Letztes Update am Di, 13.09.2016 08:36

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Graffiti

Sprühende Ideen, die wieder vergehen

Sie lassen Wände sprechen und graue Fassaden in bunten Farben leuchten, sie bewegen sich zwischen Kriminalität, Kunst und Kommerz – Graffiti. Weil die Werke der Sprayer nicht lange erhalten bleiben, werden Fotos in Datenbanken gespeichert. Die Polizei macht es, um Vandalen zu überführen, und Forscher, um die Ästhetik zu dokumentieren. Innsbruck ist ein kreatives Pflaster, könnte seine Graffiti aber besser präsentieren.

© iStock(Symbolfoto)



Es sind nur ein paar Buchstaben. Wer mit dem Zug vom Unterland kommend nach Innsbruck fährt, sieht die Botschaft. Sie wurde gleich neben der Bahnbrücke über den Inn, kurz bevor die Viaduktbögen beginnen, an eine weißen Wand gesprayt. In der Szene nennt man es ein „comment“, einen Kommentar. Obwohl es nicht besonders liebevoll gestaltet ist, zählt es zu den Graffiti und erzählt eine Geschichte: von einem Sprayer, der den Glauben an die Menschheit nicht aufgeben will: „2016 wird alles gut.“ Mehr steht dort nicht.

Eine schöne Hoffnung, doch spätestens in ein paar Wochen wird das Graffito entweder von den Eigentümern der Wand entfernt oder jemand anderer ergänzt es; vielleicht mit dem Kommentar: „Leider nicht passiert.“ Der Wiener Stefan Wogrin hat mit elf Jahren angefangen, Graffiti zu sprayen, und hat seine Kunstgeschichte-Bachelorarbeit darüber geschrieben: „Graffiti ist sehr kurzlebig, auf legalen Flächen wird etwas übermalt, illegale Flächen werden gereinigt oder die Farben verblassen“, sagt der 26-Jährige. Vor allem die Arbeiten von Anfängern bzw. schlecht gemachte Graffiti überleben nicht lange: „Es kommt darauf an, wie das Bild in der Szene akzeptiert wird. Ist das nicht der Fall, kann es schon am selben Tag wieder verschwunden sein.“ Es wird mit dem Begriff „Toy“ (Spielzeug) gebrandmarkt und damit von den Erfahrenen zum Überarbeiten freigegeben.

Graffiti ist eine Subkultur, die nach ähnlichen Regeln funktioniert wie zum Beispiel die des Snowboardens. Es geht um Respekt der Jungen vor den Älteren. Man kann es nicht in der Schule lernen. Die Älteren geben ihre Erfahrung an die Jüngeren weiter und die bringen ihre eigenen Ideen ein – so entwickelt sich die Szene weiter. Um diese Entwicklung festzuhalten, wurden Datenbanken angelegt. In den USA von der Polizei, um den Stil einzelner Personen zu analysieren und einem Vandalen mehrere Graffiti zuordnen zu können. Die deutschen Forscher, die eine Datenbank mit bis jetzt 120.000 Fotos aus Mannheim, Köln und München angelegt haben, verfolgen ein anderes Ziel. Sie interessiert die Kunstform, die Formensprache, die Namen und Wörter, die etwas über die Stadt erzählen und die Schrift an sich. Etwa 90 Prozent der Graffiti sind in Schriftform verfasst.

In Innsbruck dürfen Sprayer einige Flächen – meist Unterführungen wie hier – als Grundlage für ihre Kunstwerke nutzen.
- Thomas Böhm / TT

Die „Hall of Fame“ Innsbrucks

Es sind politische Botschaften dabei, tiefgründige oder einfach lieb gemeinte. Auf einer Innsbrucker „Hall of Fame“ (freigegebene Flächen zum Sprayen) bei der Unterführung Ampfererstraße – Bachlechnerstraße hat jemand „Lisa, Happy Bday“ hinterlassen. Wer würde sich nicht über so eine wandfüllende Geburtstagskarte freuen? Wenn du aber nicht gerade Banksy heißt und deine Werke in Museen ausgestellt bzw. versteigert werden, bleibt dein Werk vermutlich nicht lange erhalten. Um das zu verhindern, hat auch Wogrin auf seiner Seite „spraycity.at“ über 20.000 Graffiti aus ganz Österreich gespeichert. Er betreibt die Seite seit mittlerweile 15 Jahren. „Den Großteil fotografiere ich vor allem in Wien selbst. Alle paar Wochen gehe ich mit der Kamera raus und schaue, wo neue Bilder entstanden sind“, beschreibt er seine Touren. Ansonsten werden ihm Fotos zugeschickt. Aus Tirol scheinen 365 in seiner Datenbank auf. „In Innsbruck ist einzig die Wand beim Tivoli als legale Fläche gut sichtbar, sonst sind es hauptsächlich Unterführungen, das ist etwas schade“, meint Wogrin.

