Letztes Update am So, 23.04.2017 09:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Kitzlige Angelegenheiten

Warum sind wir kitzlig und warum kann man sich damit nicht selbst erheitern? Forscher beschäftigen sich seit Jahrhunderten mit dem zwiespältigen Reiz.

© Menschen sind dort besonders kitzlig, wo sich viele Rezeptoren befinden, die – zum Schutz vor Gefahren wie Insektenstiche – jede Berührung registrieren. Zu diesen empfindsamen Stellen gehören in erster Linie die Fußsohlen. Aber auch die Taille.



Von Theresa Mair

Bedrohlich und neckisch zugleich nähert sich der Angreifer. Sein „kille, kille, kille“ deckt auf, was er im Schilde führt und signalisiert Alarmstufe eins. Es ist höchste Zeit, die Abwehrhaltung einzunehmen. Doch es ist vergeblich: Mit eng an die Taille gepressten Armen, gekrümmtem Rücken und angezogenen Beinen lässt man die Kitzelattacke mit viel Gezeter und Gekicher über sich ergehen – meistens gar nicht so ungern.

Kitzeln kann Lust sein – und Folter. Schon große Denker wie Aris­toteles, Francis Bacon und Charles Darwin zerbrachen sich darüber den Kopf, was seinen Reiz ausmacht. „Die Urform des Lachens ist das Kitzeln“, sagte etwa der Bremer Lachforscher Rainer Stollmann bereits vor Jahren in einem Interview. „Wenn jemand unter dem Fuß gekitzelt wird, zieht er ihn weg. Das ist ein Schutzreflex. Wird dieser unterdrückt, dann staut sich die Energie im Körper auf und bricht über das Zwerchfell aus. Lachen hat etwas Eruptives, krampfhaftes Lachen ist wie ein epileptischer Anfall, der Spaß macht“, so Stollmann.

Entdeckungen neueren Datums geben ihm Recht. Schimpansen, Bonobos und Orang-Utans lachen und kreischen nämlich wie kleine Kinder, wenn sie gekitzelt werden. Forscher um Marina Davila Ross von der Uni Portsmouth schließen daraus, dass das Lachen von Mensch und Affe einen gemeinsamen Ursprung vor zehn bis 16 Millionen Jahren hat.

Forscher kitzeln aber nicht nur Affen, um der zwiespältigen Reaktion auf den Grund zu gehen. An der Humboldt Universität zu Berlin machten sich Ende 2016 die Neurobiologen Michael Brecht und Shimpei Ishiyama als Rattenkitzler mit ihrem Fachartikel in Science einen Namen. Beim Bauchkitzeln der Nager – es sind übrigens alle Säugetiere kitzlig – kamen die beiden drauf, dass die Stimmung positiv sein muss, damit die Ratten mit einem kurzen Quiecken auflachen und sogar Freudensprünge vollführen. Wurden sie beim Kitzeln aber mit Licht bestrahlt, erstarrten sie und stießen Angstlaute aus. Ihre kitzligsten Stellen waren Bauch und Rücken, während sie auf die Berührung am Schwanz nicht reagierten. Das Verhalten von Ratten gleicht also dem von Menschen, wenn sie gekitzelt werden. Wer schlecht aufgelegt ist, lässt sich nicht gerne durchkitzeln – und schon gar nicht von Fremden.

Das weckt die Erinnerung an den „Kitzelgangster“, der 2005 in Florida sein Unwesen trieb. Ein nackter Mann versetzte Frauen in Angst und Schrecken, indem er sie in ihren Betten überfiel und mit einer Feder am Fuß auskitzelte.

Wer an eine Feder denkt, die über die Fußsohlen streicht, der kann sich auch vorstellen, dass Kitzeln auch Folter ist. Im Mittelalter ließ man etwa Ziegen Salz von den Sohlen Gefangener lecken – und zwar so lange, bis die Füße wund waren, Bauch und Lungen schmerzten vom Lachkrampf.

Doch zurück zu den Ratten und den vergnüglichen Seiten des Kitzelns: Die Forscher schauten sich auch an, was im Gehirn passiert. Zum einen reagierten Nervenzellen in jenem Hirnareal besonders stark, das Berührungen verarbeitet. „Wir glauben, dass wir die Stelle im Gehirn gefunden haben, die kitzlig ist“, sagte Brecht.

Auffällig sei aber auch, dass die Zellen in spielerischen Momenten aktiv waren, wenn kein Körperkontakt bestand. Er schließt daraus, „dass Kitzeln ein Trick des Gehirns ist, um Tiere oder Menschen miteinander interagieren beziehungsweise spielen zu lassen“.

Ob man nach diesem Artikel nun Lust darauf hätte oder nicht, eines sei gesagt: Zum Kitzeln gehören zwei. Denn, wie die Neurologin Sarah Jayne Blakemore herausfand, verdirbt das Kleinhirn den Solo-Spaß. Blakemore geht von einem evolutionsbiologischen Hintergrund aus. Demnach sortiert das Hirn aus der Flut von Reizen nur die wichtigen aus. „Kitzeln durch Fremd­einwirkung“ hat Priorität.


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