten wechselt auch viel Selbstgemachtes den Besitzer.
Bei regelmäßig stattfindenden Tauschmärkten wechselt auch viel Selbstgemachtes den Besitzer.
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Bei regelmäßig stattfindenden Tauschmärkten wechselt auch viel Selbstgemachtes den Besitzer.
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