Letztes Update am Mo, 27.02.2017 09:30

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Grenzmauern

Ein brutales Zeichen gescheiterter Politik

Nicht erst seit Donald Trump sind Grenzmauern im Gespräch. Schon in den frühen Tagen der Menschheit ließen Herrscher befestigte Grenzen errichten. Der Erfolg von Mauern ist umstritten, nicht wenige dieser hohen Wälle konnten ihren Zweck nicht auf Dauer erfüllen. Ein Blick auf historische und aktuelle Bollwerke, zwischen kurzzeitigem Erfolg und fehlender Beständigkeit.

Die Grenze zwischen den USA und Mexiko ist rund 3200 Kilometer lang. Auf mehreren insgesamt 1000 Kilometer langen Abschnitten steht bereits ein meterhoher Zaun. US-Präsident Donald Trump möchte eine Mauer entlang der gesamten Länge bauen.

© REUTERS/Jose Luis GonzalezDie Grenze zwischen den USA und Mexiko ist rund 3200 Kilometer lang. Auf mehreren insgesamt 1000 Kilometer langen Abschnitten steht bereits ein meterhoher Zaun. US-Präsident Donald Trump möchte eine Mauer entlang der gesamten Länge bauen.



Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Dieser Satz von DDR-Staatsratschef Walter Ulbricht auf die Frage eines westdeutschen Journalisten am 15. Juni 1961 ging in die Geschichte ein – als Lüge: Wenig später wurde die Berliner Mauer errichtet.

Gänzlich anders als Ulbricht hält es der neue US-Präsident Donald Trump, der seine Absicht, eine Mauer zu Mexiko zu bauen, nie verhehlte. „Man kann sagen, Mauern bauen ist wieder modern“, sagt die deutsche Archäologin Astrid Nunn mit Blick auf die Pläne Trumps, zahlreiche Zäune gegen Flüchtlinge und weiteren Mauerprojekten. Bereits 2008 schrieb Sie in dem von ihr herausgegebenen Buch „Mauern als Grenzen“ von 26.000 neuen Grenz-Kilometern seit 1991, 24.000 weiteren in Verträgen festgelegten und 18.000 angekündigten Mauern, Zäunen und Sperren. Inzwischen dürften es etliche Kilometer mehr sein.

Die Idee solcher Grenzbauwerke ist aber uralt. „Die erste geostrategische Mauer, von der wir heute wissen, wurde im 3. Jahrtausend v. Chr. in Mesopotamien gebaut“, erklärt Nunn, die sich vor allem mit Mauern im Alten Orient beschäftigt hat. Auch bei Aleppo und zwischen Euphrat und Tigris entstanden bereits früh Mauern der Sesshaften gegen die Nomaden. Dass mit syrischer, medischer, sasanidischer und kappadokischer Mauer viele in diesem Gebiet entstehen, erklärt sich Nunn auch mit den vielen Wanderungswellen und dem begrenzten bewohnbaren Gebiet. „Es wanderten Menschen ein, die sich bald assimilierten und zu Königen wurden. Vor der nächsten Wanderungswelle wollten sie sich dann mit Mauern schützen.“ Auf die Chinesen trifft diese Erklärung nicht zu, schließlich war das eroberte Gebiet groß. Vielmehr dürfte es sich um ein politsches Symbol gehandelt haben. Die Mongolen drangen aber trotz Mauer in China ein.

Keine Kopie: Auch wenn in China viele Produkte nachgebaut werden, die "Große Mauer" hatte kein Vorbild. Bei dem zwischen 5000 und 7000 Kilometer langen Bauwerk kamen Tausende Arbeiter zu Tode. Genützt hat sie zur Verteidigung nicht.
Keine Kopie: Auch wenn in China viele Produkte nachgebaut werden, die "Große Mauer" hatte kein Vorbild. Bei dem zwischen 5000 und 7000 Kilometer langen Bauwerk kamen Tausende Arbeiter zu Tode. Genützt hat sie zur Verteidigung nicht.
- AFP

Die Motivation für einen Mauerbau klingt in dieser frühen Zeit gleich wie heute: „Das Fremde“ soll abgeschreckt und abgehalten werden. Doch eigentlich zeigt die Geschichte auch eines: funktioniert haben Mauern langfristig nie. „Ich sage das ungern, aber kurzfristig erfüllen sie ihren Zweck“, gibt Nunn zu. Mauern seien ein Zeichen gescheiterter Diplomatie, eine simple, primitive und brutale Lösung. „Sie hängen immer mit Gewalt, Todesstreifen und vielen Toten zusammen.“

