Letztes Update am So, 15.10.2017 06:39

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Singles

Ein Solo zwischen Glück und Einsamkeit

Eine Gesellschaft von Singles? Schon jeder vierte Österreicher wohnt allein. Manche gehen bewusst solo durch eine Lebensphase, sie pflegen die Beziehung zu sich selbst. Oft ist das Singledasein aber die Folge gescheiterter Partnerschaften. Besonders Männer kämpfen schwer mit dem Alleinsein.

© iStock(Symbolfoto)



Von Nicole Strozzi und Markus Schramek

Single und trotzdem glücklich. Das passt für die Öffentlichkeit immer noch nicht recht zusammen. Viel lieber wird das bemitleidenswerte Bild einer Bridget Jones vermittelt, die Eis essend und Wein trinkend vor dem Fernseher darauf wartet, bis der Richtige auftaucht. Begriffe wie „alte Jungfer“ oder „übrig geblieben“ sind mittlerweile verpönt. Aber in rosarot gehüllte Ratgeber wie „Die Single-Falle“ machen die Lage nicht besser, denn sie transportieren die Botschaft: „Passt auf, ihr verzweifelten Menschen da draußen, wenn ihr diese Tipps befolgt, findet ihr euer großes Glück!“

Entsprechend schwierig ist es selbst im Internet, dem Dorado für Liebes- und Lebensgeschichten, Menschen zu finden, die offen über ihr Single-Dasein plaudern. Bloggerin Luise Morgen ist eine der wenigen, die zugibt: „Ich bin gerne Single und stehe dazu.“

Internet-Bloggerin Luise Morgen alias "KleinstadtCarrie" ist seit zwei Jahren Single.

- istock

Seit Jahren bloggt die 23-jährige Deutsche unter dem Namen „KleinstadtCarrie“ und lässt die Öffentlichkeit an ihrem Leben teilhaben. Das Gefühl, unvollständig oder gar bedauernswert zu sein, hat sie überhaupt nicht. „Ich bin frei in jeder Ebene, liebe das Alleinreisen und bin ständig unterwegs“, erzählt sie gut gelaunt.

Zwei Jahre lang ist die hübsche Dresdnerin, die man vielleicht aus der VOX-Reisedoku „Auf und davon“ kennt, bereits alleinstehend. „Ich bin glücklich, wie es ist, wenn der Richtige kommen würde, der diese Situation verbessert, warum nicht?“, sagt Luise. Sie könnte auch dasitzen und sich bedauern, „aber viel lieber sehe ich die Vorteile und genieße die Zeit, die ich für mich und meine Freunde habe.“ Und schließlich heißt Single-Sein ja nicht automatisch, dass man niemanden kennen lernen kann.

Jetzt könnte man sagen: Luise ist knackige 23 und hat ihr ganzes Leben noch vor sich. Mit 40plus sieht die Lage schon anders aus. Dann fallen plötzlich Begriffe wie Kinderwunsch und Torschlusspanik. Aber die Deutsche steht stellvertretend für eine Generation, die das Single-Sein als Wahl sieht, nicht als Bürde. Kein Pärchen-Wahnsinn, keine Pampersthemen, keine Zahnpasta-Diskussionen, stattdessen eine gute Beziehung mit sich selbst.

Wir wechseln den Schauplatz, das Alter und das Geschlecht. Einzig der Beziehungsstatus verbindet Internet-Bloggerin Luise und den 52-jährigen Tiroler Martin: Beide sind derzeit single. Doch ganz anders als bei Luise ist das im Fall von Martin mit erheblichen Schmerzen verbunden gewesen, tief im Inneren der Seele von mehreren Menschen.

Ehe, Kinder, Scheidung

Denn Martin war verheiratet. Von seiner Ehefrau hat er sich vor zwei Jahren getrennt. Heuer erfolgte die Scheidung. Seine drei Kinder, das älteste ist zwölf, sieht Martin nun als Besuchspapa am Wochenende. Von Vorteil ist, dass die Kinder im selben Ort wohnen. Da ergeben sich auch zufällig Kontakte.