Abgesehen vom ohnehin bunten Wien könnte sich die Stadt ein Beispiel an Linz nehmen, speziell beim Hafengelände, wo 2014 der „Mural Harbor“ eröffnet wurde. Auf riesigen Wänden, die im Eigentum der Linz AG bzw. der Stadt stehen, können sich Künstler austoben. Leonhard Gruber, der zehn Jahre in Mayrhofen gewohnt und dort die Snowboard-Events veranstaltet hat und dabei in Kontakt mit Graffiti gekommen ist, betreut die etwas andere Freiluft-Galerie. „Bei diesen riesigen, grauen Industrieflächen lag die Idee nahe, hier etwas zu machen. Aber ich war dann doch überrascht, als uns die Linz AG das erlaubt hat, uns mittlerweile finanziell unterstützt und auch völlige künstlerische Freiheit gewährt. Es müssen keine Entwürfe vorgelegt werden“, erklärt Gruber. Das bislang größte Graffito ist eine 900 Quadratmeter große Schlange, die eine komplette Fassade einer Industriehalle bedeckt. Alles wurde gesprayt. Andere ähnlich großen Kunstwerke können mit handelsüblichen Maler-Roller gemacht werden, so Gruber: „Die Bilder sind so groß, dass sogar feine Konturen wie die Augenbrauen mit so einem Roller gezogen werden können.“

Über 100 Bilder von Künstlern aus 25 Nationen sind im „Mural Harbor“ inzwischen „ausgestellt“. Als begonnen wurde, Führungen mit Workshops anzubieten, sei man überrannt worden, freut sich der 41-jährige Oberösterreicher über das Interesse. Innerhalb von drei Monaten kamen 1300 Leute. „Das sind im Schnitt 10 pro Tag, manche Museen haben das nicht, dort kommen in den großen Häusern bei uns zwischen 4 und 20 Besucher pro Tag“, vergleicht er es mit Museen, die zeitgenössische Kunst ausstellen. Linz habe in dieser Hinsicht nicht so viel zu bieten und könne durch die Graffiti-Galerie ein neues Segment für sich besetzen.

Ein Graffito (Einzahl für Graffiti, aus dem Italienischen für „Schraffur“) besteht aus Bildern, Schriftzügen oder Zeichen. Alle Graffiti dieser Seite sind aus Innsbruck.
- spraycity

Moderner als „Modern Art“

Graffiti als „Modern Art“ des 21. Jahrhunderts bewegt sich allerdings im Spannungsfeld zwischen Kriminalität, Kunst und Kommerz. Illegale Sprayer sehen die Galerie-Auftritte kritisch und wollen im „Untergrund“ weiterarbeiten oder auch einfach Züge beschmieren. Graffiti-Künstler, die auf legalen Flächen arbeiten, stören sich daran, wenn Unternehmen ihre Produkte durch Graffiti-Ästethik „hip“ aussehen lassen wollen. Werbeflächen sehen dann plötzlich aus wie Graffiti, Autohersteller wie Smart oder Renault verkaufen Graffiti-Sondermodelle und Red Bull initiierte ein Streetart-Projekt in Wuppertal, bei dem in der Nacht Graffiti in der Stadt verteilt wurden. Diskussionswürdig, ganz sicher. Noch fragwürdiger ist allerdings eine Erfindung von Wissenschaftern der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit einer Forschungsgruppe von Disney. Sie stellten vor wenigen Monaten eine intelligente Sprühdose vor, mit der unerfahrene „Künstler“ dank Computerunerstützung große Bilder sprayen können. Eine Sprüh-Attacke ins Gesicht echter Künstler.

Als seriöser Künstler hat sich HNRX in Innsbruck und darüber hinaus einen Namen gemacht. Seine Graffiti sind in der ganzen Stadt verteilt, er hatte am Freitag eine Soloausstellung in Wien und seine Werke sind im „Mural Harbor“ in Linz zu sehen. In seiner Heimat wäre noch allerhand Entwicklungspotenzial vorhanden, glaubt er. Er wäre der Stadt und dem Kulturreferat gerne hilfreich, neue Flächen zu finden, die eine ähnliche Wirkung haben könnten wie der Hafen in Linz, meint er gegenüber der TT. Er hat schon einige Ideen dafür: „Es gibt genug Möglichkeiten, zum Beispiel die großen Autobahnpfeiler oder die Staudämme.“ Interessante Idee: So ein Graffiti, über die Wand eines Staudamms gezogen, mit kunstvollen Linien, bunten Farben und der Botschaft „2017 wird alles gut“, das würde in die ganze Welt ausstrahlen. (Matthias Christler)

HNRX hat viele Wände in Innsbruck verschönert. Die Zahnbürs­ten schwingen sich über einen Viaduktbogen.
- HNRX



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