Letztes Update am Di, 26.09.2017 08:39

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Rote Liste der bedrohten Arten

Ein Abschied für immer: Wie der Mensch die Tiere ausrottet

Hunderte Arten wurden weltweit bereits ausgelöscht, um ein Vielfaches mehr stehen kurz davor. Der Mensch und der Klimawandel gefährden das Leben im Tier- und Pflanzenreich.

© Weihnachtsinsel-Zwergfledermaus: Die australische Fledermaus-Art ist ein trauriges Beispiel, sie gilt nun als ausgestorben.



Zirpender Riesenkugler, der Pipistrellus murrayi oder die Rumpelstilzchen-Zwergheuschrecke. Klangvolle Namen, die wohl nur den fachkundigsten Naturfreunden bekannt sein dürften. Auf der Roten Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN) wuselt es von exotischen oder lateinischen Namen sowie Tieren und Pflanzen in allen Größen und Variationen.

Für jene Arten, die es auf besagter Liste in eine der drei Gefährdungskategorien schaffen – „vom Aussterben bedroht“, „stark gefährdet“ oder „gefährdet“ –, ist das zwar eine schlechte Nachricht, andererseits aber zumindest auch eine Chance. „Bei höheren Tiergruppen wie Säugetieren, Vögeln oder Amphibien wird bei Gefährdung meist sofort gehandelt, etwa durch Schutzprogramme“, weiß Klaus Peter Zulka, Zoologe im Umweltbundesamt in Wien.

Zulka betreut die österreichische Version der Roten Liste. Darauf finden sich teils andere Tierarten, denn was global noch nicht gefährdet ist, kann in Österreich sehr wohl stark bedroht sein.

Bergriedbock: Die afrikanische Antilope ist stark gefährdet.
Sie hat in 15 Jahren 73 Prozent der Population eingebüßt.
-

Ein Eintrag auf der internationalen Liste, die, je nach Art, aktualisiert wird, wiegt aber schwerer. „Man kann eine regional ausgestorbene Art wieder ansiedeln. Das ist zwar aufwändig und sicherlich teurer, als sie zu erhalten, aber es ist nicht unmöglich“, sagt Zulka. Ist die Art dagegen weltweit ausgestorben, gibt es kein Zurück. Wie beim Pipistrellus murrayi, einer winzigen Fledermaus von der australischen Weihnachtsinsel. Sie gilt nun offiziell als eine von 859 Arten als ausgestorben.

Immer mehr Arten gefährdet

88.000 Tiere und Pflanzen sind auf der internationalen Liste in der kürzlich aktualisierten Version als gefährdet oder nicht gefährdet eingestuft worden. So viele wie noch nie, denn die Datenlage wird immer besser. „Die Daten sind das Wichtigste, ohne viel über eine Art zu wissen, kann man sie nicht einstufen“, sagt Zulka. In Österreich können laut seiner Schätzung bis zu 20 Prozent der Arten bewertet werden, über andere fehlen Informationen. Wichtig sei die Liste trotzdem. „Sie ist für die Entscheidungsfindung von Schutzmaßnahmen wichtig und bei jedem Eingriff des Menschen, vom Bau einer Straße bis zum Errichten eines Nationalparks, zu berücksichtigen.“

Die Gründe für die laut IUCN 5403 statt zuvor 5157 vom Aussterben bedrohte und viele weitere gefährdete Arten sind – neben der besseren Datenlage – vielfältig. Eine Bedrohung könnte in den kommenden Jahrzehnten für einen explosiven Anstieg in diesen Kategorien sorgen: der Klimawandel.

„Einige Arten könnten auf andere Lebensräume ausweichen oder umgesiedelt werden“, sagt Zulka. Doch für viele wird es wohl keine Zukunft geben. „Gebirgsspinnenarten leben auf 3000 Metern. Steigt die Temperatur um zwei Grad, haben sie keinen Lebensraum mehr. Ausweichen können sie kaum“, erklärt Zulka. Noch sind diese Arten häufig und teilweise in großen Zahlen anzutreffen – das ist jedoch eine trügerische Momentaufnahme. Mit Sicherheit werde der Lebensraum dieser Arten stark zurückgehen, so der Zoologe.

Die Klimaerwärmung sorgt auch für eine große Gefährdung der amerikanische Esche. 80 Prozent, darunter Weiß-, Rot- und Schwarz-Esche, sind in Gefahr, weil sich zur Abholzung des wertvollsten amerikanischen Holzes auch noch der Asiatische Eschenprachtkäfer gesellt. Durch die gestiegenen Temperaturen fühlt er sich so wohl, dass er sich ausbreitet und fünf von sechs Baumarten zu vernichten droht.