In Europa ist die Berliner Mauer das große Symbol für Trennung – und auch den größten Mauerfall. Dabei handelte es sich bei diesem Exemplar, ähnlich wie auch bei der Mauer Nordkoreas zu Südkorea, um den Versuch, Menschen nicht hinauszulassen. „Die meisten Mauern aber haben den Zweck, niemanden hineinzulassen.“

Berliner Mauer: Das Bauwerk, das viel mehr trennte als zwei Stadthälften. West gegen Ost, Kapitalismus gegen Kommunismus. Als Mahnmal stehen heute noch einige Stücke der Mauer, die im August 1961 gebaut wurde.
Berliner Mauer: Das Bauwerk, das viel mehr trennte als zwei Stadthälften. West gegen Ost, Kapitalismus gegen Kommunismus. Als Mahnmal stehen heute noch einige Stücke der Mauer, die im August 1961 gebaut wurde.
- dpa

Das Schicksal der Berliner Mauer ist bekannt, nach 28 Jahren entstehen Risse – erst in der politischen Situation der DDR, dann in der Mauer selbst. Ein häufiges Szenario. „Oft verschwinden Mauern, wenn sich die politische Situation ändert“, weiß Nunn.

Doch um Mauern und Grenzen bilden sich – anders als von ihren Erschaffern geplant – auch durchaus Mischkulturen. So etwa beim römischen Limes, der das Reich der Römer begrenzte. „Er war zwar einerseits ein Zeichen, bis hierher kommen die Römer, ab dort beginnen die Barbaren. Aber im Grenzgebiet dieser nicht durchgängigen Befestigung haben beide Seiten etwas von der Kultur oder den Erfindungen der anderen Seite übernommen.“ Von der Mauer ein- oder ausgesperrt, im Schicksal und im Handel aber sehr wohl vereint.

Die Nachteile von Mauern liegen auf der Hand: Teuer im Bau und in der Erhaltung, Konfliktverschiebung statt Lösung. „In vielen Fällen dürften Mauern wirtschaftlich nichts gebracht haben. Nur kurz etwas Ruhe.“ Zudem kann man sich hinter einer Mauer auch fälschlicherweise in Sicherheit wähnen. Ein Lied davon können die Franzosen singen. Sie sparten bei den Ausgaben für das Militär voller Stolz auf die aus Bunkern bestehende Grenze zu Belgien, die Maginot-Linie. „Die Deutschen haben sie in kürzester Zeit überfallen“, erinnert Nunn.

Bleibt abzuwarten, wie lange die heutigen Mauern halten. 1989 trällerte auf der bereits löchrigen Berliner Mauer David Hasselhoff „Looking for Freedom“. Bevor Trumps Mauer überhaupt fertig ist, gibt es ähnliche Pläne: Roger Waters, der mit dem Pink-Floyd-Album „The Wall“ erst eine Mauer erschuf, um sie dann textlich und musikalisch niederzureißen, hat angekündigt, dort ein Konzert spielen zu wollen. Vielleicht ja im Duett. (Philipp Schwartze)

Bis zu acht Meter hoch schlängelt sich die Mauer durch das Land und teilt Israel und das Westjordanland. Seit 2003 wird an der mehr als 700 Kilometer langen Anlage gebaut. Immer wieder versuchen Menschen über die Betonmauer zu kommen.
Bis zu acht Meter hoch schlängelt sich die Mauer durch das Land und teilt Israel und das Westjordanland. Seit 2003 wird an der mehr als 700 Kilometer langen Anlage gebaut. Immer wieder versuchen Menschen über die Betonmauer zu kommen.
- AFP
Zäune sprießen in Europa derzeit aus dem Boden wie Schwammerln. Nicht 
nur auf der Balkanroute 
versperren sie den Weg. 
Auch die spanische Enklave Ceuta auf marokkanischem Boden ist per Zaun abgeriegelt.
Zäune sprießen in Europa derzeit aus dem Boden wie Schwammerln. Nicht 
nur auf der Balkanroute 
versperren sie den Weg. 
Auch die spanische Enklave Ceuta auf marokkanischem Boden ist per Zaun abgeriegelt.
- AFP



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