Letztes Update am Mo, 13.02.2017 09:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Mit Omas Brille wieder sehen

Seit Mitte 2015 läuft in Tirol die erste landesweite Brillensammlung. Der Erfolg ist mit mehr als 100.000 gesammelten Sehhilfen durchschlagend. Bis diese in Afrika ankommen, müssen sie allerdings noch durch viele Hände gehen.

Theresa Albrecht, Thomas Geir, Christina Doblhofer und Matthias Siklos (v. l.) bereiten die Brillen für Afrika vor.

© Rudy De Moor / TTTheresa Albrecht, Thomas Geir, Christina Doblhofer und Matthias Siklos (v. l.) bereiten die Brillen für Afrika vor.



Grüne Kartons stapeln sich auf und um einen großen Tisch in einem Arbeitsraum in der Optikerschule Hall. Theresa Albrecht schnappt sich eine Schachtel und leert den Inhalt vorsichtig auf den Tisch. Chaotisch verstreut, auf- und übereinander liegen jetzt Brillen: moderne und ältere Modelle, knallbunte und schlichte Fassungen, einwandfreie und ziemlich lädierte Augengläser.

Darunter auch Sonnenbrillen, Taucherbrillen, ja sogar Skibrillen. Jede einzelne hat eine Geschichte. Die Vorbesitzer waren froh, endlich ihr Sammelsurium alter „Gestelle“ loszuwerden oder haben sich schweren Herzens davon getrennt. Albrecht und ihre Mitschüler Thomas Geir, Christina Doblhofer und Matthias Siklos sind hier, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Sie sortieren einwandfreie Brillen aus und legen jene beiseite, die zwar in bester Absicht abgegeben wurden, aber nicht mehr lange halten werden.

„Die da z. B. mit nur einem Glas und einem abgebrochenen Bügel kommt sicher nicht mit.“ Geir zeigt auf ein Exemplar mit runder, goldener Fassung, einst sicher ein gutes Stück. „Die auch nicht“, zeigt er auf eine andere Brille mit viereckigen Gläsern, die eigentlich noch ganz gut aussieht. Bei genauerem Hinsehen erkennt man aber, dass der Bügel abgewetzt und matt ist. „Auch wenn man den Bügel noch glänzend polieren würde, ist der Kunststoff schon so spröde, dass er gleich bricht.“ Geir sagt es und schon knackt es.

Im Kopf läuft ein Film ab. Von der Oma, die im Lehnstuhl sitzt und strickt. Eine weitere Brille mit dezentem Rahmen und staubigen Gläsern schaut aus wie die, die Opa jeden Morgen zum Zeitunglesen sucht. „Brillen sind eine emotionale Angelegenheit. Viele bewahren sie jahrelang in der Schublade auf, weil sie vielleicht einem verstorbenen Angehörigen gehört haben. Bei der Brillensammlung haben sie dann aber das Gefühl, dass es etwas Sinnvolles ist“, sagt Alexander Würtenberger von der Abfallwirtschaft Tirol Mitte (ATM).Er ist beim Besuch einer Sozialapotheke in Rumänien auf die Idee gekommen, Brillen zu sammeln und hat vor zwei Jahren die erste tirolweite Brillensammlung initiiert.

Wo eine Brille, da ein Weg

Das Projekt ist eine sinnvolle Option für Menschen, die irgendwie an ihren Brillen hängen, aber trotzdem daheim Platz machen möchten. Sie trifft den Nerv einer konsumkritischen Generation, die lieber repariert, als wegwirft und sozial ist.

Die Brillen kommen Menschen in Afrika, vor allem in Burkina Faso, zugute. Doch damit sie dorthin gelangen, ist einiges an ehreamtlichem Aufwand zu bewältigen, die Wirtschaftskammer und das Land Tirol unterstützen das Projekt. Die Maturanten in der Optikerschule und ihr Betreuungslehrer Roland Haas spielen dabei eine Schlüsselrolle.

In der Optikerschule in Burkina Faso packen die mit Tiroler Know- how ausgebildeten Optiker die gespendeten Brillen aus.
In der Optikerschule in Burkina Faso packen die mit Tiroler Know- how ausgebildeten Optiker die gespendeten Brillen aus.
- Roland Haas

Sie sorgen dafür, dass die Menschen etwas von den Sehhilfen haben und bereiten die guten Stücke vor: Sie putzen sie, messen die Stärke der Gläser aus, ziehen hie und da noch ein Schräubchen nach, beschriften und verpacken sie. „Wir schicken keinen Müll nach Afrika. Es soll eine nachhaltige Entwicklung sein“, sagt Haas. Dazu gehört, dass die Afrikaner mit den Spenden umgehen können.

