Letztes Update am So, 11.06.2017 04:51

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Ohne Motor im Rennmodus: Drei Generationen fahren Seifenkiste

Diese Tiroler Rennfahrer sind mutig: Harald und Maximilian Penz aus Patsch rasen ohne Motor europaweit Strecken hinunter und kommen auf vielen Podestplätzen zu stehen. Vater und Sohn sind begeisterte Seifenkisten-Piloten. Opa Günther Penz hat das Geschwindigkeits-Gen vererbt.

Der Rennsport wurde ihnen in die Wiege gelegt: Maximilian und Harald mit Opa Günther Penz (v. l.).

© Julia HammerleDer Rennsport wurde ihnen in die Wiege gelegt: Maximilian und Harald mit Opa Günther Penz (v. l.).



Text: Deborah Darnhofer

Familie Penz hat im Laufe der Jahre viele Pokale eingeheimst.
Familie Penz hat im Laufe der Jahre viele Pokale eingeheimst.
- Julia Hammerle

Es ist ruhig in der Einfahrt in Patsch. Kein Motor dröhnt, kein Dieselgestank strömt einem in die Nase. Und doch wird hier seit drei Generationen Rennsport gelebt und von Vater zu Sohn weitergegeben.

Vater Harald wurde 1989 als 14-Jähriger Staatsmeister (Bild aus dem Familienarchiv).
Vater Harald wurde 1989 als 14-Jähriger Staatsmeister (Bild aus dem Familienarchiv).
- Julia Hammerle

Harald und Maximilian Penz starten seit vier Jahren im Vater-Sohn-Gespann in die Rennsaison und das ganz ohne Motor. Ihre Leidenschaft entlockt vielen ein Lächeln, das sich spätestens beim ersten Plausch mit ihnen in Staunen verwandelt: Denn die beiden sind Österreichs einzige und erste international registrierte Seifenkisten-Rennfahrer, wie sie erklären. Unsereins stellt sich darunter bunt bemalte und dekorierte Kisten vor, die einen kleinen Hang hinuntersausen. Um die Geschwindigkeit geht es dabei nicht, sondern vor allem um den Spaß. Den hat Familie Penz auch und die Geschwindigkeit noch dazu, die wird auch beim Erzählen nicht gedrosselt. Fast ohne Punkt und Komma berichten die Seifenkisten-Piloten.

Der zehnjährige Maximilian erreichte mit seiner schnellsten Seifenkiste schon mal 83 Kilometer pro Stunde. Vater Harald (41) ist in der Erwachsenenklasse auch im „Seifenkisterl“ unterwegs und rast mit bis zu 100 km/h die Strecken hinunter. „Ich finde es lustig“, meint Maximilian zu seinem persönlichen Geschwindigkeitsrekord. „Im Nachhinein freue ich mich immer, dass ich so mutig war und runtergefahren bin.“ Im Vorhinein hat man schon Herzklopfen, wendet Papa Harald ein. „Das ist ja auch das Schöne daran.“ Die beiden lieben ihr gemeinsames Hobby. Das Geschwindigkeits-Gen kommt von Opa Günther. Der 82-Jährige war 12 Jahre lang und mit ebenso vielen Meistertiteln im Auto-Cross erfolgreich. Das ist eine wilde Verfolgungsjagd über Schotterpisten.

Sohn Harald hat das als Kind hautnah miterlebt, die Pokale und Fotos gesehen und stand damit schon in Startposition für seine eigene rasante Karriere. Mit 13 Jahren eigentlich BMX-Rennfahrer, machte ein Bekannter Harald auf Seifenkisten-Rennen aufmerksam. „Beim Probieren habe ich einen Adrenalin-Kick bekommen und mir gedacht, das macht Spaß. Durchs Radfahren, Skifahren und Rodeln war ich immer schon ein Mensch, der Geschwindigkeit gern hat“, schmunzelt Penz.

Maximilian in seinem "gelben Blitz", der Seifenkiste nach deutschem Reglement.
Maximilian in seinem "gelben Blitz", der Seifenkiste nach deutschem Reglement.
- Julia Hammerle

Als 14-jähriger Jungspund hat er die Tiroler Meisterschaft, die es damals noch gab, gewonnen. Dann folgte 1989 die österreichische Staatsmeisterschaft. Ein denkwürdiges Ereignis für ihn. „Das war damals total unerwartet. Denn ein Wiener Mitbewerber war der Favorit. Am Ende wurde er Dritter und ich Erster“, erzählt Penz und strahlt noch heute immer über den Sieg, der ihm auch einen Urlaub im Disneyland in Florida einbrachte.

