Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 13.04.2017


Freizeit

Demo der Wissensschützer

Für Fakten statt Fake News, für Erkenntnis und Aufklärung und für die Wertschätzung der Forschung gehen am 22. April die Menschen in 400 Städten auf die Straße, auch in Wien.

Bereits im Feber sind in Boston US-Wissenschafter auf die Straße gegangen. Dem Marsch für die Wissenschaft am 22. April schließen sich auch Forscher in Wien an.

© AP/Stephen SenneBereits im Feber sind in Boston US-Wissenschafter auf die Straße gegangen. Dem Marsch für die Wissenschaft am 22. April schließen sich auch Forscher in Wien an.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Was wäre Tirol ohne die Plansee-Werke, Swarovski und Sandoz? Wirtschaftlich schwächer. Was wären Sandoz, Swarovski und Plansee ohne die Wissenschaft? Nur halb so stark. Die Bedeutung der global erfolgreichen Unternehmen als Arbeitgeber ist den Tirolern durchaus bewusst. Gleichzeitig geht die Wahrnehmung von wissenschaftlichen Erkenntnissen als Basis für deren Erfolg in der Bevölkerung weltweit eher unter.

Mehr noch: „Es ist salonfähig geworden, gegen Wissenschaft zu sein. Dogmatische Kräfte nehmen zu“, analysiert die Wiener Mikrobiologin Renée Schroeder den Zeitgeist. Deswegen geht sie am 22. April beim „March for Science“ – dem Marsch für die Wissenschaft – in Wien „für Wissenschaft und Aufklärung“ auf die Straße. Und: „Alle autokratischen Regierungen sind gegen Bildung. Doch Demokratie funktioniert nur, wenn die Menschen verstehen und nicht manipulierbar sind.“

Ein Blick auf das Weltgeschehen genügt, um Schroeders Einschätzung zu bestätigen. Der ungarische Regierungschef Viktor Orbán hat erwirkt, dass die Central European University in Budapest schließen muss. US-Präsident Donald Trump kürzt das Budget für wissenschaftliche Einrichtungen und macht mit der Verbreitung von Falschmeldungen und „alternativen Fakten“ Stimmung. Wissenschaftliche Grundlagen wie die Evolutionstheorie werden zunehmend für ideologische Meinungsmache in Zweifel gezogen oder abgestritten. Dennoch soll der Marsch, dessen Initialzündung aus Washington kommt, keine Demonstration gegen etwas oder jemanden sein, sondern für die Wissenschaft. „Die Motivation ist, die Wissenschaft, die extrem wichtig für Alltag, Zukunft, Wirtschaft und Gesellschaft ist, in die Öffentlichkeit zu rücken“, sagt der Leiter des Organisationsteams Oliver Lehmann. Einerseits würden Wissenschafter nämlich noch immer dazu tendieren, Erkenntnisse nur in Fachkreisen auszutauschen. Die Gesellschaft neige andererseits dazu, nur Superlative, wie die Nobelpreise, wahrzunehmen. Gerade die „kleine Region Tirol“ zeige aber mit „hervorragender Wissenschaft, dass Wissen der beste Rohstoff ist, den es in Österreich gibt, und ein Hebel an die Weltspitze“. Der Marsch, der an 400 Orten weltweit abgehalten wird, soll beitragen, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Bevölkerung zu schlagen. Wie viele Wissenschafter letztlich am 22. April durch die Wiener Innenstadt ziehen und den Austausch mit Interessierten suchen werden, lässt sich Lehmann zufolge nicht genau abschätzen. „Die ÖH hat alle 350.000 Studenten kontaktiert. Auf unserer Facebook-Seite haben wir über 3000 Interessierte.“

Nicht in Wien mitwirken kann Tilmann Märk, Rektor der Uni Innsbruck. Mit seiner Unterschrift auf www.sciencemarchvienna.at unterstützt er aber das Anliegen. „Wissenschaftsskepsis entsteht nicht selten durch mangelnde Information und durch gleiche Gewichtung von sich widersprechenden Fakten, wo dieses Gleichgewicht längst nicht zulässig ist. Beim Klimawandel etwa steht einzelnen skeptischen Stimmen eine überwältigende Mehrheit von Forschern gegenüber, die ihn als bewiesen ansehen. Es ist wichtig, auf diese Proportionen hinzuweisen und zu zeigen, dass auch hinter der Wissenschaft Menschen wie du und ich stehen“, so Märk.




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