Letztes Update am Mi, 05.07.2017 12:26

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Schwaz

Im Kindergarten ohne Dach und Türen

Egal, ob Sonne oder Schnee, Regen oder Frost, im Waldkindergarten trotzen die Kleinsten das ganze Jahr über Wind und Wetter. Ein Besuch bei den Wurzel-Weg-Kindern in Schwaz, wo die Zwerge mit den Bäumen wachsen.

Helferin Lisa Zitterbart beim Garteln mit einigen Kindern.

© Rudy De Moor / TTHelferin Lisa Zitterbart beim Garteln mit einigen Kindern.



Es war einmal vor ziemlich langer Zeit. Da war es das Größte überhaupt, im Wald Räuber und Gendarm zu spielen, aus Rinden kleine Häuschen zu bauen und mit Tschurtschen und Moos zu spielen. Man kam Regenwürmern näher, als man es heute je riskieren würde, busselte Frösche und testete die Wasserqualität in der Drecklacke. Schön war es, Kind zu sein ...

Es ist Montagvormittag, ein herrlicher Tag, die Sonne gibt ihr Bestes und die Klimaanlage im Auto läuft auf Hochtouren. Wir parken beim Pflanzgarten in Schwaz, tauschen Büroschuhe gegen Turnpatschen und wandern über den Wurzelweg hinauf in den Silberwald in Richtung Waldkindergarten.

Psst! Leise! Dort hinter den Wurzeln gleich links, da sind Stimmen zu hören. Zwischen Zweigen und Bäumen, da ist er: Tirols erster Kindergarten unter freiem Himmel, ohne Dach und ohne Türen. Die Kinder verputzen am großen Basisplatz gerade ihre Jause, die Sonne blinzelt durch die Baumwipfel. „Wurzel-Weg“-Kindergartenleiterin Renate Streiter begrüßt uns herzlich, wir sind gleich per Du.

Auch im Winter wird draußen gegrillt.
Auch im Winter wird draußen gegrillt.
- Waldkindergarten

Die drei- bis sechsjährigen Stöpsel strömen nach der Brotzeit aus, um zu spielen, Schlammsuppe in Töpfen zu kochen, Erdbeeren zu ernten, auf Holzpflöcken zu balancieren oder im Dickicht des Waldes irgendwelche Geheimnisse auszuhecken. Jeder sucht sich seinen Platz. Jeder kann so ruhig oder laut sein, wie er will. Der Wald beruhigt die Schüchternen und verschluckt den Lärm der etwas Lauteren.

Renate führt uns herum. Idylle pur. Eine herrliche Vorstellung, den ganzen Tag im Wald zu verbringen. Zugegeben, wir haben Glück ge­habt, denn heute scheint die Sonne. Wir hätten auch einen Regentag erwischen können. So einen richtig heftigen, wo es aus Kübeln gießt und einem die Haare nass ins Gesicht klatschen.

Die Erzieherinnen Renate Streiter, Regina Hamberger und Ruth Tschenett (v. l.) mit den Kindern vor dem Aufenthaltswagen.
Die Erzieherinnen Renate Streiter, Regina Hamberger und Ruth Tschenett (v. l.) mit den Kindern vor dem Aufenthaltswagen.
- Rudy De Moor / TT

Den Kleinen wäre das wurst gewesen. Sie sind das ganze Jahr über draußen. Bei Wind und Wetter, Schnee und Eis, Föhn und Sonne. Für wirklich, wirklich grauslige Tage gäbe es einen Ausweichplatz in der Stadt, erzählt Renate. Der wurde heuer allerdings erst dreimal genutzt. Grausig sei nämlich relativ. „Die meisten schlechten Tage sind für uns nur ,Regele-Tage‘“, lacht die Erzieherin.

Es gibt kein schlechtes Wetter

Die Kinder sind hart im Nehmen. Meistens sind es die Erwachsenen, die denken: Bäh, was für ein Wetter, da jagt man keinen Hund vor die Tür! Die Kinder hingegen lieben Regentage. Mit Matschanzügen in Lacken hüpfen, dreckig werden, das Beste im kindlichen Kosmos.

Seit nunmehr zehn Jahren gibt es den Schwazer Waldkindergarten. Die Gründerinnen Renate Streiter und Regina Hamberger haben mit ihrer Idee Pionierarbeit in Tirol geleistet. „Am Anfang glaubte keiner, dass wir länger als ein Jahr durchhalten“, erinnert sich die Naturpädagogin. Doch man habe alle Skeptiker eines Besseren belehrt. Und heute gibt es 14 weitere Waldkindergärten in Tirol. „Weil es uns so lange gibt, sind wir wohl der minimalistischste davon“, sagt Renate. Erst seit Frühjahr 2016 existiert ein Wasseranschluss mit Brunnen, der jedoch nur in der warmen Jahreszeit genutzt werden kann. „Im Winter mussten wir noch immer Wasser in Thermoskannen heraufschleppen“, lacht die Unterländerin.

