Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 13.12.2015


Tirol

A Liacht in der Nacht: So klingt der Advent

Der Advent ist eine Zeit von stimmungsvollen, feierlichen Weisen. Tirol ist reich damit gesegnet, man muss nur die Ohren offen halten. Ob im trauten Wohnzimmer, in der Kirche oder am Goldenen Dachl: Es weihnachtet musikalisch schon sehr.

Musikalität im Sechserpack. (v. l.) Jakob, Christian, Martina, Josef, Teresa und Klara von der Familienmusik Seiwald in Mutters.

© Vanessa Weingartner / TTMusikalität im Sechserpack. (v. l.) Jakob, Christian, Martina, Josef, Teresa und Klara von der Familienmusik Seiwald in Mutters.



Musik liegt in der Luft, sobald man sich dem Haus von Familie Seiwald in Mutters nähert. Schon auf den letzten Metern bis zur Eingangstür wird der Besucher von freudigen Klängen in Empfang genommen.

Drinnen im geräumigen Wohnzimmer ist die sechsköpfige „Familienmusik Seiwald“ eifrig am Musizieren: die Eltern Christian (50) und Martina (44) auf der Steirischen Knopfharmonika bzw. am Kontrabass, die Söhne Jakob (17) und Josef (12) an der Harfe, die Töchter Teresa (20) und Klara (14) am Hackbrett bzw. an der Gitarre. Ein traditioneller „Weihnachtsboarischer“ erfüllt den behaglichen Raum. Wohlklang für die Ohren, Wärme fürs Herz. Adventkerzen brennen, Nüsse, Lebkuchen und heißer Tee stehen zur Stärkung bereit. Glücklich, wer hier zu Gast sein darf.

Die Pflege der tradierten Volksmusik ist Fixpunkt im Leben der Familie. Christian, der neben der Harmonika auch selbst das Harfenspiel liebt, und Martina musizierten schon als noch kinderloses Paar. Mit der Familie wuchs auch das Ensemble. Alle vier Kinder besuchen die Musikschule und musizieren, seit sie fünf sind. Die Jungs haben Papas Begeisterung für die Harfe volley übernommen. Christian führt damit eine Familientradition fort. „Das geht auf meine Zillertaler Wurzeln zurück“, erläutert Seiwald senior. In früheren Zeiten war dort die Harfe nämlich den Männern vorbehalten. Heute ist es eine Domäne von Frauen. Die beiden Seiwald-Buben sind oft Hahn im Korb bei Harfentreffen.

Jakob rockt sein Instrument regelrecht. Mit Hingabe bearbeitet er die Saiten, der Spaß ist ihm anzusehen. „Man kann mit der Harfe jede Art von Musik machen, von traditionell, klassisch bis hin zu modern“, gibt der junge Mann zu verstehen. Seine Zielrichtung steht fest: „Ein Studium im musikalischen Bereich würde mich sehr interessieren, zum Beispiel Harfe als Konzertfach.“ Teresa, das älteste der vier Kinder, hat den elterlichen Hort bereits verlassen.

Sie studiert in Graz, und zwar gleich zwei Fächer: Betriebswirtschaft und Musik. Für letzteres nimmt sie weite Wege in Kauf. Teresa ist auch Mitglied eines Hackbrettorchesters in Linz. So pendelt sie zwischen der Heimat, dem Studienort und der oberösterreichischen Landeshauptstadt.

Die jüngere Schwester Klara möchte Kindergärtnerin werden; die Ausbildung dafür hat sie im Herbst begonnen. Und der jüngste Spross Josef besucht die dritte Klasse Gymnasium. Neben dem Harfenspiel ist er Mitglied der Wiltener Sängerknaben. Auch das hat Tradition im Hause Seiwald. Christian war und Jakob ist aktives Mitglied der „Wiltener“.

