Letztes Update am Mo, 06.02.2017 09:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Klumper: Balanceakt mit einem Original

Fritz Gaber (65) fährt und baut seit über 45 Jahren Rodeln nach Tulfer Art: die Klumper. Er erzählt, was es braucht, um sie selbst herzustellen und warum Kinderskier besser geeignet sind als abgeschnittene. Die Bauanleitung rückt er als Bonus auch noch heraus.

© Thomas Böhm / TTDer Geschwindigkeitsrekord einer Klumper liegt bei 99,66 km/h. Mit der Doppelklumper wird es nicht so schnell, es macht aber mehr Spaß.



Erst links, dann rechts herum, weiter geradeaus und mit Höchstgeschwindigkeit dem Ziel entgegen, so wirbelt Fritz Gaber durch seine Garage in Tulfes. Nie verliert er das Gleichgewicht. Nicht einmal, als er bei seinem Werkzeugschrank zwei Schubladen herauszieht, mit dem einen Fuß auf die eine steigt, mit dem anderen auf die andere und aus dem obersten Fach einen Bohrer holt. Der Bau einer Klumper ist ein Balanceakt. „Einer muss es ja machen“, raunzt der 65-jährige gelernte Tischler kurz, um gleich darauf zu sagen: „Aber ich mach’ es gern.“ Und er macht es schon lange. Klumper sind seit 45 Jahren Teil seines Lebens. Die Begeisterung ist greifbar. Im ganzen Raum verteilt liegen Fichtenholz-Platten und Skier. Daraus baut Gaber die Klumper – das ist eine Rodel nach Tulfer Art mit einem Ski als Kufe.

Doch auch die Wahrheit muss im Gleichgewicht bleiben, weswegen er sofort einschränkt, dass man die Idee aus Olang in Südtirol mitgenommen habe. Bei der Rodel-WM 1971 sah eine Abordnung aus Tulfes am Rande der Wettbewerbe, wie junge Südtiroler auf so einer Art Rodel den Berg hinunterbretterten. In Olang hatte man schon 1945 begonnen, „Rennbockele“ zu bauen, weil sie billiger herzustellen sind als gängige Rodeln. „Daheim in Tulfes haben wir sie gleich nachgebaut und ihnen den Namen ‚Klumper‘ gegeben“, erzählt Gaber. Der Unterschied besteht in der Länge: Die Südtiroler Variante ist ca. 1,2 Meter lang, bei einer original Klumper darf der Ski nicht 70 Zentimeter überschreiten.

Fritz Gaber hat auf dem Stück Fichtenholz eingezeichnet, wo er den Sitz montieren will.
- Rudy De Moor / TT

Da auch ein Klumper-Konstrukteur mit der Zeit geht, verwendet er zwar manchmal noch alte, abgeschnittene Skier, aber es darf inzwischen auch im Sitzen gecarvt werden. „Bei einem abgeschnittenen Ski nützt dir der Carving-Radius nix. Deshalb nehm’ ich am liebsten Kinder-Carving-Skier, weil du mit denen schön die Kurven ausfahren kannst.“ Sein Blick geht zu alten Skiern der Marke Blizzard und Kneissl, daneben stapeln sich neue Kinderskier. „Ski und Ski sind fünf verschiedene Welten“, sagt er und demonstriert es bei einem Modell, bei dem er den Belag mit einem Handgriff abreißt. Das passiere, wenn man billige Skier kürze.

In seiner Garage, die eigentlich mehr eine große Werkstatt ist, bohrt er acht Löcher in den Ski.
- Rudy De Moor / TT

Bei dem Werkstatt-Besuch wird schnell klar, dass niemand besser erklären könnte, wie eine Klumper gebaut wird als Fritz Gaber. Er war von Anfang an dabei, hat Hunderte Modelle selbst gebaut und noch mehr wieder fahrtüchtig gemacht. Aus einem Schrank zieht er zwei Holz-Schablonen – auf der einen die frühere Form, auf der anderen die neue, „etwas schnittigere“, erklärt Gaber, bei der die vordere Rundung flacher verläuft. Das sei Geschmackssache. Nicht aber die anderen Maße. „Nur wenn die offiziellen Maße eingehalten werden, darf man bei den WM-Rennen starten“, bleibt er als langjähriger Obmann des Klumpervereins Tulfes streng.

