Letztes Update am Di, 06.06.2017 08:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Zirkus

Totgesagte leben länger

„Hereinspaziert, hereinspaziert!“ Vor wenigen Tagen zeigte der größte US-Zirkus zum letzten Mal seine Vorstellung. Ein Einzelfall? Oder sind die goldenen Zeiten des Zirkus endgültig vorbei?

Bleibt die Manege künftig leer? Tierschützer, EU-Richtlinien und Geldsorgen bedrohen die Zukunft von Zirkussen auf der ganzen Welt.

© Circus Roncalli GmbHBleibt die Manege künftig leer? Tierschützer, EU-Richtlinien und Geldsorgen bedrohen die Zukunft von Zirkussen auf der ganzen Welt.



Exotische Tiere, Akrobaten, die scheinbar die Schwerkraft austricksen und Clowns, die nicht nur Kinder verzaubern – Zirkusse haben jahrelang die Phantasie angeregt. Doch sind sie heute vom Aussterben bedroht? Schließlich zeigte der größte amerikanische Zirkus „Ringling Bros.“ vor wenigen Tagen seine letzte Vorstellung. Nach 146 Jahren. Auch die früheren europäischen Traditionsunternehmen wie Sarrasani, Althoff, Busch, Renz und Barum sucht man vergebens.

„Der Zirkus stirbt natürlich nicht aus, aber die goldenen Zeiten sind wohl vorbei“, bestätigt Markus Strobl, Pressesprecher des Zirkus Roncalli. Die Gründe sind vielfältig: „Roncalli-Gründer Bernhard Paul sagt, in einem erfolgreichen Zirkus muss man das Geld mit beiden Händen aus dem Fenster werfen, damit es bei der Tür wieder hereinkommt.“ Schön und gut, aber was, wenn man das Geld nicht hat? Nicht jedes Unternehmen ist finanziell so gut aufgestellt wie Roncalli. Kein Wunder, wenn man die Ausgaben betrachtet: Während der Tournee kostet der Betrieb von Roncalli 30.000 Euro – pro Tag.

Die kleinen Details summieren sich: Nach jedem Umzug des Zirkuszelts in eine andere Stadt gilt es, rund 1000 kaputte Glühbirnen zu wechseln. Preis: 4000 Euro. Fünf Kilometer Stromkabel müssen verlegt werden, die sechs kürzlich gekauften Zirkuszelte kosteten mehrere Millionen und ein guter Clown verdient 1000 Euro täglich, ein Artist 300 Euro.

Das letzte Selfie in der Manege: Der US-Zirkus Ringling Bros trat kürzlich zum letzten Mal auf.
Das letzte Selfie in der Manege: Der US-Zirkus Ringling Bros trat kürzlich zum letzten Mal auf.
- AFP

Dazu kommt laut Strobl die Bürokratie: „Früher reichte uns ein Bürowagen im Konvoi. Heute sind es fünf und eine große Zentrale in Köln.“ Schuld sind unter anderem ständig neue EU-Richtlinien. Davon kann auch Alexander Schneller, Direktor des Circus Pikard, dem einzig verbliebenen Zirkus in Österreich, ein Lied singen: „Vor Jahren hatten wir eine Lama-Nummer. Die Tiere mussten in ihrer Freizeit ein 800 Quadratmeter großes Areal zur Verfügung haben. Kein Problem. Aber dann kam eine Richtlinie dazu, dass wir ihnen in jeder Stadt, in der wir auftreten, zusätzlich einen Erdhügel aufschütten müssen. Lamas bräuchten einen Aussichtspunkt. Irrsinn!“

2005 hätte der Niederösterreicher die Lamas ohnehin ausmustern müssen. Damals trat in Österreich nämlich das Wildtierverbot für Zirkusse in Kraft. Laut Peter Höffken, Fachreferent bei der Tierschutzorganisation Peta, gilt dieses Gesetz auch in Belgien und den Niederlanden: „In Schottland und Estland wird es demnächst im Parlament behandelt, in Griechenland sind bereits alle Zirkustiere verboten.“

Höffkens Hauptargument dafür sind die Haltungsbedingungen: „Das ganze Jahr über touren die Zirkusse von Stadt zu Stadt. Tiger, Löwen, Nilpferde und Elefanten sind während der Fahrt in enge Käfige in Lkws eingepfercht. Vor Ort werden ihnen Ställe auf Asphaltplätzen aufgebaut. Zwei Tigern etwa steht laut Gesetz ein zwölf Quadratmeter großer Käfig zu und vier Stunden Auslauf täglich in einem 50-Quadratmeter-Außenkäfig. Von Wiese keine Spur.“ Verhaltensstörungen seien da keine Seltenheit: „Pferde wackeln stundenlang mit dem Kopf, Tiger schleichen am Käfigrand entlang.“

Der Zirkus Roncalli punktet mit atemberaubender Artistik.
Der Zirkus Roncalli punktet mit atemberaubender Artistik.
- Circus Roncalli GmbH

Grund genug für mehr als zwei Drittel der Deutschen, in Umfragen einen Zirkus ohne Wildtiere zu bevorzugen. „Darum floriert etwa der deutsche Zirkus Flic Flac, der auf Tiere verzichtet. Er ist der einzige, dessen Shows gleichzeitig in sechs Städten gezeigt werden und ausgebucht sind. Zirkus Krone hingegen, wo es noch altbackene Nummern mit durch Reifen springenden Tigern und Elefanten beim Kopfstand gibt, kann gerade mal eine Show füllen“, sagt Höffken. Roncalli, wo Wildtiere seit Jahren nicht mehr zur Crew zählen, wird ab 2018 sogar auf seine letzte Pferdenummer verzichten.