„Mit einer falschen Sehstärke kann man auch ganz viel kaputtmachen“, argumentiert die Schülerin Doblhofer. Haas engagiert sich schon länger für Hilfsprojekte, unter anderem für „élèves pour élèves“, an dem die Uni und Tiroler Schulen beteiligt sind.

Bereits 2012 sind vier Optiker aus Burkina Faso in der Haller Optikerschule – der einzigen in Österreich – ausgebildet worden. Sie sollen ihr Brillenwissen in einer neu eröffneten Optikerschule in Bobo-Dioulasso, der zweitgrößten Stadt des Landes, weitergeben. Dreimal war Haas selbst schon vor Ort.

„Wie man sieht, sind auch Skibrillen in den Kartons. Anfangs habe ich mich gefragt, warum Leute Skibrillen für Afrika spenden. Die Menschen dort können sie aber gut brauchen. Die setzen sie zum Mopedfahren auf“, erzählt er. Sonnenbrillen sind ebenfalls eine große Erleichterung, sofern sie ausreichend UV-Schutz bieten, helfen sie einem Grauen Star vorzubeugen.

„Die Afrikaner werden genauso alt wie wir, deswegen werden sie auch alterssichtig. Große Probleme macht die trockene, staubige Luft, die Bindehautveränderungen hervorrufen kann.“ In den allermeisten Fällen kann mit einer Tiroler Brille geholfen werden. Die Optiker messen die Augen des Patienten aus und suchen das passende Augenglas aus der grünen Schachtel.

„Standard ist eigentlich –3 bei Kurzsichtigkeit und +0,75 bei Weitsichtigkeit“, schildert Doblhofer. Doch die afrikanischen Kollegen sind auch für Spezialanfertigungen gerüstet. „Wir haben in der Optikerschule ein kleines Lager mit sehr starken Gläsern. Damit können die Optiker selber eine Fassung machen“, sagt Roland Haas.

Win-win-Situation für Optiker

Die Resonanz auf die Brillensammlung ist gewaltig. „Unser Ziel war es, im ersten Jahr 10.000 Brillen zu sammeln. Die hatten wir in drei, vier Monaten schon zusammen. Inzwischen haben wir schon gut 100.000 Brillen im Schiffscontainer nach Afrika geschickt.“ Für solche Mengen braucht es natürlich auch Lager. Eine große und zwei kleinere Hallen sind dafür reserviert, pensionierte Optiker spenden zudem öfters wertvolle Geräte zur Augenmessung, die gut gebraucht werden können und dort zwischengelagert werden.

Ohne die Optiker würde das Projekt sowieso auf nur einem Bein stehen. „Wir fahren auf zwei Schienen. Die Optikergeschäfte, aber auch die Recyclinghöfe stellen die Kisten auf. Dort holt sie dann die Firma Swarco ab“, sagt Ideengeber Würtenberger, der zurzeit mit der Caritas im Gespräch für weitere Brillenhilfsprojekte in Europa steht. Christian Isser von der Wirtschaftskammer, der für die 100 teilnehmenden Optikergeschäfte spricht, sieht eine Win-win-Situation. „Einerseits machen wir etwas gegen den Wegwerftrend, indem wir die Kunden aktiv ansprechen, ob sie noch alte Brillen haben, andererseits haben unsere Lehrlinge Übungsmaterial.“

Diese helfen den Maturanten, indem sie die Brillen schon reisefertig vorbereiten. Die Schüler haben auch so genug zu tun: Bis zur Matura in zwei Monaten müssen sie ihr Projekt abschließen. Eigentlich wollten sie dafür 2016 nach Burkina Faso reisen, doch kurz zuvor zerstörte ein Terroranschlag in der Hauptstadt Ouagadougou das Vorhaben. Also disponierten sie kurzerhand um und erstellten Schulmaterial für künftige Optiker in Afrika, dafür müssen sie noch Übersetzer finden. Es ist ein Plan mit Weitsicht. (Theresa Mair)