Letztes Update am Do, 06.07.2017 09:35

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Sklaverei

Ausgebeutet, namenlos: Für eine Handvoll Euro

Die Sklaverei ist offiziell seit Langem verboten. Arbeitskräfte, die sich für einen Hungerlohn verdingen und schamlos ausgenützt werden, findet man aber heute noch, zum Beispiel in Süditalien.

Behausung nahe Rosarno in Süditalien. Tausende Menschen aus Afrika leben in solchen Unterkünften. Sie hoffen auf Arbeit in den Obstplantagen.

© ReckingerBehausung nahe Rosarno in Süditalien. Tausende Menschen aus Afrika leben in solchen Unterkünften. Sie hoffen auf Arbeit in den Obstplantagen.



Rassismus, Habgier, Skrupellosigkeit. Menschliche Abgründe wie diese ermöglichen erst die Sklaverei. Zwar wurden Entrechtung und Zwangsarbeit Ende des 19. Jahrhunderts offiziell abgeschafft. Doch die Sklaverei ist nicht auszurotten. Bis heute.

Nach Schätzungen der australischen Walk Free Stiftung leben heute weltweit 46 Millionen Menschen in Sklaverei, der Großteil davon in Indien, China, Pakistan, Bangladesch und Nordkorea. Männer rackern in Fabriken, Minen und besonders oft in der Landwirtschaft; viele schuften sich zu Tode. Frauen werden gezwungen, ihren Körper zu verkaufen: Zwangspros­titution ist ein florierendes Geschäft für die kriminellen Hintermänner, auch hier in Europa.

Denn man ist gut beraten, Sklaverei heute nicht als Missstand in entfernten Ländern abzutun und weit von sich zu weisen, nach dem Motto: „Was gehtʼs mich an?“ Gilles Reckinger, Kulturwissenschafter und Professor an der Uni Innsbruck, hat dazu die passende Antwort: „Direkt vor unserer Haustür, in Italien, kann man sehen, wie Sklaverei heute abläuft.“

Der Wissenschafter begibt sich jedes Jahr zum Lokalaugenschein in die süditalienische Region Kalabrien. Dort verdingen sich 50.000 bis 100.000 Afrikaner – die genaue Zahl erhebt niemand – als Tagelöhner in den Obstplantagen.

Flucht vor Armut und Gewalt

Meist stammen die Männer aus Westafrika, aus dem Senegal oder Nigeria, andere flüchten vor dem gefürchteten Militärregime im nordostafrikanischen Eritrea. Sie schlagen sich bis Libyen durch und von dort, mit seeuntauglichen, vollgepferchten Booten, weiter auf die Insel Lampedusa, südlich von Sizilien. Schließlich landen sie in Auffanglagern auf Italiens Festland. Dort werden sie auf die Straße gesetzt: ohne Papiere, ohne Namen, entrechtet, wie nicht existent.

Afrikanische Arbeitskräfte bei der Orangenernte in Kalabrien (2016).
Afrikanische Arbeitskräfte bei der Orangenernte in Kalabrien (2016).
- Reckinger

Reckinger steht auf und geht zur Europakarte an der Wand seines Büros. Er zeigt auf die kalabrische Ortschaft Rosarno, fast an der Spitze des italienischen Stiefels gelegen. Die Zustände vor Ort haben sich in seiner Erinnerung festgesetzt: „Allein in Rosarno leben bis zu 10.000 Tagelöhner in Slums.“

Um 6 Uhr morgens versuchen die hier Gelandeten ihr Glück. Auf dem „Arbeiterstrich“ mitten im Ort warten dunkelhäutige Männer in Gummistiefeln darauf, dass sie mitgenommen werden auf die Orangenplantagen vor den Toren der Kleinstadt. Die Polizei bahnt sich in ihren Autos den Weg durch die Menge – und schaut weg. Auch eine Art Problemlösung. Denn legal arbeite hier fast niemand.

Bis zu 13 Stunden dauert eine Schicht. 22 Kilo Orangen passen in eine Kiste. 50 Cent gibt es je gefülltem Tragbehälter für den Ernte­helfer, etwa 25 Euro schafft er am Tag. Doch dieser Hungerlohn verringert sich rasch. Für den Transport zum Einsatzort in knallvollen Kleinlastern werden den Afrikanern 5 der 25 Euro abgeknöpft.