Im Advent stehen die beiden jungen Seiwalds daher auch sängerisch im Dauereinsatz: Jakob als Tenor bei den Männerstimmen, Josef in der höheren Alt-Stimme. Am 19. Dezember steht in der Wiltener Basilika Bachs Weihnachtsoratorium auf dem Programm – alle sechs Kantaten. Eine gewaltige Herausforderung für Musiker und Sänger. Josef bleibt gelassen. „Das können wir mittlerweile schon auswendig.“

Auftritte sind für die ganze Familie nichts Außergewöhnliches. Der Ruf ihrer großen Musikalität eilt ihr voraus. Gastspiele hat das Sextett schon in ganz Österreich gegeben und besonders häufig in Bayern. Wie ist das mit der Berufstätigkeit der Eltern (Christian ist selbstständiger Steuerberater und Mediator, Martina unterstützt ihn im Büro) und der Schulausbildung der Kinder zu vereinbaren? „Alles ein Frage der Einteilung“, winkt Martina, nach Eigendefinition „die Familienmanagerin“, ab. „Musik bedeutet uns viel, glücklicherweise hat sich das auch auf die Kinder übertragen.“

Zwangsbeglückung gibt es nicht. „Anfragen über Auftritte werden mit den Kindern besprochen“, versichert Christian. „Nur wenn alle Zeit und Lust haben, sagen wir zu.“ Musik erklingt im Hause Seiwald aber ohnehin täglich, das ganze Jahr über. Bei sechs Musikanten ist immer jemand am Üben. Ein eigenes Musikzimmer ermöglicht ungestörtes Feilen an der Technik und am Repertoire.

Auch heute wird noch eine weitere Übungsrunde eingelegt. Harfenklänge versüßen dem Besucher den Weg zurück hinaus in die Kälte eines stimmungsvollen Abends im Advent.

Wenn am Christkindlmarkt in der Innsbrucker Altstadt umherhastende Menschen plötzlich innehalten, Gespräche verstummen und sich Blicke nach oben richten, dann haben die Turmbläser ihr Konzert begonnen. Pünktlich um 17.30 Uhr spielen sie vom Erker unter dem Goldenen Dachl ihre Weisen. Seit Jahren – man möchte sagen, seit jeher – immer gleich und gerade deshalb so schön. Für eine halbe Stunde steht die Zeit still. Kein Advent, kein Weihnachten ohne die Turmbläser und ihre traditionellen alpenländischen Lieder. Sie sind Kindheitserinnerung, Vorfreude und Vorstellung zugleich: So sollte, so muss sich Weihnachten anhören.

„Wir freuen uns, die vielen Menschen mit unserer besinnlichen Musik ein klein wenig von ihrer vorweihnachtlichen Hektik abzulenken“, sagt einer der Bläser während einer kleinen Pause. Unten kommen die Menschen immer näher, Blitzlichter leuchten auf. Ein erhebendes Gefühl für die Gruppe und ein Privileg, wie sie sagen. Wegen der historischen Kulisse, aber nicht nur – blickt man hinunter, in die vielen Gesichter, die andächtigen Mienen. Jetzt setzen die Musiker mit ihren zwei Posaunen, zwei Trompeten und der Tuba zu „Es wird scho glei dumper“ an. „Es ist schön, einfach schön“, sagt später ein Paar, das aus Norddeutschland nach Tirol gekommen ist. „Seit ganz vielen Jahren schon“, erzählen sie. „Um genau das zu hören.“

Früher hat das Ensemble seine Weisen immer von der Aussichtsplattform am Stadtturm gespielt, daher auch der Name Turmbläser. Weil es hoch oben aber so kalt ist und die Musiker ungeschützt Wind, Regen, Schnee und Eiseskälte ausgesetzt waren, übersiedelten sie ins Goldene Dachl. Und alle sagen seither, dass dies der einzig passende Ort sei. Wohl auch, weil die Klänge aus 31 Metern Höhe nicht immer nach unten drangen. Und mancher Musiker gern die 148 Stufen vergisst, die jedes Mal zu bewältigen waren.