Papa und Senna sind die Helden

Als Penz der Seifenkiste entwachsen und erwachsen war, startete er im Auto-Slalom und heimste erneut Preise und Pokale ein. Die Liebe zur Geschwindigkeit hat er schließlich an seinen heute zehnjährigen Sohn Maximilian weitergegeben. Er denkt schon daran, dass auch seine Kinder einmal in Seifenkisterln steigen werden.

„Papa ist mein größtes Vorbild und Ayrton Senna. Papa hat mich mit vier Jahren in die Seifenkiste sitzen lassen. Dann habe ich gesagt, ich mag das machen, wenn ich groß bin“, sagt Maximilian. Mit sechs Jahren durfte er seinen ersten Bewerb fahren.

Minimaler Raum für Maximilian.
Minimaler Raum für Maximilian.
- Julia Hammerle

Papa Harald achtet dabei sehr auf Sicherheit: Helm, Überrollbügel und Rammschutz sind Pflicht. Beim ersten Antreteten war sein Sohn jüngster Teilnehmer und wurde prompt Dritter. „Das war wirklich eine Überraschung, vor allem gegen die ganzen Erwachsenen.“ Nun bestreitet Maximilian seine vierte Saison. „Ich wurde schon 15-mal Erster, fünfmal Zweiter und einmal Dritter.“ Letztes Jahr konnte er das Porsche-Team aus Deutschland schlagen, ein besonderer Erfolg. Auch dass seine Klassenkameraden Bescheid wissen über die Seifenkisten, die so gar nicht danach aussehen, freut ihn. „Ich habe in der Schule Referate gehalten. Der Name ist entstanden, weil früher Kinder in den USA Kisten mit alten Rädern von Kinderwägen und einem Seilzug als Lenkrad ausstatteten und den Berg hinuntersausten.“ Just eine rasende alte Kiste für Seifen hielt ein Fotograf fest und verbreitete es. Der Begriff war geboren.

Die Blütezeit ist vorbei

Nach Jahren der Abstinenz und der Rolle des Teammanagers ist Harald Penz im letzten Jahr auch wieder als Rennfahrer eingestiegen. Die rund 2500 Euro teuren grellgelben Seifenkisten, die von Spezialisten gefertigt wurden, bringen Vater und Sohn im Sommer von Deutschland über Italien bis in die Schweiz und nach Tschechien. Dort gibt es eine lange Tradition. In Österreich ist der Sport nach der Blütezeit in den 1980er und 1990er Jahren derzeit eher unterrepräsentiert – zumindest als Rennversion. Im Osten gibt es noch eine Meisterschaft. Jux-Rennen finden hingegen einige statt. In Tirol zum Beispiel der 5. Stuibenfall Grand Prix nächs­ten Samstag, 17. Juni, in Umhausen und der 7. Zugspitz Grand Prix am 23. September in Lermoos.

Das Lenkrad funktioniert mit Seilzug.
Das Lenkrad funktioniert mit Seilzug.
- Julia Hammerle

Vater und Sohn schalten jedoch einen imaginären Gang höher, achten auf Aerodynamik anstatt lus­tiger Motive und bestreiten so genannte Speed-Down-Rennen, die in Österreich nicht veranstaltet werden. Heuer fahren sie bei insgesamt 15 Bewerben mit. Hier zählt vor allem eines: Geschwindigkeit, und die erreicht man durch die richtige Linie, weiß Harald Penz.

„Streckenkenntnis und Konzentration sind das Um und Auf. Wenn ich in einer Kurve falsch bremse, bin ich weg von der Linie und die Geschwindigkeit ist auch weg.“ Bei einem 80 Kilogramm schweren Gefährt ohne Motor ist das fatal. Um das zu verhindern, sind Vater und Sohn stets auf der Jagd nach der perfekten Linie. Sie studieren die Strecken mit Hilfe von YouTube-Videos oder eigenen Aufnahmen. Fernsehen ist keine Option. „Wir haben keinen Fernseher zuhause und verbringen lieber Zeit draußen.“

Opa Günther wohnt einen Stock höher und hat auch gute Ratschläge parat. „Maxi traut sich alles. Wenn ich ihm sage, wie er Kurven fahren muss, damit er wenig Lenk-Ausschlag und viel Geschwindigkeit hat, macht er das genau so“, sagt er sichtlich stolz. Seit Jahren hat Familie Penz schon Diesel im Blut, doch derzeit „macht es ohne Motor auch Spaß“, meint Vater Harald. Dieser steht im Vordergrund – und die Momente, die Vater und Sohn zusammen erleben, wenn sie nicht gerade im Affentempo davonrasen. Im Ziel bleibt immer noch Zeit für Erinnerungsfotos, die Ehefrau und Mutter Michaela schießt. Sie ist froh, wenn nichts passiert, und begleitet die beiden Rennpiloten oft. So auch am heutigen Vatertag, wenn Harald und Maximilian mit ihren gelben Flitzern in St. Gallen starten.