Letztes Update am Di, 02.02.2016 08:45

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Überlebensdrama

„The Revenant“ Ein Mann mit sehr vielen Leben

Heute in vier Wochen sind es keine Fragen mehr: Ob sich Leonardo DiCaprio als Hugh Glass in „The Revenant“ über seinen ersten Oscar freuen und der Film seiner Favoritenrolle gerecht werden kann. Nur eines ist derzeit sicher: Die Bilder des blutigen Überlebensdramas mit einem Hauptdarsteller mit mehr als sieben Leben bieten Kinogängern Stoff für Diskussion.

© CentfoxLeonardo DiCaprio als Hugh Glass: ein Mann, den nichts umbringen kann.



Die kurioseste Rückmeldung ging wenige Tage nach dem Filmstart von „The Revenant – Der Rückkehrer“ in den USA durch die sozialen Netzwerke: Dass Leonardo DiCaprio in dem Streifen von einer Bärin vergewaltigt worden sei, wurde von den verantwortlichen Filmstudios Fox zum Glück umgehend dementiert.

„Der Bär in dem Film ist ein Weibchen, welches Hugh Glass attackiert, weil sie glaubt, dass er eine Bedrohung für ihre zwei Jungen darstellt“, verlautete ein Fox-Sprecher. Als jemand, der den Film gesehen hat, sei angemerkt: Die Verwendung des Wortes „Attacke“ für diese Szene, die den weißen Hai zum harmlosen Fischerl verkommen lässt, ist eine Untertreibung, die ebenfalls kurios anmutet. Für alle, die den Film nicht gesehen haben: Leonardo DiCaprio spielt in dem Abenteuerdrama einen Mann, den es tatsächlich gegeben hat. Die Lebenszeit von Hugh Glass erstreckt sich demnach über die Jahre 1783 bis 1833, Bücher, Gedichte und sogar ein Lied erzählen seine Geschichte.

Der historische Fallensteller und Pelztierjäger liefert die ersten dramatischen Puzzleteile für den Film „The Revenant – Der Rückkehrer“, welcher am 28. Februar bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles groß abräumen könnte: Unterwegs in den Rocky Mountains in den 1820er-Jahren wird Hugh Glass von einem Grizzly lebensgefährlich verletzt und von seinen Begleitern sterbend zurückgelassen, kämpft sich aber dennoch über Hunderte Kilometer wieder ins Leben zurück.

Das allein wäre eigentlich schon Stoff genug für einen Film: Leonardo DiCaprio darf unter der Regie von Alejandro González Iñárritus aber noch ein wenig mehr erleben – genau gesagt so viel, dass man den Eindruck gewinnt, dieser Mann sei unverwundbar. Er wird von einer Bärin nahezu zerfleischt, von seinen Kollegen zusammengeflickt, allerdings später lebendig begraben und überlebt Stürze in eisige Flüsse sowie in eine Schlucht.

„Respekt, von dem könnte ich noch etwas lernen“: Der Mölltaler Alexander Fercher muss lachen, als er von diesen Szenen hört. Der 42-Jährige ist Mitarbeiter des deutschen Unternehmens „Earth Trail“, welches Survival- und Outdoortraining auch in Österreich anbietet. Fercher war in seinem Brotberuf als Forstwart selbst schon stundenlang bei eisigen Temperaturen in der Natur unterwegs, hat Stürze in Winterbäche und erfrorene Finger weggesteckt. „Bei solch widrigen Bedingungen muss man sich seine Kräfte einteilen, Ruhe bewahren und den Willen entwickeln, diese Situation zu meistern.“

Situationen, in denen jedes Mittel im Kampf ums Überleben, recht ist: Hugh Glass etwa nutzt im Film ein totes Pferd, um in dessen Leib einen Schneesturm zu überstehen. „Zusammengekauert ist das rein theoretisch möglich“, weiß Landesveterinärdirektor Josef Kössler, der auf Pferde spezialisiert ist. Vorausgesetzt, man bringe zuvor den Inhalt von rund 180 Kilo an Gedärmen u. a. m. aus dem Körper des Tieres heraus. Dass sich Leonardo DiCaprio vor dem Eintauchen in das Pferd noch bis auf das letzte Kleidungsstück auszieht, mache ebenfalls Sinn. „Mit Kleidung würde er anfrieren. Allerdings hält die Restwärme des Tieres nicht ewig an.“

Ähnlichen Schutz während eines Schneesturms biete aber auch ein Schneeloch. Fercher etwa lehrt den Teilnehmern seiner Survival-Kurse, wie man ein Schneeloch gräbt, ohne dass es darin zu warm wird und Schmelzgefahr besteht oder man der Gefahr einer Kohlenmonoxid-Vergiftung ausgesetzt ist. „Denn daran sind schon Menschen gestorben.“

Sterben will Hugh Glass im Film hingegen nicht. Wenn sich die Bärin auf ihn stürzt, ihn gefühlte Minuten lang wie ein Spielzeug aussehen lässt, scheint die Geschichte nicht weitergehen zu können. So realistisch ist dieser tierische Angriff, dass man gar nicht glauben vermag, dass Tricktechnik und ein als Bär verkleideter Stuntman für diese Szene Unvorstellbares geleistet haben.

Doch Menschen können Bärenangriffe überleben. Das beweist die Realität immer wieder. Hugh Glass allerdings überlebt und schockt weiter: Als er Wasser trinkt und ihm das durch das geflickte Loch in der Kehle wieder herauskommt, welches ihm die Bärin zuvor geschlagen hat, greift er zu Schießpulver, um sich die Wunde zu verschließen. Damit nicht genug überlebt er auch eine massive Wundinfektion. „Ein Wunder, in Zeiten, wo nicht keimfrei gearbeitet wurde und es kein Antibiotikum gab“, sagt der Allgemeinmediziner Hannes Lechner aus St. Ulrich am Pillersee. Und er weiß: Derart große Wunden können auch zum Tod führen.

Hugh Glass allerdings stirbt nicht. Weil Leonardo DiCaprio den Mann mit den unvorstellbar vielen Leben so unvorstellbar gut spielt, ist man jedoch gerne bereit, über dieses unrealistische Detail hinwegzusehen. Am 28. Februar sollte der 41-Jährige dafür und für die Qualen während des Drehs belohnt werden. Mit einem Oscar natürlich. (Irene Rapp)