Letztes Update am So, 10.04.2016 06:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Magazin

Homöopathie: Aussage gegen Aussage

Die einen halten sie für eine „Scheinmedizin“, die anderen schwören auf Globuli und Co. Fast jeder zweite Österreicher hat laut einer Umfrage im vergangenen Jahr danach gegriffen. Zum heutigen „Tag der Homöopathie“ hat die TT beim klassischen Homöopathen Gerhard Sallaberger nachgefragt.

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Wer Patienten homöopathische Mittel verschreibt, ist ein Betrüger und gehört ins Gefängnis.“ Mit dieser scharfen Aussage im Nachrichtenmagazin Format zog „Science Buster“ Werner Gruber im vergangenen Jahr gegen die Homöopathie ins Feld. Die deutsche Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften startete kürzlich die Facebook-Kampagne „Susannchen braucht keine Globuli“, um Eltern vom Gebrauch von Homoöpathika abzuhalten. Und die Gesellschaft für kritisches Denken in Wien verkündete in einer Aussendung: „Es ist eine Scheinmedizin.“

Demgegenüber steht das offenbar unerschütterliche Vertrauen der Bevölkerung in die heilsame Wirkung der Homöopathie, wie eine aktuelle Umfrage unter 2000 Österreichern ergab, die der österreichische Homöopathika-Hersteller Peithner in Auftrag gegeben hat.

Das Ergebnis: 31 Prozent der 15- bis 19-Jährigen haben in den vergangenen zwölf Monaten zu Globuli & Co. gegriffen, bei den 30- bis 50-Jährigen waren es sogar 56 Prozent und bei den über 70-Jährigen noch 48 Prozent. „Etwa die Hälfte der Bevölkerung in Österreich gibt an, in den letzten zwölf Monaten homöopathische Mittel eingenommen zu haben“, fasste Martin Peithner die Umfrageergebnisse zusammen. Vor allem bei Kopfschmerzen, Erkältungen und Husten würden die Österreicher auf Homöopathie setzen.

Gegenüber der Austria Presse Agentur betonte Peithner selbst, dass Globuli kein Allheilmittel seien: „Die Homöopathie ist keine Alternative für Diabetes, Bluthochdruck oder Herzinfarkt.“ Das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der renommierten Berliner Uni-Klinik Charité bewertete die Homöopathie in einer Stellungnahme 2010 folgendermaßen: „Studien zeigen, dass Patienten die sich homöopathisch behandeln lassen, meist chronisch krank und schulmedizinisch vorbehandelt sind. Ihre Beschwerden verbessern sich nachhaltig und die Effekte sind – soweit überhaupt erforscht – mit denen schulmedizinischer Behandlung vergleichbar. Inwieweit homöopathische Arzneimittel einem Placebo überlegen sind, ist unklar.“

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Am heutigen Sonntag begeht die Österreichische Gesellschaft für Homöopathie anlässlich des Geburtstags des Homöopathie-Begründers Samuel Hahnemann (10. April 1755) den „Tag der Homöopathie“. In diesem Rahmen bat die TT Gerhard Sallaberger zum Gespräch. Der Allgemeinmediziner ist seit mehr als 20 Jahren als Homöopath in Innsbruck tätig.

Herr Dr. Sallaberger, wie unterscheidet sich die Wirkung von Homöopathika gegenüber Pharmazeutika?

Ist ein Patient nicht in der Lage seine Beschwerden ohne Hilfe von außen selbst zu beseitigen, ist das offensichtlich Ausdruck seiner individuellen Schwäche. Die Symptome sind also nur Zeichen seiner Schwäche und damit nicht das eigentliche Problem. Ein homöopathisches Mittel, das auf Basis der Gesamtheit der Beschwerden des Patienten ausgewählt wird, ist in der Lage das Immun-, Hormon- und Nervensystem zu aktivieren und damit die Symptome von innen zu beseitigen. Demgegenüber verbessern pharmazeutische Medikamente wie Schmerzmittel, Kortison oder Antibiotika nur das Krankheitsbild.

Gibt es Studien, welche die Wirkung von Homöopathie bestätigen?

Ja, es gibt – wenn auch noch zu wenige – sehr gute Studien, etwa zu Migräne oder Durchfall. Zuletzt hat der Schweizer Arzt Heiner Frei eine Untersuchung veröffentlicht, die den Erfolg der homöopathischen Behandlung von Kindern mit ADHS belegt. Wenn man aber wie der ehemalige Vorstand des Instituts für Komplementärmedizin in Exeter, Edzard Ernst, Metastudien erstellt, ist klar, dass ein negatives Zeugnis für die Homöopathie dabei herauskommen muss. Ernst hat nämlich für seine Untersuchung 98 Prozent der Studien aussortiert, die ein günstiges Ergebnis für die Homöopathie ergeben haben.

Ein anderes Problem ist: Studien über Homöopathie sind sehr aufwändig, weil bei gleicher Diagnose nicht jeder Patient dasselbe Mittel bekommt. Die Krankheitsbilder unterscheiden sich ja in den Symptomen. Dafür fehlt den Unis meistens das Geld. Dazu kommt der Druck der Scientific-Community, die davon ausgeht, dass wir Homöopathen mit „nichts“ arbeiten. Wasserforscher sind jedoch überzeugt, dass bei der Herstellung von homöopathischen Mitteln das Lösungsmittel Wasser in seiner Struktur bleibend verändert wird, auch wenn kein Arzneimittel mehr vorhanden ist. Es trägt die Information des Mittels ähnlich einer CD, auf der man ja auch kein Molekül eines Musikers findet.

Ein zentrales Problem ist, dass wir Ärzte in unserer Ausbildung auf der Universität nicht lernen, Statistiken richtig zu interpretieren.

Wie kommen Sie zur Diagnose?

Am Anfang steht ein ausführliches Anamnese-Gespräch mit dem Patienten. Das kann schon fast zwei Stunden dauern. Dabei versuche ich, seine individuellen Schwachstellen herauszufinden und mir ein möglichst vollständiges Bild seiner Schwäche zu machen. Chronische Krankheiten sind nämlich nur heilbar, wenn man sich im Klaren ist, dass alle Beschwerden eines Patienten Ausdruck seiner Schwäche und nicht verschiedene Krankheiten sind. Natürlich verwende ich auch Laborbefunde und Bildgebung.

Wenn ich das Mittel gefunden habe, spreche ich nach drei Wochen nochmals mit dem Patienten. Eine genaue Nachbeobachtung ist wichtig, um nichts zu übersehen. Wenn ein chronisch Kranker glaubt, nach einer Woche geheilt zu sein, bin ich skeptisch. Das ist dann ganz klar der Placebo-Effekt. Man muss länger abwarten und wenn sich die Symptome z. B. verlagern, auch ein anderes Mittel suchen.

Was hat es bei den Globuli mit den Potenzen auf sich?

Wichtig ist vor allen Dingen, das richtige Arzneimittel individuell auszuwählen. Doch bereits Samuel Hahnemann beobachtete heftige Erstreaktionen bei der Anwendung von Niederpotenzen. Deshalb hat er durch weiteres Verdünnen und Verschütteln so genannte Hochpotenzen hergestellt, um „sanft und dauerhaft zu heilen“.

Trotzdem ist Vorsicht geboten: Zu häufig eingenommen, können Hochpotenzen ihrerseits Krankheitssymptome hervorrufen. Auch Präparate mit Arsen in niedriger Potenz können Vergiftungssymptome auslösen. Das hat sich bei Obduktionen gezeigt, die der Wiener Gerichtsmediziner Christian Reiter durchgeführt hat. (Theresa Mair)