Letztes Update am So, 09.07.2017 08:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Freizeit

Emsige Tiroler Hobby-Gärtner graben ihre Dörfer um

Grüne Daumen hoch: Viele Tiroler nehmen Schaufel, Rechen und Heckenschere in die Hand und verwandeln die kahlsten Ecken ihrer Dörfer in florale Paradiese. Geld gibt’s dafür keines. Wir haben die Freiwilligen mit dem Händchen für Pflanzen und ihre kleinen oder großen Projekte besucht.

Kräuterfachfrau Regina Gruber war eine der Initiatorinnen des Kräutergartens in Schwendau.

© Thomas Boehm / TTKräuterfachfrau Regina Gruber war eine der Initiatorinnen des Kräutergartens in Schwendau.



Von Kathrin Siller

Das Fleckchen Axamer Erde ist nicht größer als ein Babyschwimmbad. Es liegt versteckt hinter einer Mauer, dort wo die einspurige Straße eine Kurve macht. Ein Hydrant steht dort, daneben eine Straßenlaterne. Herbert und Marta Slamik wohnen zwei Häuser weiter und kommen soeben mit Gießkanne und einem Blumentöpfchen in der Hand die Straße rauf.

Den beiden ist genau dieses Fleckchen Erde im wahrsten Sinne des Wortes ans Herz gewachsen. Vor vier Jahren hat das pensionierte Ehepaar die Patenschaft für die damals schmucklose Fläche übernommen und setzt seither alles daran, dass es dort in allen Farben blüht und die Bienen was zum Futtern finden. Vor wenigen Tagen ist ein Pflänzchen eingegangen. Es hat die Hitze nicht überlebt und wird jetzt ausgetauscht.

Wasser aus Nachbars Garten

„Im Spätherbst setzen wir Tulpen und Narzissen und im Frühjahr wechseln wir – ganz nach Gefühl.“ Jäten, düngen, gießen – an heißen Sommertagen wühlen die 69-Jährigen beinahe täglich in der Erde. „Die direkten Anrainer lassen uns den Wasserhahn in ihrem Garten anzapfen und wenn wir einmal auf Urlaub sind, übernehmen sie das Bewässern.“ Die Gemeinde trägt die Kosten für die Pflanzen. Um Geld geht es dem Paar aber nicht. „Wir sind einfach froh, dass nicht die gesamte Straße zugepflastert ist.“

Lavendel, Rosen und Zierkirschen: Hildegard Lieb und Hans Schösser verschönern den Weerberg.
Lavendel, Rosen und Zierkirschen: Hildegard Lieb und Hans Schösser verschönern den Weerberg.
- Julia Hammerle

Die Slamiks sind mit ihrer grünen Liebe jedoch keine Exoten. Viele Tiroler sehnen sich nach floraler Abwechslung. Und das nicht nur in den eigenen vier Wänden oder Gärten. Warum also nicht freiwillig Gießkanne und Schaufel in die Hand nehmen, um die Hundewiese vor dem Haus zum kleinen Paradies umzustylen?

Das dachte sich auch eine Gruppe von Schwendauern. Innerhalb weniger Monate haben sie die einst unscheinbare Grünfläche beim Widum in einen idyllischen Kräutergarten verwandelt.

Regina Gruber, eines der Masterminds hinter der duftenden Entspannungszone, lustwandelt gerade durch die Steinbeete, rupft und zupft und steckt ihre Nase zwischen Braunwurz, Johanniskraut und Labkraut. Für sie ist ein Wunsch in Erfüllung gegangen. „Ich fühle mich gewaltig“, strahlt die 49-jährige Kräuterexpertin. „Wir können so stolz sein, dass wir das in einem Jahr geschafft haben.“

Wir? Das ist beinahe das ganze Dorf: Der hiesige Gärtner zeichnete die sonnen- und regenbogenförmige Anlage, von vier Monate lang baute eine Gruppe an den Steinmauern, die Jungbauern stellten den Brunnen auf, die Schüler der Neuen Mittelschule ein Wildbienenhotel und die Asylwerber aus Ramsau rückten mit Werkzeug an.

160 verschiedene Kräuter sollen in den kunstvoll angelegten Steinbeeten fortan wachsen. „Viele davon haben wir eigenhändig in der Natur zusammengesammelt“, erklärt die Zillertalerin. „In Zukunft wollen wir Schüler und Kindergartenkinder, aber auch Touristen und Erwachsene zu Workshops einladen und ihnen die Welt der Heilpflanzen näherbringen.“ Jeder ist eingeladen, den Garten, der jetzt über den Obst- und Gartenbauverein läuft, mitzupflegen. Für Regina Gruber steht fest: „Wir brauchen die Natur wie die Luft zum Atmen. Und es ist so schön fürs Ortsbild, wenn es grün um einen herum ist.“

Lavendel-Liebe und Rosen-Duft

Das Ortsbild liegt auch dem Obst- und Gartenbauverein Weerberg am Herzen. Hans Schösser (75) ist dessen Obmann und blüht auf, wenn er über seine Projekte in der Berggemeinde spricht. Bei der Orts­einfahrt, dort wo noch vor zehn Jahren schlichte Vogelbeerbäume standen, treffen wir den selbsternannten Gärtner-Methusalem und seine 48-jährige Vereinskollegin Hildegard Lieb.

Tatort Axams: Das Mini-Beet in der Wohnstraße ist Herbert und Marta Slamiks Herzensprojekt.
Tatort Axams: Das Mini-Beet in der Wohnstraße ist Herbert und Marta Slamiks Herzensprojekt.
- Thomas Boehm / TT

Sie knien zwischen den von ihnen gesetzten Säulenbuchen, Zierkirschen, Latschen und Miscanthus-Gräsern. Schösser atmet tief ein, der Duft des Lavendels hat es ihm angetan, Lieb begutachtet die Röschen. Gerade am Vortag haben fünf Vereinsgärtner zwei Stunden lang Unkraut gezupft und die Stauden und Pflanzen zurechtgestutzt. „300 Stunden pro Jahr investiert der Verein in die Pflanzenpflege im Ort“, hat Schösser nachgerechnet. „Und es ist eine Riesengaudi.“ Eine Gaudi, die jeder zehnte Weerberger teilt, so viele Mitglieder zählt der Verein nämlich.

Selbst vor den Straßenmauern machen die umtriebigen Gärtner nicht Halt. „Wir haben zehn Mauern mit 2500 Pflanzen verschönert“, berichtet Lieb. „Eine Augenweide.“

Stolz führen uns die beiden Weerberger an der von Duftrosen eingerahmten Rosenmadonna vorbei zum Schulgarten, wo in zwei Hochbeeten Gurken und Kräuter gedeihen. Nebenan wuchern Beerenstauden – zum Naschen für die Kinder der Volksschule gegenüber. So soll es sein im Paradies: Wenn nicht nur die Augen, sondern auch hungrige Bäuche profitieren, dann ist alles gut.