Ein weiterer Faktor ist der Mensch. „Wir Menschen scheuchen die Arten mit unserem Verhalten so schnell an den Rand des Abgrunds, dass es für Umweltschützer fast unmöglich ist, den Niedergang in Echtzeit zu dokumentieren“, ließ IUCN-Generaldirektorin Inger Andersen verlauten. Ein österreichisches Beispiel dafür ist der Friebs Ahlenläufer, ein Käfer: „Durch Flussbegradigungen gibt es ihn nur noch an wenigen Orten“, berichtet Zulka.

Daneben kommt es laut IUCN bei der Gefährdung von Tieren aber auch auf die Größe an: Besonders kleine und besonders große Arten sind gefährdeter als andere. Die Großen werden gejagt, die Kleinen oft übersehen oder als Beifang und Kollateralschaden in Kauf genommen.

Vorbildlicher Fischotter

In Österreich geht die Zahl der Tagfalter zurück. „Dieser besorgniserregende Trend wird durch Pestizide verursacht“, so Zulka. Die Folgen der Dezimierung sind dann oft Populationen, die zu klein sind, um längerfristig zu überleben. „Schwankungen, wie es sie in der Natur immer mal wieder gibt, können sie dann nicht mehr ausgleichen.“

Anlass für Hoffnung geben aber positive Beispiele. Nicht jede Art, die in den höchsten Gefährdungsstufen landet, stirbt aus. „Der Fischotter hat sich in Österreich erholt, weil man ihn jetzt schützt. Negative Trends können meistens gestoppt werden, wenn entschlossen in Schutzprogramme investiert wird“, sagt Zulka. Ein Silberstreif am Horizont für die Tausenden gefährdeten Arten. (Philipp Schwartze)

Kategorien der Roten Liste

Die Rote Liste wird in neun Hauptkategorien eingeteilt. Die drei höchsten Kategorien „Vom Aussterben bedroht“, „Stark gefährdet“ und „Gefährdet“ bilden dabei zusammen die Zahl der gefährdeten Arten. Ist eine Art nicht mehr lebendig nachweisbar, fällt sie in die Kategorie null, „Ausgestorben/Verschollen“.

Ausgestorben (EX)

Eine Art gilt als ausgestorben (extinct=EX), wenn es keinen Zweifel gibt, dass das letzte Individuum gestorben ist. Eine Art wird für ausgestorben gehalten, wenn auch ausführliche Erhebungen in bekannten bzw. erwarteten Lebensräumen zu angemessenen Zeiten kein Individuum dieser Art auffinden konnten.

Vom Aussterben bedroht (CR)

Als „Vom Aussterben bedroht“ (Critically Endangered=CR) gelten Arten, wenn der Populationsrückgang kritische Werte erreicht, der Lebensraum auf ein bestimmtes Maß schrumpft, das Aussterberisiko in den nächsten 10 Jahren bzw. drei Generationen mindestens 50 Prozent beträgt und als extrem hoch eingestuft wird.

Stark gefährdet (EN)

In die Kategorie „Stark gefährdet“ (Endangered=EN) fallen Arten, die entweder einen hohen Populationsrückgang, einen stark schrumpfenden Lebensraum oder ein Aussterberisiko von mindestens 50 Prozent in 10 Jahren bzw. drei Generationen haben und das Risiko als sehr hoch eingestuft wird.

Gefährdet (VU)

Zu „Gefährdet“ (Vulnerable=VU) zählt eine Tierart, wenn entweder ein hoher Populationsrückgang oder ein stark schrumpfender Lebensraum verzeichnet wird oder das Aussterberisiko mindestens 50 Prozent in 10 Jahren bzw. drei Generationen beträgt und das Risiko als hoch eingestuft wird.

Weitere Kategorien

Als „Near Threatened“ (ND/Vorwarnliste) werden Arten bezeichnet, die noch nicht die Kriterien für eine Gefährdung erfüllen, es aber bald sein könnten. Bei „Least Concern“ (LC/Ungefährdet) sind Arten nicht/nicht bald bedroht. „Data Deficient“ (DD) bedeutet ein Datendefizit, „Not Evaluated“ sind bislang nicht eingestufte Arten.




Kommentieren


Schlagworte