Der Ski kommt auf die Unterseite der Klumper und dient als Kufe.
- Rudy De Moor / TT

Wer auf Nummer sicher gehen will, der kann die Klumper beim Verein bestellen. Gaber baut sie fast in Fließband-Arbeit, „weil sich der Bau einer allein für mich nicht rentiert und deswegen sind bei mir meistens zehn Stück parallel in Arbeit“. Wer sich aber doch daheim eine anfertigen will, darf auf die Anleitung des Klumpervereins zurückgreifen. „Ein bisserl was von Arbeit mit Holz sollte man schon verstehen und etwas Werkzeug daheim haben, sonst wird es schwierig“, rät er den Hobby-Bastlern. Er selbst besitzt vier Stichsägen und besaß in „seiner besten Zeit“ zehn Akkubohrer. Weil der Mann nicht nur Klumper-Konstrukteur, sondern auch Tischler aus Leidenschaft ist, gibt es Werkzeugkunde gratis dazu. Als er in eine Platte, die später als Halterung für den Ski dient, Löcher bohrt, beginnt er: „Je größer der Bohrer, desto langsamer soll die Drehgeschwindigkeit sein – sonst verbrennt der Bohrer“, warnt Gaber.

Er ist so in seinem Element, dass er gar nicht bemerkt, als seine Frau Maria in die Garage kommt. Sie war 15 Jahre Obfrau des Vereins, er „nur“ 12. Inzwischen haben sie die Leitung Hannes Juncker übergeben, der schon seit seinem sechsten Lebensjahr auf dem Tulfer Original auf Pisten und Rodelbahnen unterwegs ist. Drei Weltmeisterschaften hat der Verein bereits organisiert, doch die Titel gingen bis jetzt immer nach Olang oder – fast eine Beleidigung der Tulfer Klumperehre – in den Nachbarort nach Rinn. Um den Nachwuchs macht sich die ehemalige Vereinsobfrau aber keine Sorgen, weil beim wöchentlichen „Klumperspaß“ auf einem eigenen Hang oberhalb von Tulfes viele Kinder das Gerät regelmäßig ausprobieren. „Wir haben eigene Schneelanzen, damit wir immer gute Bedingungen haben. Leider ist uns die Pistenraupe heuer eingegangen“, sagt sie.

Trainiert wird in diesem Winter auffallend oft – wohl um für die nächsten Titelkämpfe gerüstet zu sein – auf der Rodelbahn Bergeralm. Und wer schon einmal auf einer Klumper gesessen hat, mit den Füßen nach vorne in der Luft eine ganze Abfahrt meistert, weiß, wie sehr das die Bauchmuskulatur trainiert. Wahrscheinlich geht deshalb das Gerücht um, dass Tulfes die Gemeinde mit den meisten Sixpacks und Bauchmuckis tirolweit ist. Das nur am Rande. Viel wichtiger: Beim Klumpern zählt neben den Bauchmuckis vor allem der Gleichgewichtssinn. Und hier gilt die Regel: Je schneller man fährt, desto besser ist die Balance.

Fritz Gaber macht es vor. Mit einer roten Klumper, die er soeben repariert hat, geht er in den Garten hinter seiner Werkstatt. Auf dem Belag des Skis steht selbstbewusst in grünen Buchstaben das Wort „Winner“ geschrieben. Gaber marschiert schnell den kleinen Hügel hinauf und setzt sich auf die Klumper. Er fährt den Hang hinunter wie ein junger Klumperer, fast so wie damals 1972, als er und seine Freunde die ersten Modelle ausprobiert haben. Ein gelungener Balanceakt seit 45 Jahren für ein Original aus Tulfes. (Matthias Christler)

Bauanleitung für eine Original Klumper aus Tulfes

Klumper bauen. Hobbybastler, die geübt sind im Umgang mit Stichsäge und Bohrer, können sich selbst eine Klumper bauen. Der Klumperverein Tulfes stellt eine Anleitung zur Verfügung. Geraten wird zu Fichtenholz. „Aber es gab auch schon Zeiten, da haben wir Zirbe verwendet, weil sie gleich billig war“, erzählt Gaber.

Das Material.

1 Stück Fichtenholz der Stärke 4 bis 5 cm und den Abmessungen 62 mal 28,5 cm für den senkrechten Teil, 1 Stück Fichtenholz der Stärke 3 bis 3,5 cm mit den Abmessungen 60 mal 27 cm für die Sitzfläche. Außerdem werden noch zwei Holzkeile benötigt, welche die Sitzfläche stabilisieren. Dazu ein Ski, der nicht länger als 70 cm sein darf.

Zusammenbau.

Wie der Ski an der Klumper befestigt wird (z. B. durch eine Bindung oder fix auf die Unterseite angeschraubt), ist unerheblich. Die Gesamthöhe von der Skiunterkante bis zur Sitzoberkante (ohne Polsterung) darf 285 mm (+

– 15 mm) nicht überschreiten. Form und Abmessungen siehe Skizze. Die Polsterung muss plan mit der Sitzfläche sein und darf eine Stärke von 30 mm nicht überschreiten. Die Polsterung darf nicht als Schalensitz ausgebildet werden. Die Polsterung wird in der Gesamthöhe nicht mitgerechnet.

Kaufen.

Der Verein verkauft Klumper auch über seine Homepage (www.klumper.at). Variante mit fix montiertem Ski 50 Euro, Variante mit Spezialbindung 110 Euro.