Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.06.2017


Absam

Verbote und Flinten – das harte Los der ersten Radler

Rund ums Jubiläum „200 Jahre Fahrrad“ gewährt das Gemeindemuseum Absam faszinierende Einblicke in die Frühphase des Radfahrens in Tirol.

Im Gemeindemuseum erzählen alte Zeitungsartikel von den Mühen des frühen Radelns.

© Gemeindemuseum AbsamIm Gemeindemuseum erzählen alte Zeitungsartikel von den Mühen des frühen Radelns.



Von Michael Domanig

Absam, Innsbruck – In wenigen Tagen feiert das Fahrrad seinen 200. Geburtstag: Am 12. Juni 1817 unternahm der badische Forstbeamte Karl von Drais die erste Ausfahrt mit seinem zweirädrigen Laufrad. Über neunzig Jahre später, am 10. Juni 1908, wurde der Radfahrer Club Absam gegründet. Dieses doppelt­e Jubiläum nimmt das Gemeindemuseum Absam zum Anlass für eine Tour durch die Frühgeschichte des Radfahrens in Tirol (s. Infobox).

Als Grundlage für die „Rad-archäologie“ dienen Zeitungsartikel und Inserate aus den Jahren 1869 bis 1900, vor allem aus den Innsbrucker Nachrichten. Denn das Fahrrad als neues Fortbewegungsmittel „spielte in Tirol schon sehr früh eine prominente mediale Rolle“, berichtet Museumsleiter Matthias Breit. Dabei fuhren Tirols erste Radler mitten hinein in eine streng hierarische Gesellschaft, in der sie mit vielen Hindernissen konfrontiert wurden. So kann man bereits ab 1869 von Fahrverboten für „Velocipedisten“ in Tiroler Städten lesen. Das Innsbrucker Stadtmagistrat erlaubte das Fahren zunächst nur Radfahrern, die mit einer Nummer ausgestattet waren – wobei die Vergabe durch die Fahrradclubs erfolgte. In der Stadt entstanden auch eigene, strikt abgegrenzte Rad-Areale. Zugleich bemühten sich die Vereine um Radfahrunterricht – etwa der „Bicycle-Club Innsbruck“, der 1884 zu Übungsstunden „im großen Redoutensaale“ einlud.

In Absam erwacht die Frühgeschichte des Fahrrads zum Leben: Der Radfahrverein Halltal ÖAMTC – im Bild der frühere Obmann Fredl Wirtenberger – lädt zur Jubiläumsfahrt.
In Absam erwacht die Frühgeschichte des Fahrrads zum Leben: Der Radfahrverein Halltal ÖAMTC – im Bild der frühere Obmann Fredl Wirtenberger – lädt zur Jubiläumsfahrt.
- Gemeindemuseum Absam

Die moderne Beweglichkeit der „wilden Radfahrer“ – die außerhalb geordneter Vereinsbahnen radelten – provozierte mitunter auch die Landbevölkerung, die mit Steinen, Hunden und Waffen gegen sie vorging. Im Juni 1889 war z. B. von einem Bauern zu lesen, der bei Weer vor einem Radfahrer die Flinte abfeuerte, „sodass der Pfropfen demselben ins Ohr fuhr und das Trommelfell verletzte“. Wobei nachträglich mitgeteilt wurde, dass diese „Thorheit“ nur „von einem unkultivirten Kolsasser Knecht“ begangen wurde.

Generell fänden sich „alle sozialen und politischen Konflikte der Zeit auch in der frühen Fahrradszene wieder“, meint Breit. 1896 wurde in Innsbruck etwa der „deutschvolkliche Radfahrerverein Urda“ gegründet, der nur „unbescholtene Deutsche arischer Abkunft“ aufnahm. Ein Antrag des Bicycle-Clubs, den deutschnationalen Verein aus dem Tiroler Radfahrer-Verband auszuschließen, scheiterte 1899 ebenso wie der Vorschlag der „Urda“, diesen in „Deutscher Tiroler Radfahrer-Verband“ umzubenennen.

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Doch auch das spielerische Element des frühen Radelns wird in den alten Artikeln deutlich: So veranstaltete der Radfahrerclub Union im September 1890 ein „Langsamfahren“, bei dem es galt, 200 Meter im Schneckentempo zurückzulegen. Sieger des kuriosen Bewerbes war „Herr Zahnarzt Hruschka“, der für die Kurzstrecke 3 Minuten, 15 Sekunden benötigte.

Apropos Ausfahrt: Am Sonntag bittet der Radfahrverein Halltal ÖAMTC rund um Obfrau Martina Wirtenberger – Nachfolgeverein des Radfahrer Clubs Absam – zur Jubiläumsfahrt von Innsbruck nach Absam. Mit dabei: Vereinsmitglieder auf drei echten vernickelte­n Hochrädern.