Letztes Update am Do, 10.03.2016 12:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Schach

Des Königs neue Herausforderer

Schach-Fans auf der ganzen Welt sehen diesem Ereignis entgegen: Vom 10. bis 30. März geht in Moskau das Kandidatenturnier über die Bühne, acht Schach-Großmeister rittern um den ersten Platz. Der Sieger bekommt damit die Chance, dem Norweger Magnus Carlsen – Weltmeister seit 2013 und klare Nummer eins der Welt – den Thron der Schachwelt streitig zu machen.

Magnus Carlsen, die bestimmende Figur im modernen Schach, wird seine möglichen Gegner beim Kandidatenturnier 
mit Sicherheit genau im Auge behalten.

© Magnus Carlsen, die bestimmende Figur im modernen Schach, wird seine möglichen Gegner beim Kandidatenturnier 
mit Sicherheit genau im Auge behalten.



Robert James „Bobby“ Fischer (Weltmeister 1972 bis 1975), die wohl schillerndste Figur der Schachgeschichte, sagte einst: „Ich kenne keine Psychologie, ich kenne nur gute Züge.“ So einfach ist es nicht.

Schach ist brutal, äußerst intensiv und bringt die Kontrahenten nicht selten an ihre geistigen und, ja, auch an ihre körperlichen Grenzen. Dies gilt insbesondere für ein Turnier, in dem es um den größten Traum eines jeden professionellen Schachspielers geht: sich die Gelegenheit zu erkämpfen, um den Weltmeistertitel zu spielen. Augenscheinlich wird das durch ein weiteres Zitat von James Fischer: „Schach ist Krieg auf dem Brett. Das Ziel ist es, die Gedanken des Gegners zu zerstören.“

Drei Wochen Hochspannung

Vom 10. bis 30. März geht es in Moskau einmal mehr um alles. Den acht Teilnehmern steht ein langes und kraftraubendes Turnier bevor. Der Modus sieht vor, dass die Kandidaten in Hin- und Rückspiel gegeneinander antreten. Das verspricht 14 Runden Schach auf höchstem Niveau mit hart umkämpften Partien. Unter den qualifizierten Spielern sind Ex-Weltmeister, lang etablierte, erfahrene Großmeister sowie junge, aufstrebende Talente. Alle mit demselben Ziel: im November Weltmeister Magnus Carlsen herauszufordern.

Im Web

(offizielle Seite des Weltschachverbandes)

Das will auch Viswanathan Anand, 46: Der Inder ist fünfmaliger Weltmeister, Superstar in seinem Heimatland und schon längst eine Legende in der Schachwelt. 2013 verlor er seinen Titel an Carlsen, konnte aber im Jahr darauf das Kandidatenturnier gewinnen und damit ein Revanche-Match 2014 erzwingen, das er jedoch abermals als Verlierer beenden musste. Viele sehen Anands Zenit bereits überschritten, auch seine Leistungen im vergangenen Jahr waren eher bescheiden. Seine Formkurve zeigte im letzten Turnier in Gibraltar aber wieder deutlich nach oben und als Meister der Vorbereitung und Eröffnungstheorie ist Anand ohnehin nicht zu unterschätzen.

Hikaru Nakamura, 28: Der US-Amerikaner spielte ein sehr starkes und konstantes Jahr. Er geht zweifellos als einer der Favoriten ins Rennen. Viele Schach-Fans würden sich ein Duell Carlsen – Nakamura wünschen, herrscht doch eine besondere Rivalität zwischen den beiden. Nicht nur einmal bezeichnete sich Nakamura selbst als den größten Herausforderer von Carlsen, obwohl er bislang noch nie eine klassische Schachpartie gegen den Norweger gewinnen konnte.

Fabiano Caruana, 24: Als der Amerikaner mit italienischen Wurzeln 2014 beim Sinquefield-Cup in St. Louis, eines der am stärksten besetzten Turniere, eine historische Serie von sieben Siegen in Folge hinlegte, schien es sicher, der kommende Gegner Carlsens kann nur Fabiano Caruana heißen. Allerdings brachen seine Leistungen in den folgenden Turnieren etwas ein und er zeigte in vielen Partien Schwächen im Zeitmanagement.

Anish Giri, 21: Der jüngste Teilnehmer aus den Niederlanden bestach durch außergewöhnliche Stabilität und Konstanz, er blieb als einziger Spieler in der gesamten Grand Chess Tour, welche die Top-Turniere „Norway Chess“, „Sinquefield Cup“ und „London Chess Classic“ umfasst, ohne Niederlage. Darüber hinaus hat er gegen Magnus Carlsen noch keine klassische Partie verloren. Ein Sieg in einem der großen Turniere blieb Giri bis jetzt aber verwehrt.

Levon Aronian, 33: Der armenische Großmeister war jahrelang Nummer zwei der Welt und erster Verfolger von Carlsen. Es folgte eine schwächere Phase mit zum Teil erschreckend schwachen Leistungen, 2015 meldete er sich aber mit einem Turniersieg beim „Sinquefield Cup“ wieder zurück. Aronian gilt als einer der kreativsten Schachspieler.