„Der schrecklichste Moment“, wie die Turmbläser erzählen, war aber jener, als 1996 während einer besonders heftigen Föhnböe der Christbaum umstürzte. Es war während der ersten Takte, als jemand schrie: „Der fallt um!“ „Wir haben sofort aufgehört zu spielen. Von oben haben wir gesehen, dass ein Kinderwagen unter dem Baum lag und sind sofort hinuntergerannt.“ Der Wagen war zum Glück leer, die Mutter stand mit dem Kind auf dem Arm weit genug abseits. Sechs Personen wurden leicht verletzt, der Christbaum wird seither durch Stahlseile gesichert.

Robert Neuner, Organisator des Christkindlmarktes: „Wir sind natürlich immer bestrebt, Neues anzubieten. Die Turmbläser gehören zu den wenigen Ausnahmen. Ihre Klänge verbinden den Raum zwischen alten Gemäuern, Ständen und Menschen und zeigen auf: Zwischen Boden und Sternen, da gibt es noch etwas.“

„Advent is a Leuchten, a Liacht in der Nacht“: In der Pfarrkirche Zirl hat das Vokalensemble bei dem Rorate frühmorgens gerade ein neues Lied angestimmt. Die zwei Frauen – Evi Lackner und Eva Wenter – sowie zwei Männer – Fritz Pletzer und Bernhard Plattner – kennen einander vom Kirchenchor. Um sich stimmlich weiterzubilden, haben sie sich zum Gesangsunterricht in der Landesmusikschule Zirl angemeldet, dort entstand auch das Quartett.

In dieser Besetzung haben sie die Möglichkeit, neben Kirchenmusik und klassischer Literatur auch Volkslieder zu singen, in diesen Tagen sind es die vielen schönen, alten Adventlieder. „Musik ist eine Sprache, die alle verstehen“, sagt Evi Lackner. „Damit sie angenommen wird, bedarf es keiner weiteren Worte.“ Und sie verfehlt ihre Wirkung bei den Menschen in den Kirchenbänken nicht. So manche Blicke richten sich nach oben zur Chorempore. Aufeinander hören, aufeinander eingehen – das fasziniert die vier am gemeinsamen Singen. Es sei immer eine besondere Zeit zum Abschalten und Energietanken.

Wer sie noch einmal hören will: Beim Zirler Adventsingen immer am dritten Adventsonntag, 17 Uhr, sind sie wieder vertreten. Ernst Neuner, damaliger Kapellmeister, hat diese Tradition 1987 ins Leben gerufen, die nun von der Musikschule weitergeführt wird. Beliebt ist auch das „Goldene Rorate“, die Frühmesse am 24. Dezember um 6 Uhr. Die Kirche ist dabei immer übervoll. Danach kann Weihnachten kommen, oder wie es in einer besonders schönen Weise heißt: „Geah ham in die Weihnacht, an Friedn dafragn, der freila wohl mehr is, als nit streitn und klagn.“ (Markus Schramek, Michaela Spirk-Paulmichl)

Vom Goldenen Dachl in Innsbruck erklingen täglich die besinnlichen Weisen der Turmbläser.
Vom Goldenen Dachl in Innsbruck erklingen täglich die besinnlichen Weisen der Turmbläser.
- Andreas Rottensteiner / TT
Bernhard Plattner, Fritz Pletzer, Eva Wenter, Evi Lackner (Vokal-
ensemble Zirl, v. r.) mit "Haarfee" Claudia Nußbaumer.
Bernhard Plattner, Fritz Pletzer, Eva Wenter, Evi Lackner (Vokal-
ensemble Zirl, v. r.) mit "Haarfee" Claudia Nußbaumer.
- zeitungsfoto.at
Hörprobe

Familie Seiwald aus Mutters spielt den "Leonharder Boarischen"

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