Letztes Update am Mi, 16.03.2016 11:32

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Biografien

Die besten Geschichten schreibt das Leben

Wer kennt meine Lebensgeschichte, wenn ich nicht mehr bin? Keiner so genau, haben sich bisher 51 Menschen gedacht und ihre Biografien online verfasst. Auf der Schweizer Homepage, die Laien den Service anbietet, sind die Werke nachzulesen. Ein Blick in das Leben der anderen.

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Immer hatte ich das Gefühl gehabt, mit mir stimme etwas nicht, ich sei krank, oder zumindest nicht normal“, schreibt Rudolf Schüpbach online. Der 69-Jährige hat auf der Schweizer Homepage www.meet-my-life.net einen ganz persönlichen Bericht über sein Coming-out als Homosexueller notiert und die ganze Welt kann es nachlesen.

Das Geheimnis ist keines mehr

Damit wurde aus dem Teil seines Lebens, den er so lange sogar vor sich selbst verheimlichen wollte, ein für jeden Internetnutzer zugänglicher Bericht. Schüpbach ist einer von inzwischen 51 Menschen, die auf der Schweizer Homepage ihre ganz persönliche Lebensgeschichte niederschreiben. Initiiert wurde das Projekt von Erich Bohli. Der Unternehmer hatte 2010 seine berufliche Karriere beendet und im Ruhestand noch einmal den Weg zurück an die Uni gewagt. Er inskribierte Populäre Kulturen und Literaturwissenschaft in Zürich und zog es durch. 2014 folgte der Abschluss, sein Themenschwerpunkt: Biografien. „Ich hatte mich gefragt, was man denn in 100 bis 200 Jahren über uns noch liest? Soll all das, was wir als Nachkriegsgeneration erlebt haben, für die Familien, die Öffentlichkeit und die wissenschaftliche Forschung verloren gehen?“

Bohlis Feuer war damit für eine neue Idee entfacht. Mit Alfred Messerli, einem Professor am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft in Zürich, war ein akademischer Partner gewonnen. Entstanden ist eine Plattform, um die so genannte Oral History zu verschriftlichen und online zu stellen. Das Internetzeitalter hilft dabei. Mittels Cloud-Computings werden die Daten in einem entfernten Rechenzentrum gespeichert. Der erste Monat ist für Nutzer gratis, danach wird ein Kostenbeitrag von knapp 35 Euro für das erste Jahr geleistet. Später ist eine Unterstützung freiwillig.

Um den Laien das Schreiben zu erleichtern, wird ein Leitfaden aus 500 Fragen angeboten, der durch 40 Kapitel führen soll. „Ich wollte ein Zeitdokument erstellen, was gut gelang durch diese vorgegebenen Fragen. Es half, immer da weiterzuschreiben, wo die Gedanken und Gefühle sich aufhielten“, berichtet Daniela Bühler. Dabei wäre für die 51-Jährige eine Anleitung vielleicht gar nicht so wichtig gewesen, denn sie war kein Greenhorn. „Ich hatte schon mit 30 Jahren ein Buch über mich und meine Familie geschrieben“, berichtet sie. „Das war wie eine Therapie für mich.“ Besonders beim Rückblick auf den schmerzhaftesten Moment ihres Lebens, den plötzlichen Kindstod ihres Sohnes. Sie beschreibt die Nacht, als das Schreckliche passiert, dokumentiert ihre Verzweiflung und erzählt, wie sie es schafft, ihr Leben fortzuführen.

Für Maria von Däniken ist es das erste Mal, dass sie es wagt, über sich selbst zu schreiben: „Zu Beginn zögerte ich schon, soll ich wirklich öffentlich schreiben? Ist es nicht exhibitionistisch, der Öffentlichkeit mein Leben aufzutischen?“ Aber die 71-Jährige überwand ihre Zweifel, notierte Seite um Seite und schrieb eine außergewöhnliche Lebensgeschichte auf – von ihrer Suche nach dem Lebensglück in der Religion, ihren 24 Jahren als Nonne und ihrem Ausstieg sowie von ihren Reisen nach London und nach Thailand. Noch ist ihr Werk nicht ganz fertig, den Blick zurück hat sie bisher positiv erlebt: „Es ist für mich, als hätte ich mein Leben mit dem Schreiben noch einmal aufgerollt, um vieles aus meinem heutigen Blickwinkel und Verständnis zu sehen und damit abzuschließen.“

Aus großer Distanz, zumindest geografisch gesehen, widmet sich Joachim Wollschon seiner eigenen Biografie. Der heute 81-Jährige lebt auf den Philippinen. Ein Freund in der Schweiz hilft beim Redigieren der Texte, denen es nicht an Spannung mangelt.

Leichtgefallen ist Wollschon das Schreiben nicht immer: „Besonders in den ersten 21 Kapiteln, welche die düstersten Zeiten meines Lebens beschreiben. Da kamen immer wieder Emotionen hoch. Angst und Wut, aber auch Liebe überkamen mich.“ Seine Lebengeschichte trägt den Titel „Gequälte Seele“, seine Erinnerungen reichen vom Einmarsch der russischen Armee 1945 in Neudamm im heutigen Polen, seinem Geburtsort, über sein Leben in der DDR und seine frühe Flucht bis hin zu seiner Zeit bei der Fremdenlegion. „Das könnte ein Romanschriftseller nicht erfinden“, meint Homepage-Erfinder Bohli. Er kennt alle Biografien und liest permanent mit.

Aber Bohli ist auch mit ganz Praktischem beschäftigt, nämlich mit rein technischen Fragen. „Manche haben noch nie zuvor einen Computer bedient“, sagt er. Da komme es schon vor, dass man mit einfachen Antworten weiterhelfen muss, wie mit einem neuen Passwort oder anderen Support-Anfragen.

Schreiben als Läuterung

Bohli ist mit Einsatz dabei, so hört es sich zumindest an. Im Interview über sein Projekt gerät er ins Schwärmen: „Als ich die Geschichte über das Coming-out von Herrn Schüpbach gelesen haben, bekam ich Hühnerhaut“, und meint das, was in der Schweiz die Gänsehaut ist. Schüpbachs Bericht war einer der ersten, der fertig gestellt wurde, da der Autor schon vorweg sein Leben aufgeschrieben hatte. Die meisten anderen sind noch mittendrin, kramen sich durch längst vergangene, teils schöne, teils schmerzhafte Erlebnisse. Ob alle Geschichten auch genauso passiert sind, kann Bohli natürlich nicht kontrollieren. „Mit der objektiven Wahrheit bei unseren Autorinnen und Autoren verhält es sich nicht anders als bei jeder anderen Autobiographie, Büchern oder sogar den meisten Schriftstücken“, meint er gelassen. Das liege in der Natur der Sache. Darüber hinaus kann der Text zur Korrektur von anderen Personen kommentiert werden. Das sei eben der besondere Vorteil bei der Erscheinungsweise im Internet. Viel Gebrauch gemacht wird davon aber nicht. Dass betroffene Menschen mit- und nachlesen können, hat seine Wirkung zumindest für Joachim Wollschon aber nicht verfehlt. Das Schreiben, das er als „seelische Reinigung und Läuterung“ empfindet, hat eine verschlossene Tür wieder geöffnet: „Meine Tochter verfolgt meine Biografie. Dieser Schreibprozess hat wesentlich dazu beigetragen, dass meine Tochter und ich heute ein gutes Verhältnis zueinander haben. Das war nicht immer so.“ (Andrea Wieser)