Letztes Update am Mo, 30.05.2016 09:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Ein Emoji sagt mehr als 1000 Worte

Es gibt wohl kaum ein Gefühl, das sich inzwischen nicht durch Emojis ausdrücken lässt. Geht es nach Sprachwissenschaftern, muss sich die Sprache vor den Bildzeichen dennoch nicht fürchten.

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Wer die kleinen Bildzeichen, japanisch „emoji“, für bloße Spielerei und Kinderkram hält, irrt: Die Zeichen, die durch Whatsapp, Twitter und Facebook aus Japan in die westliche Kultur gelangten sind, erfreuen sich immer größerer Beliebtheit – auch bei Menschen, die längst dem Kindesalter entwachsen sind. „Emojis haben sich bereits einen festen Platz in der digitalen Kommunikation erobert“, spricht Katharin­a Zipser vom Institut für Sprachen und Literatur der Universität Innsbruck nicht mehr nur von einer Mode­erscheinung.

1624 verschiedene Zeichen werden auf der Seite des Emoji-Konsortiums Unicode inzwischen aufgelistet. Und jedes Jahr kommen weitere dazu: So werden die bestehenden Zeichen diesen Juni unter anderem um ein Gesicht mit einem Cowboy-Hut, einen Clown, eine Figur, die ein Selfie erstellt, eine schwangere Frau und einen Gorilla erweitert. Wem dennoch etwas fehlt, der kann bei Unicode selbst ein Emoji per Formular beantragen. Eine Jury entscheidet dann, welche Vorschläge umgesetzt werden.

Eine andere Jury hat mit ihrer Wahl für Aufsehen gesorgt: Das Oxford Dictionary, verantwortlich für das Oxford English Dictionary, ein bedeutendes Wörterbuch der englischen Sprache, hat das „Face with Tears of Joy“ (den Freudentränen-Smiley) aufgrund seiner zahlreichen Verwendung zum „Wort des Jahres 2015“ gewählt. „Diese Wahl soll sicher auch die Symbolwirkung haben, dass das Oxford Dictionary jetzt in der digitalen Welt angekommen ist“, meint der Sprachwissenschafter Peter Schlobinski von der Leibniz Universität Hannover. Schlobinski beschäftigt sich mit Jugendsprache, dem Thema Verfall der Sprache und der Sprache in SMS-Kurznachrichten. Bei den Emojis sieht der Sprachwissenschafter einen Wandel: „Am Anfang standen die Zeichen eher am Ende der Nachricht, neuere Emojis erlauben es aber auch, sie im Text als Ersatz von Wörtern zu verwenden.“

Bunte Bildchen statt Worten – das muss zwangsläufig dazu führen, dass einige den Verfall der Sprache im digitalen Zeitalter kommen sehen. „Emojis und Smileys sollten nicht als Bedrohung wahrgenommen werden, sondern als Bereicherung. Sie sind ökonomisch, originell und emotionsgeladen“, entgegnet Zipser. Und geht sogar noch einen Schritt weiter: „Ich bin der Meinung, dass durch den zunehmenden schriftlichen Austausch über soziale Medien die Schreibkompetenz unter Umständen steigen könnte.“

Die Gefahr, dass Emojis Wörter komplett ersetzten, sieht auch Schlobinski nicht: „Das funktioniert nur in einem engen Zusammenhang. Da werden zusammengesetzte Wörter dann durch mehrere Emojis dargestellt, ähnlich der Symbolsprache von Charles Bliss für Behinderte“, erklärt der Sprachwissenschafter. Für komplexere Themen und intensivere Kommunikation aber braucht es ein Mischsystem aus Worten und Emojis. „Emojis sind eine Ausdrucksmöglichkeit. In der gesprochenen Sprache haben wir die Informationen über Emotionen in der Stimme und Mimik“, erklärt Schlobinski.

Die Geburtsstunde der Smileys

Diese fehlende Information, wie ein geschriebener Satz gemeint ist, war auch der Grund für die Erfindung des Smileys: Um Witze zu kennzeichnen, kombinierte der Informatiker Scott E. Fahlmann 1982 in einer E-Mail Satzzeichen so, dass sie, seitlich betrachtet, einen Gesichtsausdruck zeigen. Mit den beiden Zeichen (-: und )-: waren die ersten Smileys geboren. „Ab 1985 gab es den Smiley auch in Japan, wo daraus dann die Emojis entstanden und durch Anwendungen wie Whatsapp in die westliche Kultur übertragen wurden“, berichtet Schlobinski. Während klassische Smileys nur durch Satzzeichen dargestellt werden, sind Emojis kleine, durch einen Code erzeugte Bilder.

Shigetaka Kurita, Mitarbeiter einer japanischen Kommunikationsfirma, gilt als Erfinder der Emojis. Dass die kleinen bunten Zeichen aus dem asiatischen Raum kommen, ist wenig verwunderlich: „Emoji bedeutet so viel wie ,Bildschriftzeichen‘. Sie sind insofern Ideogramme, weil ein Zeichen für ein Wort steht. Eine mehrheitlich ideographische Schrift ist z. B. das Chinesische“, erklärt Sprachwissenschafterin Zipser.

Während die Chinesen und Japaner aber seit jeher auf Kombinationen aus Zeichen setzten, die für mehr als einen Buchstaben stehen, ist das bei uns anders: „Unser primäres System ist das Alphabet. Eine reine Bildsprache ist für eine normale Kommunikation sehr aufwändig und uns nicht so vertraut“, betont Schlobinski.

Dass die Emojis ursprünglich aus einer anderen Kultur kommen, sorgt auch immer wieder für Missdeutungen: So bedeutet ein Smiley mit Blase aus der Nase in Japan Schlafen – in anderen Teilen der Welt wurde er allerdings oft für Erkältungen genutzt. Und auch der lachende Kothaufen lässt sich durch das Emoji-Ursprungsland erklären: In Japan steht dieses Symbol für Glück.

Je nach verwendeter Software werden die Bildzeichen zudem unterschiedlich dargestellt, was zu weiteren Missverständnissen geführt hat. In weitaus größere­r Zahl tragen sie aber dazu bei, dass Textnachrichten richtig eingeordnet werden können: „In vielen Situationen helfen Smileys Missverständnisse zu verhindern – etwa wenn man wenig Zeit oder Platz hat und daher knapp kommunizieren muss“, erklärt Zipser.

Die britische Zeitung The Guardian hat die Kommunikation mit Emojis auf die Spitze getrieben: Auf dem Twitter-Kanal „Emoji­bama“ haben Redakteure die Rede zur Lage der Union von US-Präsident Barack Obama im Januar 2015 komplett auf Emojis übersetzt und getwittert.

„Auch in Zukunft werden Zeichen eine wichtige Rolle spielen“, meint Schlobinski. Wie genau das aber aussieht, ist auch für den Sprachwissenschafter nicht vorauszusehen: „Eine Prognose ist schwer. Aber es gibt beispielsweise die Möglichkeit, das eigene Gesicht von Fotos als Smiley zu verwenden.“ Genau das hat nun das soziale Netzwerk Facebook vor: Statt Emojis – die inzwischen nicht nur gelbe Haut, sondern auch andere Hautfarben besitzen können – soll dann per Gesichtserkennung das eigene Gesicht als Smiley benutzt werden. Ein lebensechtes Emoticon aus Fleisch und Blut also. Schließlich sagt ein Gesichtsausdruck mehr als tausend geschriebene Worte. Aber wer weiß, welche Zeichen bis dahin noch dazugekommen sind. ;-) (Philipp Schwartze)