Letztes Update am So, 26.06.2016 07:21

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Circus Roncalli

Roncalli-Direktor: „Die Zeit der Menagerie ist endgültig vorbei“

Der Circus Roncalli feiert 40-jähriges Bestehen. Im November ist die Jubiläumstour „40 Jahre Reise zum Regenbogen“ auch in Innsbruck zu sehen. Zuvor hat die TT Roncalli-Direktor Bernhard Paul in Düsseldorf besucht und sprach mit ihm über Nostalgie, Höhen und Tiefen der letzten Jahrzehnte und darüber, dass die Nachfolge seines Unternehmens in Familienhand bleiben wird.

Bernhard Paul gründete den Zirkus Roncalli im Jahr 1976. Er begeisterte auch selbst als Clown Zippo.

© Stefan JohamBernhard Paul gründete den Zirkus Roncalli im Jahr 1976. Er begeisterte auch selbst als Clown Zippo.



Fußball-Europameisterschaft und Zirkus – passt das zusammen und wer gewinnt?

Wir gewinnen auf jeden Fall, weil wir einfach Sommerpause machen. Die haben wir uns auch verdient. Und das macht mehr Sinn, als nur für das Finanzamt zu arbeiten. Früher haben wir bei Fußball-Großereignissen Damentage veranstaltet. Da hatten wir das Zelt oft voll, nur mit Frauen. Jetzt geht das nicht mehr, weil die Damen ja selbst Fußball schauen.

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Infos zur Jubiläumstour in Innsbruck gibt es unter www.roncalli.de>

Der Zirkus Roncalli feiert heuer sein 40-jähriges Bestehen. Wie wird gefeiert?

Wir haben uns für ein neues Programm entschieden, „40 Jahre Reise zum Regenbogen“. Es ist eine poetische Reise mit moderner Artistik, Nostalgie und den Vorlieben des Publikums. Den Geschmack des Publikums darf man nämlich nie vergessen. Dazu gibt es viele Überraschungsmomente und völlig neue Elemente wie z. B. den Beatboxer, der nicht nur mit dem Mund Sounds und Geräusche erzeugt, sondern auch Pantomime und Comedian ist und ein Liebling der Zuseher wurde.

Wie sehr hat sich denn Zirkus in den 40 Jahren verändert?

Die Zeit der Menagerie, der Tierschau ist endgültig vorbei. Tiere haben mit Ausnahme der Pferde bei uns sowieso nie eine Rolle gespielt. Und Pferde im Zirkus haben ja eine historische Entwicklung, schließlich verdankt der Zirkus seine Existenz der Kavallerie. Die ersten Zirkusbesucher schauten bei der Dressur eines Pferdes zu. Übrigens sind die 13 Meter, die er für Pferd und Peitsche benötigte, auch heute noch Manegenmaß.

Bernhard Paul ist gelernter Grafikdesigner und arbeitete in den 70ern u.a. als Artdirektor des Nachrichtenmagazins Profil.
Bernhard Paul ist gelernter Grafikdesigner und arbeitete in den 70ern u.a. als Artdirektor des Nachrichtenmagazins Profil.
- Stefan Joham

Was war vor 40 Jahren sonst noch grundlegend anders?

Da hatten wir als neueste Errungenschaft ein Faxgerät. Die Schränke waren voll mit Eintrittsblöcken. Heute ist das alles Computerarbeit. Licht und Ton sind ebenfalls computergesteuert. Der Circus Roncalli war übrigens der erste Zirkus im Internet. Auch da waren wir Vorreiter.

Gehen wir nochmals an den Anfang vor 40 Jahren zurück. Würden Sie heute etwas ganz anders machen?

Ich würde vielleicht nicht mehr mit André Heller starten, mit dem ich ja den Circus Roncalli gegründet habe. Auf manche menschliche Enttäuschung hätte ich auch gerne verzichtet. Aber dann passieren wieder solche überraschenden Begegnungen wie damals mit Emil Steinberger. Der Schweizer Komiker hat uns einmal aus einer finanziellen Patsche geholfen, nur gefragt, wie viel brauchst du denn? Es waren 400.000 DM.

Welchen Teil Ihrer Arbeit mögen Sie und was ist Ihnen lästig?

Bürokratie ist fürchterlich. Die schönsten Arbeitsstunden sind dann, wenn ein neues Programm entsteht, sich die Kreativität richtig ausbreiten kann.

Wann läuft Ihre Phantasie auf Hochtouren, sind Sie immer auf Empfang?

Wenn ich etwa bei einer Modeschau in Paris bin, stelle ich mir schon die neuen Kostüme im Zirkus vor. Politische Diskussionen, bei denen alle durcheinanderreden, sehe ich clownesk. Bei Rockkonzerten interessiert mich vielleicht die Pyrotechnik. Die ganze Welt ist doch ein Zirkus.

Wie entsteht das Programm und wie finden Sie Ihre Artisten?

YouTube hilft für den ersten Eindruck, dann sehen wir uns die Künstler bei ihren Auftritten an. Ausstrahlung lässt sich nur live erkennen. Anschließend wird an der neuen Nummer gefeilt. Dabei wollen wir uns aber nicht dem Zeitgeist verpflichten, denn der ist eine verderbliche Ware. Unsere Nummern sollen unverwechselbar sein, nicht zu modisch, nicht zu hip, nur beste Qualität.

Im November gastieren Sie in Innsbruck, haben Sie einen Bezug zu Tirol?

Wir haben soeben mit der Firma Swarovski eine intensivere Zusammenarbeit vereinbart. Denn Roncalli steht ebenso wie Swarovski für Zauber. Nichts funkelt so schön wie die Steine von Swarovski. Meine Tochter Lili, die 18 Jahre alt ist, war gerade in Wattens und hat ihr Kostüm abgeholt. Wunderschön. Man muss eben das Geld mit beiden Händen beim Fenster hinauswerfen, dann kommt es durch die Tür wieder herein.

Ihre drei Kinder sind voll im Zirkus integriert, Tochter Lili glänzt in einer Aktrobatiknummer, Vivi verzaubert am Luftring, Sohn Adrian unterstützt die Leitung des „Roncalli Apollo Varieté“. Wie haben Sie das geschafft?

Natürlich habe ich gehofft, dass meine Kinder einmal den Zirkus weiterführen werden, habe sie aber nie gedrängt. Ich habe ihnen aber stets gesagt, dass sie machen können, was sie wollen. Dann haben sie heimlich trainiert und mich vor zwei Jahren in Köln mit einer Zirkusnummer überrascht.

Ein Blick voraus: Hat der Zirkus Zukunft? Und wie sehen Sie das Phänomen „Cirque de Soleil“?

Es wird weniger Zirkusse geben, die besten werden sich halten – als eine Art Feinkosthandlung der Artistik und der Emotionen. Wenn ich Roncalli und den „Cirque de Soleil“ vergleiche, kann ich das am besten mit Kaffeehäusern – Roncalli ist das Hawelka und der „Cirque de Soleil“ ist Starbucks.­

Das Interview führte Stefanie Kammerlander