Letztes Update am Fr, 13.10.2017 10:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Neuhauser: „Wollte keine heile Welt vorspielen“

„Ich war mein größter Feind“ heißt Adele Neuhausers Autobiografie. Vor einer Lesung in Innsbruck nahm sich die Schauspielerin und „Tatort“-Kommissarin Zeit, um über Zeiten der Trauer und des Glücks zu sprechen.

© TT/Thomas BöhmAuthentisch, sympathisch und ehrlich. Adele Neuhauser (58) ging durch schwere Zeiten, hat aber das Lachen nicht verlernt.



Frau Neuhauser, wir sitzen hier im Café und jeder kennt Sie. Stören Sie die Blicke ?

Nein, überhaupt nicht. Ich will ja keine unnahbare Person sein. Ich bin eine von allen.

Genauso offen schreiben Sie in Ihrer Autobiografie, auch über dunkle Zeiten in Ihrem Leben.

Ich wollte nicht die heile Welt vorgaukeln. Meine sechs Suizidversuche zwischen meinem zehnten und einundzwanzigsten Lebensjahr habe ich zum Beispiel schon vor Jahren preisgegeben, in der Hoffnung, den Menschen Mut zu machen und zu zeigen: Schauts her, man kann da rauskommen!

Waren die Selbstmordversuche ein Hilfeschrei oder hatten Sie tatsächlich eine Todessehnsucht?

Beim ersten Selbstmordversuch war ich zehn Jahre alt, ausgestattet mit viel Phantasie und Lebensfreude, aber auch mit Traurigkeit. Und ich wusste genau, was zu tun war, um in dieser Traurigkeit hängen zu bleiben. Die Suizidversuche waren sicher ein Hilferuf, aber ein leiser. Später wurden sie zu einer Mutprobe. Ich habe mir aber immer eine Hintertür offen gelassen.

Sind die Dämonen von damals je wieder zurückgekehrt?

Nein, obwohl mich die Schicksalsschläge in den letzten Jahren oft in eine solche Situation hätten bringen können. Ich kann heute traurig sein, aber verfalle nicht in eine ausweglose Situation.

Einer dieser Schicksalsschläge war eine Fehlgeburt im vierten Monat. Denken Sie oft daran, wie es mit einem zweiten Kind gewesen wäre?

Ich habe mit der Fehlgeburt abgeschlossen. Mit 39 Jahren wäre es bei den ganzen Möglichkeiten, die es gibt, zwar nicht zu spät gewesen, es noch einmal zu versuchen, aber ich habe gemerkt, das wäre zu egoistisch. Es gibt Dinge, die man loslassen muss, weil man viel Kraft für Neues braucht. Ich habe mich dann in die Arbeit gestürzt.

Jahrelang spielten Sie Theater, dann kam Ihr Durchbruch im Fernsehen, zuerst „Vier Frauen und ein Todesfall“, dann der „Tatort“.

Das Fernsehen war sicher eine neue Dimension. Plötzlich bist du eine sichtbare Person. Ich dachte aber nie an den Erfolg. Mir waren die beruflichen Aufgaben wichtiger. Welche Rolle spiele ich, welche Rolle macht Sinn?

In der Schule nannte man Sie aufgrund Ihrer tiefen Stimme Wurzelsepp. 2008 ging Ihr Markenzeichen kaputt. Eine Stimmband-OP mit Folgen ...

Ja, durch die neue Stimme hat sich meine Weiblichkeit verändert. Die kaputte, tiefe Stimme hat ein völlig falsches Bild von mir gegeben. Das hat mich wahnsinnig gemacht. Ich bin doch noch etwas anderes als meine Stimme. Außerdem hat mir das sechswöchige Schweigen gutgetan. Ich habe mir immer schon gewünscht, einmal den Mund zu halten. Das hat auch mit den Inhalten zu tun, die man redet, die können nämlich auch verletzend sein.

Im vergangenen Jahr sind Ihre Mutter und nur einen Monat später Ihr Bruder Alexander an Leukämie gestorben. Sie haben Stammzellen für Ihren Bruder gespendet.

Das war während der Dreharbeiten zum Tatort „Virus“ und ich habe nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, ob es richtig ist zu helfen. Leider hat Alexander meine Stammzellen nicht vertragen. Er wurde nur 63 Jahre alt. Ich habe am Anfang gedacht, es sei meine Schuld. Was natürlich nicht stimmt. Ich schrieb gerade an meiner Autobiografie. Eigentlich sollte es ein unterhaltsames Buch werden, aber dann kamen die Todesfälle. Ich habe trotzdem weitergemacht Es war die heilvollste Trauerarbeit, die ich leisten konnte.

War die Schauspielerei auch eine Möglichkeit, sich von all den Sorgen freizuspielen?

Mein Beruf hat mir sehr geholfen. Während meiner Trauerzeit war das Team wie eine Familie für mich und ich konnte meiner Trauer freien Lauf lassen. Und die Rolle der kompromisslosen Julie Zirbner in „Vier Frauen und ein Todesfall“ war immer schon gut für mein Seelenleben. Genau wie Bibi Fellner (Kommissarin aus „Tatort“). Sie ist ambivalent, sehr empathisch, hat Humor, aber manchmal geht’s auch mit ihr durch. Ich mag beide.

Apropos „Tatort“. Jung und Alt sitzen sonntags jede Woche vor dem Fernseher. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Auf der einen Seite ist der „Tatort“ über die Jahre Kult geworden, auf der anderen Seite gibt es die ganzen neuen Teams und es werden aktuelle Themen thematisiert. Das macht ihn filmisch interessant.

Haben Sie denn Mitspracherecht, was Ihre Rolle betrifft?

Ja, schon. Es gibt z. B. die Idee, aus Bibi und ihrem Chef (Moritz Eisner, gespielt von Harald Krassnitzer) ein Paar zu machen. Ich sage: nein, nein, nein! Nicht jede Frau muss sich in ihren Chef verlieben.

Und wie spannend geht es im Leben der Adele Neuhauser weiter?

Ich bleibe sicher in meinem Beruf hängen, bin neugierig, offen und in freudiger Erwartung. Da kommt noch viel Schönes. Mit all den Dingen, die passiert sind, habe ich Frieden geschlossen.

Das Interview führte Nicole Strozzi