„Natürlich werden moderne Sklaven nicht in Ketten gelegt oder verkauft“, räumt der Professor ein. Doch daran, dass diese Menschen als Arbeitskräfte missbraucht, ihrer Rechte beraubt und ausgebeutet werden, habe sich nichts geändert. „Wie die Sklaven früher sind die Afrikaner in Süditalien auch nicht frei. Um zu überleben, müssen sie zu jenen Bedingungen arbeiten, die ihnen diktiert werden.“

Besserung ist nicht in Sicht. „Die Abschottungspolitik Europas mit streng kontrollierten Grenzen wie am Brenner hat die Lage in Kalabrien oder Apulien noch verschärft“, sagt Reckinger. Die Slums verzeichnen immer mehr Neuankömmlinge, denn es ist schwer geworden, Italien zu verlassen. Viele wollen auch gar nicht weg, sie sind seit vielen Jahren hier und beherrschen die Sprache.

Es ist eine teuflische Spirale: Die Konkurrenz wächst mit der Zahl der ankommenden Arbeitskräfte, gleichzeitig wird der Mini-Lohn weiter nach unten gedrückt. Arbeit gibt es vielleicht fünf bis zehn Mal im Monat, und das auch nur in der Hauptsaison der Orangenernte von November bis Februar. Viele ziehen dann weiter, etwa nach Kampanien, der Region um Neapel, wo im Frühjahr die Erdbeerernte beginnt.

Beim Stichwort Kampanien hält Reckinger inne. Ihm fällt ein weiterer Beleg dafür ein, wie dreist der Umgang mit Menschen sein kann. „In Kampanien gibt es eine spezielle Büffelrasse, deren Milch für die Herstellung des bekannten Büffel-Mozzarellas verwendet wird“, erläutert der Professor. „In den landwirtschaftlichen Betrieben dieser Region sind besonders viele Inder im Einsatz, und wissen Sie, warum?“ Das Gesicht von Reckingers Gesprächspartner zeigt Spuren von Ratlosigkeit. Also antwortet der Fragesteller selbst: „Weil Indern Kühe heilig sind.“

Großer Sprung nach Tirol

Der Sprung von Süditalien nach Tirol ist weit, gedanklich wie geo- grafisch. Doch Reckinger ist es ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass auch im Heiligen Land die Ausbeutung von Arbeitskräften nicht unbekannt ist. „Natürlich kann man das nicht mit den Afrikanern in Rosarno vergleichen; aber um eine halbwegs passable Entlohnung nach dem Kollektivvertrag mussten die osteuropäischen Erntehelfer in Tirol auch erst kämpfen“, erinnert Reckinger an Vorfälle der letzten Jahre. Noch ein Unterschied: Den Arbeitskräften auf den Thaurer Feldern kam die Gewerkschaft zu Hilfe. Von Unterstützung in dieser Form können die in Italien beschäftigten Plantagenarbeiter nur träumen.

Eine Kursänderung ist für Reckinger überfällig. „Die Afrikaner kommen nach Europa, weil ihnen in der Heimat die wirtschaftliche Grundlage entzogen wird.“ Die EU überschwemme den afrikanischen Markt mit landwirtschaftlichen Produkten, die hoch subventioniert sind. Lokale Anbieter können da nicht mithalten. Überdies sind die Zollschranken in Europa für Afrika schier überwindbar, während der schwarze Kontinent dazu gedrängt wird, Zölle abzubauen.

„Diese Politik kann geändert werden, so der Wille dazu besteht“, ist Reckinger überzeugt. „Es ist keine Utopie“, versichert er. Noch klingt es jedoch wie eine solche. (Markus Schramek)

Afrikanische Sklaven beim Zuckerrohrschneiden auf Jamaika  (undatierte historische Darstellung).
Afrikanische Sklaven beim Zuckerrohrschneiden auf Jamaika (undatierte historische Darstellung).
- iStock

Ein Sklave kostete sechs Gewehre

Ob bei den Ägyptern, Griechen oder Römern – schon in der Antike war Sklaverei weit verbreitet. Oft wurden damit Schulden abgearbeitet. Kriegerisch unterworfene Völker mussten ebenfalls Zwangsdienste verrichten.