Je weniger Tiere, desto besser die Überlebenschancen? Schneller vom Circus Pikard, der 15 Mitarbeiter zählt, widerspricht: „Das klassische Zirkusprogramm besteht aus Tieren, Clowns und Artisten. Darum werden wir weiter Nummern mit Ziegen, Tauben, Hunden und Ponys zeigen.“ Um erfolgreich zu sein, müsse man sich vielmehr an moderne Gegebenheiten anpassen: „Die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen schrumpft. Schließlich ist man heutzutage gewohnt, im Internet und am Smartphone sofort weiterzublättern, wenn ein Inhalt nicht interessant wirkt. Schon kleine Kinder googeln oder fragen das Navi statt ihre Eltern oder den Lehrer. Man spricht nicht mehr miteinander.“

Umso wichtiger sei der Zirkus, der alte Werte wie Familie und Zusammenhalt verkörpert: „Die Unterhaltung ist dieselbe wie früher, aber in einem neuen Gewand.“ Vor Jahren wurden die einzelnen Artisten durch lange Intros angekündigt, heute geht alles sehr schnell. Die Musik ist aus den Charts, die Lichtregie quirlig, die Kostüme modern.

Ein Leben im Käfig: Zirkustiere verbringen den Großteil ihres Lebens in engen Käfigen.
Ein Leben im Käfig: Zirkustiere verbringen den Großteil ihres Lebens in engen Käfigen.
- PETA Deutschland e.V.

Diese Bemühungen seien auch notwendig, um alte Vorurteile gegenüber Zirkussen abzubauen. Gerade um 1998, als die Binnengrenzen geöffnet wurden, kam so mancher Ostblock-Zirkus nach Österreich. Einige von ihnen tauchten die Branche in ein schlechtes Licht. „Sie hinterließen Müll auf den Zeltplätzen, zeigten schreckliche Programme, beschimpften die Zirkusbesucher an der Kasse und priesen Löwennummern auf den Plakaten an, ohne dann Löwen zu zeigen“, erklärt Peter Lunacek. Um dem vorzubeugen, rief der Linzer www.circussterne.net ins Leben, wo Zirkusse bewertet werden. Eine praktische Möglichkeit, zu entscheiden, welchen Zirkus man besucht – schließlich touren derzeit etwa 20 durch Österreich und 500 durch Deutschland.

Vom großen Zirkussterben kann laut Lunacek folglich nicht die Rede sein: „Das Überleben ist zwar erschwert, weil Zirkusse wegen der ,schwarzen Schafe‘ der Branche heute Probleme haben, Spielgenehmigungen zu bekommen oder Plakate aufstellen zu dürfen. Doch Zirkus ist Kulturgut. Auch wenn er nicht mehr so gefragt ist wie in seiner Gründungszeit, als er als Unterhalter eine Alleinstellung genoss.“

Ins Leben gerufen wurde der Zirkus übrigens 1742, als der Brite Philip Astley mit seinem Pferd Kunststücke einstudierte. Der Soldat merkte, dass er solider auf dem Tier stand, wenn es im Kreis trabte. Er kam zum Schluss, dass der Durchmesser von 13 Metern optimal sei – diese Größe hält sich bis heute als Standardgröße von Zirkusmanegen. 1770 gründete Astley ein Amphitheater in London, wo Kunststücke vor zahlendem Publikum aufgeführt wurden. Zwei Jahre später folgte seine erste Tournee. Spätestens, als der Amerikaner Aaron Turner 1826 das Zirkuszelt erfand, florierte der Wanderzirkus.

Warum nun, 200 Jahre später, „Ringling Bros.“ seine Pforten schließt, darüber kann man nur spekulieren. Eine Theorie lautet, er sei pleite – trotz 250 Millionen Besuchern während der letzten 50 Jahre. Oder liegt es an der Prioritätensetzung des Besitzers „Feld Entertainment“ – einer Produktionsfirma, zu der neben Ringling auch Produktionen wie „Disney on Ice“ zählen? Laut Zirkus-Insidern plant das Unternehmen eine Star-Wars-Show mit George Lucas, die uneingeschränkte Aufmerksamkeit brauche.

Wie auch immer. In Österreich blickt der Zirkus laut Strobl von Roncalli keiner düsteren Zukunft entgegen: „Das gilt, solange es Artisten gibt, die Zirkus nicht machen, um davon zu leben, sondern leben, um Zirkus zu machen.“ (Judith Sam)


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