Letztes Update am Mo, 20.02.2017 06:44

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nachtschwärmer

In strahlenden Winternächten

Wenn andere ins Tal gehen, steigen die Fotografen Bernd Willinger und Norbert Span erst auf. Ihr Motiv? Die Wunder des Nachthimmels.

© Faszination „Airglow“ und das Licht der Brennerautobahn.



Seit einem gemeinsamen Foto von der partiellen Sonnenfinsternis 2011 sind der Innsbrucker Bernd Willinger und der Steinacher Norbert Span ein Team. Endet der Tag, schleppen sie 30 Kilo mit Foto- und Expeditionsausrüstung auf die Berge. Bevorzugt im Winter.

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Denn Schnee reflektiert immer ein bisschen Licht. Sobald zwei Stative und zwei Kameras aufgebaut sind, breitet sich Schweigen aus. Jeder taucht für sich ins himmlische Schauspiel ein.

Das nachgezeichnete Sternbild Schütze richtet seinen Pfeil auf die Serles.
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„Wir haben 300 Nächte auf Gipfeln und Gletschern verbracht und versucht, alles einzufangen, was zwischen Sonnenuntergang und -aufgang passiert“, erzählt Willinger. Es sind schlaflose und kalte Nächte. Manche Sternenbilder tauchen erst gegen Morgen auf. Manchmal sagt sich der Mond erst zu später Stunde an.

Eine neue Aufnahme vom Rangger Köpfl.
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„Das Fotografieren dauert viel länger als untertags. Wir brauchen sehr lange Belichtungszeiten von 25 Sekunden und mehr. Bis ein Panoramabild zusammengesetzt ist, vergeht eine Stunde“, erläutert Span. Bei einer Zeitrafferaufnahme verstreichen leicht vier Stunden. Zur Ausrüstung zählen eine Spiegelreflexkamera und ein extremes Weitwinkelobjektiv mit entsprechender Lichtstärke. (Blende: 1,4–2,8)

Ein Sternspurenkreis über den Drei Zinnen.
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Wer mit den beiden ins Gespräch kommt oder ihr Buch „Berge und Sternen“ liest, erfährt gleich eines: Die Lichter der Nacht verdienen eine genauere Untersuchung. Bei Neumond tritt die Milchstraße am schönsten hervor. Die blaue Stunde der Romantiker kommt vor dem Sternbildlicht.

Doch halt, was steckt hinter diesem bunten „Airglow“? Willinger: „Wir erklären diesen komplizierten chemischen Prozess, der auch an der Uni Innsbruck erforscht wird, mit einem Sonnenbrand.“ Sozusagen die Auswirkungen eines Sonnentages. Als sie das grüne Leuchten das erste Mal einfingen, glaubten sie an eine Fehlbildung auf dem Display.

Meteorologe Norbert Span
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Doch die Kamera sah nur besser als das menschliche Auge, das nur einen Schleier wahrnahm. Span: „Für solche Glücksfälle gehen wir hinaus. Man sieht einen Airglow nicht jedes Jahr gleich gut.“ Natürlich beschäftigt sie auch das menschliche Licht im Inntal. Es knipst den Sternenhimmel fast aus und wird zur fotografischen Herausforderung.

Fotograf Bernd Willinger
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Aber die Vorstellung, dass Menschen den Nachthimmel nicht mehr bewundern könnten, löst bei den Nachtschwärmern Bedauern aus. Liegt dieses Abenteuer doch vor der Tür. Der Selbstversuch klappt: In der Früh entdecke ich den Halbmond im Austausch mit dem Morgenstern. (Sabine Strobl)

Das wunder ist so nah:

300 Nächte haben der Fotograf Bernd Willinger und der Meteorologe Norbert Span (oben) mit der Kamera auf Gletschern und Berggipfeln verbracht. Ihr Buch „Berge unter Sternen" erscheint im März im Knesebeck Verlag und erzählt von Entdeckungen vor der Haustüre.

Jubel: Die Milchstraße über den Stubaier Tribulaunen.
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