Das Wort Sklave geht auf „Slawe“ zurück, ein Volk, das sich ab dem 6. Jahrhundert nach Christus im Osten und Südosten Europas ansiedelte. Besonders viele Slawen wurden versklavt. So blieb der Begriff.

Zur ersten großen Welle der Sklaverei, mit bis zu 17 Millionen Zwangsarbeitern, kam es ab dem 7. Jahrhundert. Da errichteten Anhänger Mohammeds ein moslemisches Weltreich: Südspanien und Nord­afrika wurden erobert, im Osten folgten weitere Länder bis Indien.

In den besetzten Gebieten kam es zur Verschleppung Hunderttausender Menschen, wie der deutsche Historiker Egon Flaig in seinem Buch berichtet („Weltgeschichte der Sklaverei“, Beck Verlag, München, 2011). Weil viele der versklavten Inder auf dem Weg nach Usbekistan den Tod fanden, heißt das Gebirge zwischen Pakistan und Afghanistan Hindukusch: Hindu-Tod auf Deutsch.

Immer wieder Afrika

Seit dem frühen Mittelalter war die Bevölkerung Nord- und Westafrikas Leidtragende der Sklaverei. Zuerst die Eroberung durch Muslime, Jahrhunderte später folgten die Europäer. Sie betrieben Sklavenhandel in großem Stil. Die Plantagen in den neuen Kolonien in Übersee benötig­ten Arbeitskräfte, die tropischer Hitze standhielten. Die Europäer machten in Afrika aber nicht selbst Jagd nach Sklaven, sondern sie kauften sie von Menschenhändlern: sechs Gewehre für einen Sklaven.

Ein Dreieckshandel zwischen Europa, Westafrika und Amerika etablierte sich. Zuerst die Portugiesen, später auch Engländer, Franzosen und Holländer tauschten in Westafrika Waffen und Munition gegen Sklaven ein. Die Sklaven wurden dann unter erbärmlichen Verhältnissen über den Atlantik verschifft. Viele kamen schon bei der Überfahrt zu Tode.

In den Zielländern wurden die Sklaven ihrerseits eingetauscht. Sie mussten dort Knochenarbeit verrichten, bis zum meist frühen Tod. Die Europäer fuhren indessen mit wertvollen Ladungen von Baumwolle, Zucker, Rum, Kaffee und Tabak zurück nach Europa.

Verschleppt nach Amerika

Mehrere Jahrhunderte ging das so. Flaig beziffert die Zahl jener Afrikaner, die nach Amerika (Süd und Nord sowie Karibik) verschifft wurden, mit 11 Millionen. 41 Prozent wurden nach Brasilien verschleppt, 45 Prozent in die Karibik, 3,8 Prozent nach Nordamerika (USA).

Der Sklavenhandel wurde in Europa jedoch stets auch kritisch gesehen – na hoffentlich, ist man geneigt anzufügen. Von England ging die Initiative zur Abschaffung aus. Dort gründete der wortgewaltige William Wilberforce 1787 die „Abolition Society“. Es dauerte aber noch 100 Jahre, bis mit Brasilien auch das letzte Land die Sklaverei verbot.

In den USA führte die strittige Zwangsarbeit zum Bürgerkrieg. Präsident Abraham Lincoln behielt mit den Nordstaaten (gegen Sklaverei) die Oberhand gegen die Südstaaten (für die Beibehaltung). Lincoln erlebte seinen Sieg nicht mehr. Knapp vor Kriegsende wurde er 1865 bei einem Theaterbesuch erschossen.

Zur Ruhe kam Afrika aber weiterhin nicht. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann die Kolonisierung. England, Frankreich, Portugal, Belgien und Deutschland lieferten sich ein Wettrennen um Macht und Einfluss auf dem Schwarzen Kontinent. Das bedeutete erneut Ausbeutung und Unterdrückung.

In Österreich, damals noch eine Großmacht unter den Habsburgern, spielte Sklaverei keine Rolle, wie Gilles Reckinger (Uni Innsbruck) hervorhebt. Hier konnte man auch so aus dem Vollen schöpfen. Billige Arbeitskräfte aus den Kronländern in Osteuropa gab es genügend.