Veselin Topalov, 40: ehemaliger Weltmeister (2005). Nach sehr gutem Start in das Jahr 2015 zeigten seine Leistungen eher eine Tendenz nach unten. Wenn Topalov in Form ist, spielt er sehr angriffslustiges Schach und wird damit jedem Gegner gefährlich. Im Gegensatz dazu offenbart der Bulgare häufig Schwächen in der Defensive.

Sergei Karjakin, 26: Nach einer Periode mit wenigen Auftritten bei wichtigen Turnieren gelang es dem Russen, den Weltpokal für sich zu entscheiden und sich damit die Qualifikation für das Kandidatenturnier zu sichern. Sehr stark in der Verteidigung.

Peter Svidler, 39: der Teilnehmer mit der geringsten ELO-Zahl – eine Wertungszahl, welche die Spielstärke der Spieler beschreibt. Der Russe schaffte es als Finalist des Weltpokals ins Turnier. Svidler ist ein Spieler mit großem Repertoire und zeigt oft einfallsreiche Varianten. Geht man nach der Platzierung in der Weltrangliste, eher in der Position des Außenseiters.

Doch was wird von den acht in Moskau zu erwarten sein? Erfahrungsgemäß gehen es die Spieler zum Auftakt eher ruhig und zurückhaltend an, schließlich will niemand mit einer Niederlage ins Turnier starten. Es wäre also keine große Überraschung, einige kurze, schnell vereinbarte Remispartien in den ersten Runden zu erleben. Das wird sich aber mit zunehmendem Verlauf drastisch ändern, wenn einzelne Spieler zwingend Punkte benötigen, denn bei diesem Turnier zählt nur eines: der Sieg. Vielen Partien werden dann Angriffslust, Risikobereitschaft und Kampf bis zum bitteren Ende ihren Stempel aufdrücken. Es ist nicht auszuschließen, dass bis zur letzten Runde kein Sieger feststeht und es zu einem nervenaufreibenden Showdown kommt.

Der Spieler, der die höchste Punktezahl (ein Punkt für einen Sieg, ein halber Punkt für ein Unentschieden, null Punkte für eine Niederlage) erreicht, gewinnt das Turnier. Bei einem Punktegleichstand sind folgende Kriterien für die Reihung maßgebend: 1. der direkte Vergleich der punktegleichen Spieler. 2. die Anzahl der gewonnenen Partien. 3. die Feinwertung nach Sonneborn-Berger (ein System, das einen Punktegewinn gegen höher eingestufte Spieler höher wertet). 4. Stichkampf mit Schnellschachpartien.

All das kann man im Zeitalter des Internets hautnah mitverfolgen, es werden umfassende Berichterstattungen geboten, alle Spiele werden online live übertragen, Experten kommentieren und analysieren jeden einzelnen Zug der Spieler in Echtzeit, Interviews und Pressekonferenzen runden das Programm ab.

Der König in Wartestellung

Entspannt zurücklehnen kann sich indes Weltmeister Magnus Carlsen. Der Norweger wird die Partien seiner potenziellen Herausforderer in Ruhe beobachten und eventuelle Neuerungen genau analysieren können. Carlsen ist eine absolute Ausnahmeerscheinung im Schachsport. Der 25-Jährige hat in seinen jungen Jahren bereits alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Er ist Weltmeister im klassischen Schach, auch den Titel im Schnell- und Blitzschach konnte er bereits erringen. Mit 13 Jahren erhielt er den Titel des Schach-Großmeisters, mit 19 stand er erstmals an der Spitze der Weltrangliste. Nicht zuletzt hält er auch den Rekord der höchsten je erreichten ELO-Zahl mit 2889. Viele Experten sagen ihm voraus, er sei imstande, die Schallmauer 2900 zu brechen.

2015 hatte Carlsen für seine Verhältnisse kein optimales Jahr, musste er doch die eine oder andere Niederlage einstecken. Besonders die Auftaktpartie in seiner Heimat beim „Norway Chess“ dürfte in Erinnerung bleiben. In einer Gewinnstellung gegen Veselin Topalov verlor Carlsen durch Zeitüberschreitung, offenbar hatte er die genauen Turnierbestimmungen nicht im Kopf. Auch unterliefen ihm in einigen weiteren Partien ungewohnte Fehler, die sonst nie zu sehen waren.

Der Nimbus seiner Unbesiegbarkeit schien Risse zu bekommen und manche begannen schon zu spekulieren, ihm fehle es an Motivation. Doch er steigerte sich im Verlauf des Jahres, konnte die „Grand Chess Tour“ und noch zwei weitere große Turniere für sich entscheiden. Somit steht Carlsen weiterhin mit Respektabstand an der Spitze der Weltrangliste.

Durch seinen Stil, weniger Augenmerk auf Eröffnungstheorie zu legen und im Mittelspiel langsam, aber ständig Druck auszuüben, zwingt er oftmals seine Kontrahenten zu Ungenauigkeiten, die Carlsen ausnutzt, um seine Position Zug um Zug zu verbessern. Sein unglaubliches Talent und das Gefühl für Stellungen im Mittel- und Endspiel sind unübertroffen.

So wird es sein kommender Gegner sehr schwer haben und sein bestes Schach zeigen müssen, um Carlsen beim kommenden Titelkampf in Schwierigkeiten zu bringen. (Clemens Heidegger)


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