Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.05.2017


Portrait

Der rollende Ranzen-Rebell

Ranzenstickerei klingt zunächst nach Tradition und weniger nach Rebellen. Der Tiroler Peter Nagele – eigentlich im Ruhestand – erfindet sich dabei stetig neu.

Ranzenmacher Peter Nagele ist stolzer Tiroler, sein Lieblingsmotiv ist daher der Tiroler Adler.

© Julia HammerleRanzenmacher Peter Nagele ist stolzer Tiroler, sein Lieblingsmotiv ist daher der Tiroler Adler.



Von Philipp Schwartze

Innsbruck – Rund 600 Kilometer fährt Peter Nagele für Schützen- und Musikvereine. Pro Richtung, wohlgemerkt. Behäbigkeit ist nicht seine Art, auch nicht mit 62 Jahren. Der gelernte Säcklermeister fertigt seit über 35 Jahren auf Bestellung Ranzen, Lederhosen und andere Lederwaren.

Für den Ruhestand zog er mit seiner Frau von Innsbruck ins burgenländische Eisenberg an der Pinka. An seinen Ranzen für Tiroler hat sich dadurch aber nichts geändert. „Ich kann nicht aufhören. Das war schon immer so: Wenn jemand anruft und einen Ranzen bestellt, setzt sich der Peter ins Auto“, lacht der Innsbrucker. Sein Telefon schaltet er daher nie aus, mindestens alle zwei Wochen lässt Nagele Frau und Werkstatt im Burgenland hinter sich und fährt eine Tour quer durch Nord-, Ost- und Südtirol – das Auto voller Ranzen und Lederhosen.

Ob Bruneck, Patsch oder irgendein anderer Ort in Tirol, Südtirol oder dem Trentino, den Peter kennt man vielerorts. Die Patscher Schützen waren auch der Grund, weswegen Peter Nagele zum „Ranzenrebell“ wurde, wie er sich selbst nennt. „Es war in den 80er-Jahren, die traditionellen Federkiele waren zu teuer, und von Plastik wollten sie nichts wissen. Also hab ich mich hingesetzt und gesagt, zum Teufel, da muss was gehen“, erinnert sich der freundliche Ranzenmacher.

Diese Variante erfand der Ranzenmacher für schmale Gürtel.
Diese Variante erfand der Ranzenmacher für schmale Gürtel.
- Julia Hammerle

Und es ging tatsächlich etwas: Seide und die erste maschinelle Ranzenstickerei waren des Rätsels Lösung. „Das hat damals sonst niemand gemacht.“ Der Hauptmann der Schützen war begeistert, der Konkurrenz der anderen Federkiel-Sticker missfielen aber Nageles „untraditionelle“ Ranzen. „Es wurde viel darüber geschrieben. Sogar japanische Zeitungen haben über mich berichtet“, sagt der aufgeweckte „Ruheständler“ mit Blick auf das vor ihm ausgebreitete Sortiment und nicht ohne Stolz. 15 Jahre sei er mit dieser Technik allein gewesen, dann zogen die anderen nach. „Erst haben sie sich darüber lustig gemacht. Und dann bin ich kopiert worden. Immer wieder“, meint Nagele. Ärgern tut ihn das höchstens ein bisschen. „Man wird ja nur kopiert, wenn etwas auch gut ist“, lautet sein Motto.

Bei vielen Schützen ist der Innsbrucker Ranzenmacher immer noch die erste Adresse – egal ob es um vier neue Lederhosen, einen ausgefransten Ranzen für die Reparatur oder innovative, neue Dinge geht. Wie etwa Nageles kleinere Ranzen, die besser auf herkömmliche Gürtel passen. An Ideen hat es dem Tiroler, der mit 15 in der Firma seines Vaters in die Lehre ging, aber noch nie gemangelt.

„Es ist das größte Lob, wenn jemand sich freut, dass ich ihm den Ranzen liefere. Ich kann zu meinen Kunden nach 35 Jahren einfach nicht ,Na‘ sagen.“ Ebendiese – hauptsächlich Schützen, Musiker und Jäger – waren es schließlich auch, die Nagele 2015 eine große Ehre verschafften. „Da hab’ ich die Verdienstmedaille des Landes Tirol bekommen. Das haben die eingefädelt“, berichtet er gerührt voller Stolz und Dankbarkeit. Wohl auch ein Grund, warum der Ruhestand des Tirolers so gar nicht ruhig ist.

Ans Aufhören denkt Nagele – der im Burgenland mit burgenländischem Kennzeichen, aber dem Schriftzug „Tirol isch lei oans“ durch die Gegend fährt und dort nur mit „der Tiroler“ angeredet wird – noch lange nicht. „Solang’ ich gesund bin, mach ich Ranzen. Jeden Tag fallen mir Ideen zu neuen Sachen ein.“

Im Burgenland selbst konnte er die Ranzen bislang noch nicht so verbreiten. „Es gibt dort schon vereinzelt Ranzen. Aber auch die Lederhosen bei Zeltfesten sind andere als unsere.“ Vielleicht aber kommt „dem Tiroler“ ja eines Tages noch der zündende Einfall, um die Ostösterreicher auf den Geschmack zu bringen. Nach Tirol wird er mit seinen Ranzen aber auf jeden Fall noch oft fahren.

Manchmal liefert Nagele die Ranzen per Traktor.
Manchmal liefert Nagele die Ranzen per Traktor.
- peter nagiller