Letztes Update am So, 11.06.2017 04:50

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Freizeit

Hype um den Fidget-Spinner: Nur eine kurze Spinnerei?

Es ist Zeit, dass sich wieder alles um einen Hype dreht. In diesem Jahr geht es um den „Fidget Spinner“, der Stress abbauen und bei ADHS helfen soll. In einer Situation ist das Spielzeug wirklich nützlich.

Und plötzlich war er da: Der Fidget-Spinner.

© KEYSTONEUnd plötzlich war er da: Der Fidget-Spinner.



Text: Matthias Christler

Stress mit drei Ausrufezeichen, anders lässt sich die Stimmung auf einem Markt am Gardasee, Samstagvormittag am Pfingstwochenende, nicht beschreiben. Gefühlt jeder zweite Tiroler und jeder vierte Deutsche, dazwischen ein paar Italiener, wühlen an Tischen nach Bikini-Schnäppchen, topmodischen Birkenstock-Fakes oder halten die bunten Obstschalen in der Hand, die sie schon im vergangenen Jahr wieder weggelegt haben. Der dreistündige Muss-Besuch am Markt wird sein wie immer. Oder doch nicht, denn am Lieblingsstand der männlichen Shopping-Begleiter, dem mit elektronischen Schnickschnack und Billig-Uhren, liegt er, der „Fidget Spinner“ („fidget“ bedeutet herumzappeln, „spinner“ steht für Kreisel). Dieser kleine Propeller mit den Seitenarmen soll ja, heißt es, in Stress-Situationen wahre Wunder wirken. 5 Euro muss einem das wert sein.

Wirklich ein Therapie-Werkzeug für ADHS?

Es hat sich inzwischen auch in Tirol herumgesprochen, dass es einen Hype gibt, der Pokémon Go sehr alt aussehen lässt. Die Klassenzimmer drehen schon länger durch. Ein Innsbrucker Lehrer berichtet, dass die Fidget Spinner nicht nur in den Pausen herumgewirbelt werden, sondern genauso während der Stunde. Das würde er untersagen, in den Pausen sei es geduldet. Eine für alle Schulen geltende Regelung gibt es nicht.

Das Spielzeug, das aussieht wie ein Ninja-Stern, den man dank des Kugellagers in der Mitte, zwischen den Fingern oder auf einer Fingerkuppe rotieren lassen kann, hat angeblich eine therapeutische Wirkung. Wenn man sich darauf fokussiert, dass der Kreisel in Bewegung bleibt, kann das wirklich entspannen. Das Gerücht, dass es außerdem bei Aufmerksamkeitsdefizit- oder Hyperaktivitätsstörung (ADHS) eingesetzt wird, hält sich zumindest hartnäckig und entzieht damit Eltern den Vorwurf, was das denn wieder für ein „Schmarrn“ sei. Ist es nun Spielzeug, Stress-Abbauer, ein kurzer Hype oder tatsächlich ein Therapie-Werkzeug für ADHS?

Letzteres schließt Margot Lepuschitz, die Innsbruckerin ist Lebens- und Sozialberaterin für Menschen mit ADHS, aus: „Was es nicht schon alles gab, bei dem gesagt wurde, dass es bei ADHS hilft – demnach dürfte niemand mehr Probleme damit haben“, sagt sie, doch die einfache Lösung gebe es nicht. „Kindern mit ADHS wird in kürzester Zeit langweilig. Natürlich kann so ein Spielzeug die Kinder faszinieren und sie verwenden es eine Zeit lang, aber direkt bei ADHS hilft es eher nicht.“ Vielmehr müsse man die Kinder selbst kreativ werden und etwas entwickeln lassen, zum Beispiel, indem sie etwas basteln oder auf einen Block kritzeln. Sie überlege mit jedem Kind individuell, was konkret in bestimmten Situationen wie einem Gespräch mit dem Lehrer hilft, damit die Konzentration bestehen bleibe. Einen gewissen Nutzen will Lepuschitz dem Fidget Spinner aber nicht absprechen: „Ich denke schon, dass es einigen Leuten hilft, Stress abzubauen.“

Ein klassischer Hype

Und ja, am übervollen Gardasee-Markt hat der kleine Propeller geholfen. Die drei Stunden vergingen wie im Flug. Anstatt von einem zum anderen Stand zu hetzen, irgendwelche Fetzen zu beäugen und die Mit-Shopper zum Weitergehen zu hetzen, wurde der Fidget Spinner immer wieder aus der Tasche geholt und für ein, zwei Minuten im Kreis gedreht. Und im Büro ist überraschenderweise in der vergangenen Woche kein Kugelschreiber, die sonst reihenweise im Augenblick des Stresses malträtiert wurden, zu Bruch gegangen.

Hat die Spielerei also doch das Zeug, von einem gehypten Gadget zu einem Alltags-Helfer zu werden? Kaum, weil das billige Kugellager in der Mitte inzwischen nicht mehr richtig durchdreht und die Kollegin genervt ist von dem ständigen Zischen beim Drehen – und vom Knall, wenn der Plastikkreisel auf den Tisch knallt.

Viele, die genervt sind, dürfen beruhigt sein: Das Schöne an einem Hype ist, dass er bald wieder verschwunden ist. Und Fidget Spinner hat alles, was einen Hype ausmacht. Plötzlich war er da, alle anderen scheinen vorher davon gewusst zu haben, ein paar Promis spielen damit, absurde Fotos werden verbreitet (wie ein Orang-Utan, der im Tiergarten Schönbrunn damit spielt) und überdimensionale Versionen werden konstruiert. Ein YouTube-Star hat einen 15 Kilogramm schweren Fidget Spinner gebaut. Eigentlich schwach, das schwerste Jo-Jo der Welt wiegt stolze 123 Kilogramm.

Die Hypes der Kids

Fidget Spinner

1.

Kinder lieben es, den Kreisel auf der Fingerkuppe tanzen zu lassen und neue Tricks einzustudieren. Auf YouTube gibt es unzählige Videos zum Hype 2017.

Pokémon Go

2.

Im Juli 2016 machten Smartphone-Besitzer Jagd auf die virtuellen Pokémons. Schon im Herbst fielen die Nutzerzahlen von ursprünglich 30 auf 5 Millionen.

Fingerboard

3.

Die kleinen Skateboards, mit denen man am Tisch Tricks macht, gibt es seit den 70ern. Ende der 90er-Jahre entwickelt sich eine Szene im deutschsprachigen Raum.

Tamagotchi

4.

Das Fingerboard konkurrierte 1997 mit dem Tamagotchi. Dabei musste sich der Besitzer um ein virtuelles Küken kümmern, es füttern und schlafen schicken. Zuletzt wurden immer wieder neue Versionen vorgestellt.

Zauberwürfel

5.

Der ungarische Designer Ernő Rubik erfand 1974 den Zauberwürfel, an dem schon so mancher kluge Kopf verzweifelt ist. Profis – wie hier bei der WM 2015 – bringen die Farben sogar mit den Füßen in die richtige Stellung.

Jojo

6.

Das älteste der hier vorgestellten „Finger-Spielzeuge“ ist das Jo-Jo. Angeblich wurden die zwei Scheiben mit der Schnur im 16. Jahrhundert auf den Philippinen zu Boden gewirbelt. Hier eine Aufnahme aus dem Berlin der 20er-Jahre.