Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 25.02.2017


Tirol

„Tiere sind die Seele des Hofs“

In Weer steht Tirols erster Demeter-Hof mit Direktvermarktung. Die Betreiber müssen sich an striktere Richtlinien als bei Bio-Höfen halten. Sogar der Rhythmus der Planeten wird beachtet.

Bianca Jenewein betreibt einen Demeter-Hof. Statt chemischer Spritzmittel verwenden sie selbstgemachten Dünger. Dazu wird warmer Kuhmist in ein ausgehöhltes Kuhhorn gefüllt.

© SamBianca Jenewein betreibt einen Demeter-Hof. Statt chemischer Spritzmittel verwenden sie selbstgemachten Dünger. Dazu wird warmer Kuhmist in ein ausgehöhltes Kuhhorn gefüllt.



Von Judith Sam

Weer – „Frühstück“, ruft Bianca Jenewein und gießt frischen Tee in ein Gefäß. Die Mischung aus Kamille, Salbei und Thymian verbreitet ein würziges Aroma. Der Tee ist aber nicht für Menschen gedacht, sondern für gut vier Dutzend Küken, die sich leise fiepend um die Gummistiefel der 35-Jährigen scharen. „Auf unserem Hof gibt es weder Kraftfutter noch Chemie für die Tiere“, schildert Jenewein. Darum sei es wichtig, den Hühnern von klein auf Tees zu servieren, um ihr Immunsystem zu fördern.

Hochgezüchtete Hennen sucht man auf dem Seltsamhof in Weer vergebens: „So manches Huhn aus Bodenhaltung legt jeden Tag ein Ei. Das Urhuhn begnügte sich mit knapp 30 im Jahr. Unsere legen in derselben Zeit 100 Eier.“ Das sei trotz eines Stückpreises von 60 Cent zwar nicht so rentabel, entspreche jedoch den strengen Richtlinien der so genannten Demeter-Ideologie, die Jenewein und ihr Mann Robert seit 2012 anwenden.

„Dabei handelt es sich um das älteste Bio-Gütesiegel der Welt. Es besagt, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb ein geschlossener Organismus sein muss, wo Futter und Dünger selbst hergestellt werden“, erklärt die zweifache Mutter. In Tirol sind die Jeneweins damit der erste Demeter-Hof mit Direktvermarktung, vereinzelte Höfe, die nach diesem Konzept arbeiten, gibt es allerdings. Dieses entstand übrigens bereits 1924 und orientiert sich auch an kosmischen Rhythmen: „Bei Pflanzenanbau und Tierhaltung berücksichtigen wir die Einwirkung der neun Planeten und des Mondes.“

Ein Beispiel: Um Dünger herzustellen, füllt die ausgebildete Kinesiologin noch warmen Mist in ein ausgehöhltes Kuhhorn. Dessen Spitze wird anschließend in die Erde eines Feldes gesteckt: „Im Frühjahr geben wir winzige Mengen davon in Wasser und sprenkeln das auf die 20 Hektar unserer Felder. Das Ganze lässt sich mit Homöopathie vergleichen.“

Eine Technik, wegen der Jenewein manchmal belächelt wird. Doch sie sei weder Öko-Esoterikerin noch Kuhflüsterin: „Für mich zählt einzig die Wirkung.“ Bisher scheint die Rechnung aufzugehen. In den vergangenen fünf Jahren musste der Veterinär nur zwei Mal auf den Hof kommen und die Felder wurden von Schädlingen verschont. „Außerdem ist das Gras dichter und abwechslungsreicher als früher. Jetzt finden wir Brennnesseln, Kamillen und Schafgarbe darin“, freut sich Jenewein.

Bevor die Familie, die den Hof in dritter Generation betreibt, zum Demeter-Konzept wechselte, waren sie Bio-Bauern. Mit einigen Regeln hatten sie jedoch so ihre Probleme: „Bei Bio darf man beim Gemüse- und Obstanbau Kupfer spritzen, Mist von konventionellen Betrieben verwenden und Kühe dürfen enthornt werden.“ Laut Demeter müssen Tiere „wesensgemäß“ gehalten werden – was ein Blick in den Stall bestätigt. Ein Teil der 25 Milchkühe döst im Stroh, andere kauen frische Gräser oder genießen im Auslauf die Sonne. Einen Stall weiter wälzen sich Schweine im knöcheltiefen Dreck.

Nur aus den Hühnerställen dringt vorwurfsvolles Gackern. Die 200 Hennen und 40 Hähne sind eingesperrt. „Das schlägt sich mit der Demeter-Ideologie, ist wegen der kursierenden Vogelgrippe derzeit aber leider gesetzlich vorgeschrieben“, sagt Jenewein. Sie wirkt erstaunlich ausgeruht, obwohl sie am Vortag bis drei Uhr Früh gearbeitet hat und bereits seit fünf Uhr morgens wieder auf den Beinen ist. Kein Wunder, schließlich kümmern sie, ihr Mann und dessen Eltern sich nicht nur um die Tiere am Hof, sondern verarbeiten auch die Produkte selbst.

Kunden, die direkt am Hof kaufen oder beliefert werden (www.seltsamhof.at), haben die Wahl zwischen selbst gemachten Tees, Brot, eingewecktem Obst, veredelten Milchprodukten und Gemüse, Fleisch, Aufstrichen u. a. m.

Obwohl Schlaf für Jenewein derzeit mehr Luxus als Selbstverständlichkeit ist, bastelt sie schon an künftigen Projekten: „Im Sommer ist ein Camp für Kinder geplant, wo sie im Heu oder im Tipi schlafen können, Küken beim Schlüpfen zusehen und Kühe melken. Viel Arbeit, aber dabei helfen unsere ,Wwoofer‘.“ Dabei handelt es sich nicht um eine Hunderasse. Vielmehr sind Wwoofer („World-Wide Opportunities on Organic Farms“) Menschen, die ihrem Alltag entfliehen und bei freier Kost und Logis täglich für ein paar Stunden am Bauernhof mithelfen.

Derzeit „wwooft“ Thomas emsig mit. Der Schweizer stapft gerade aus dem Hühnerstall: „Die rebellieren, die Mädels! Die wollen raus! Ich hoff’, ich kann sie mit frischen Kräutern besänftigen. Aber wer kann’s ihnen verdenken? Die Tiere sind die Seele des Hofs, und die sollte man nicht einsperren.“