Beim Matschen im Regen.
Beim Matschen im Regen.
- Waldkindergarten

Aufwärmen können sich die 20 Kinder in einem eigenen Aufenthaltswagen mit kleinen roten Rollläden. Der Waggon ist mit Bänken, Stauraum und Gasherd ausgestattet und wurde extra aus Deutschland angeliefert. Doch im Herbst wird aufgestockt: „Wir bekommen eine beheizte Holzhütte, in der Kinder ihr Mittagsschläfchen halten können. Damit können wir nun längere Öffnungszeiten mit Mittagstisch und Nachmittagsbetreuung anbieten“, freut sich Renate. 2012 wurde außerdem das alte Camping-WC gegen eine Bio-Komposttoilette ausgetauscht. Ein Luxus für die Outdoor-Gruppe!

Tja, es ist nicht immer der einfachste Weg, aber ein spannender. Erstaunlich, mit wie wenig man auskommt. „Die Kinder lernen hier, wieder kreativ zu werden, mit einfachen Dingen zurechtzukommen“, erzählt Renate, als plötzlich ein Schrei ertönt. „Boah, ein Stink-Käfer!“ Marlon und Paul sind aufgeregt und holen gleich eine Lupendose, um das Krabbelgetier genauer zu untersuchen und um zu erschnüffeln, wie stinkig es wirklich ist. Auch der Besuch von der Zeitung bekommt die grüne Wanze unter die Nase gehalten. Mmmh, Danke!

Fast keine Fehlzeiten

„Die Kinder lernen von und in der Natur“, sagt Renate. Wachsen mit den Bäumen. Jeden Tag gibt es neue Überraschungen. Ein alter Feuerwehrschlauch dient als Schaukel. Weihnachtsaufführungen finden im Freien statt, Grillgelage auch im tiefsten Winter. Statt Lego spielt man mit Tschurtschen, statt in Handys zu tippen, werden Waldschätze gesammelt.

Der Plastikspielzeuganteil ist minimal. Stattdessen wurde ein alter Advent-Stadel zu einer Werkstatt umfunktioniert. Die Dreikäsehochs hantieren hier geschickt mit Feile und Bohrer oder bearbeiten einen Ytong-Ziegelblock mit dem Hammer. Ob denn die Eltern keine Angst hätten? Vor Verletzungen etwa oder dass die Kinder wegrennen? „Oh nein“, wiegelt Renate ab, „die Eltern vertrauen uns.“ Und in den zehn Jahren sei noch nie etwas passiert. Ganz im Gegenteil“, antwortet die Kindergärtnerin. Es gibt sogar Studien, die zeigen, wie wertvoll Waldkindergärten für die Knirpse sind und wie positiv sie sich auf die Motorik, die psychische, physische und soziale Gesundheit auswirken. In Zeiten, in denen man ständig davon hört, dass viele Kinder unter Übergewicht und Kopfschmerzen leiden oder kaum aus dem Haus gehen, eine wunderbare Nachricht.

„Die Kleinen werden robust. Es gibt teilweise Kinder, die nur einen Fehltag pro Jahr haben“, sagt Renate. Das Einzige, mit dem Eltern rechnen müssen, ist, dass ihre Kinder dreckig werden. Beim Abholen meistens auch das Auto. Doch so ist es nun einmal, das Freiluft-Leben!

Agnes, Lucia und Florian haben es sich währendessen etwas abseits in einer aus Ästen und Rinden selbstgemachten Hütte gemütlich gemacht. Klopf, klopf! Ob man denn eintreten dürfe? Gemütlich ist es hier und schön schattig. „Die Hütten haben wir gemeinsam mit den Vätern an einem Papa-Nachmittag gebaut“, verrät Renate. Auch so ein Punkt: Die Väter fühlen sich angesprochen, freuen sich, dass sie mit ihren Kindern basteln können. Dementsprechend hoch ist auch immer der Papa-Anteil bei Elternabenden. Die Zeit vergeht wie im Flug. Mittags werden die ersten Kinder abgeholt. Ob sie denn jetzt drinnen spielen wollen? Aber nein, jetzt geht’s zum Schwimmen! Das echte Leben findet schließlich draußen statt.

Auch wir wandern über den Wurzelweg wieder zurück zum Auto, tauschen Turnpatschen gegen Büroschuhe und würden gerne im Freien weiterarbeiten. Die Klimaanlage im Auto läuft wieder, es geht zurück ins Büro. Pfiat eich ihr süßen Lauser, baba Käfer, baba Wald! Schön wäre es, manchmal wieder Kind zu sein. (Nicole Strozzi)

15 Waldkindergärten in Tirol

Wurzel-Weg-Kinder Schwaz; Waldkindergarten Völs Waldknöpfe; Waldkindergarten Waldkiebitze Zirl; Waldkindergarten Moosbett Maurach; Waldkinderkrippe Kufstein Wurzelzwerge; Waldkindergarten Vomp; Waldkindergarten Zwergohreulen und -krippe Waldwichtel vom Verein Waldkinder Zillertal in Stumm.

Waldkindergarten Landstreichler Kematen; Waldkindergartengruppe Waldschnaggl Aschau im Zillertal; Waldkindergarten Stebbsel in Ebbs; Waldkindergarten Münster; Waldkindergarten Breitenbach, Waldkindergartengruppe Kindergarten Hopfgarten (Start Herbst 2017); Waldkindergarten Haiming; Waldkindergarten Axams.




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