„Meine Kinder sind großartig, die Beziehung zu meiner Ex-Frau war es leider nicht“, bilanziert der Neo-Single. „Der Wunsch nach einer Familie sei so stark gewesen, dass er „das Kleingedruckte erst nachher gelesen“ hat. „Meine Ex-Frau und ich haben nicht zusammengepasst. Das wurde während der Ehe klar.“ Mehrere Anläufe, die Partnerschaft durch Paartherapie zu retten, scheiterten. Martin zog schließlich den Schlussstrich.

Phasen ohne Partnerin hat er schon vor der Ehe öfter durchlebt. Doch diesmal behagt ihm das Alleinsein gar nicht. Im Freundeskreis hat fast jeder Familie. Und der Blick auf intakte Beziehungen schmerzt: Just bei ihm hat es nicht funktioniert. Dazu kommen Alltagsprobleme eines Singles. Freizeitaktivitäten mit Freunden sind schwer zu planen. Am Wochenende geht deren Anhang vor.

Martins Sehnsucht nach einer neuen Beziehung lebt. „Es ist eine Sehnsucht nach Nähe, Geborgenheit, Zärtlichkeit und Körperlichkeit.“ Aber bloß nichts überstürzen. Denselben Fehler will er nicht noch einmal machen. „Manche Frau glaubt immer noch, dass sie den Märchenprinzen finden wird, der ihr ein sorgenfreies Leben bieten kann. Doch in unserem Alter gibt es weder Märchenprinzen noch -prinzessinnen.“ Zur Mitte des Lebens haben Mann und Frau schon manch schlechte Erfahrung machen müssen. „Jeder hat doch sein Packtl zu tragen.“

Er sei „ein Mann in den besten Jahren“, leicht vermittelbar in der Frauenwelt, bekommt Martin, der sich im Gesundheitsbereich selbstständig gemacht hat, oft zu hören. Und kann darüber nur den Kopf schütteln. Denn Leichtigkeit ist genau das, was er vermisst.

Er hilft seinem Glück auf die Sprünge. Auf dem Datingportal Parship sucht Martin eine Partnerin. Treffen mit Frauen über 40 („Jüngere interessieren mich nicht“) hat es gegeben. „Manchmal weiß man schon beim zweiten Schluck Kaffee, dass nichts daraus wird.“

Ein (zu) spätes Rendezvous?

Sympathie ist meist vorhanden, das Hauptproblem aber ist die Vereinbarkeit zweier Lebenswege, die einander erst spät gekreuzt haben. „Es gibt geschiedene Frauen, die ihren Kindern keinen neuen Partner zumuten. Und solche, die keinen Freund mit Kindern wollen.“

Die Emanzipation, so findet Martin, sei in Tirol nur ein Schlagwort. „Angekommen ist sie noch nicht. Viele Frauen, die sich als ,modernʼ bezeichnen, erwarten, dass der Mann wie selbstverständlich die Rechnung bezahlt.“ Seine Spendierhosen sind ohnehin recht eng geschnitten. Schließlich bezahlt er auch Unterhalt für die Kinder.

Allen Schwierigkeiten beim Neustart in der zweiten Lebenshälfte zum Trotz ist Martin optimistisch, eine neue Liebe zu finden: eine Frau mit oder ohne eigene Kinder. Er will diese Partnerschaft offen leben, sie nicht vor dem eigenen Nachwuchs verheimlichen. „Ich bin bereit, das Abenteuer Patchwork zu wagen.“

So hart manch ein Single auch mit seinem Status zu kämpfen hat, die Wirtschaft hat Alleinlebende längst als willkommene Zielgruppe erkannt. Schließlich leben rund vier von zehn Personen in Öster­reich in Einpersonenhaushalten. Das liegt etwas über dem EU-Schnitt. Denn laut Eurostat lebt jeder dritte Europäer alleine. Spitzenreiter sind die Schweden mit 51,8 Prozent an Single-Haushalten.

Als Zielgruppe umworben

So ist der Singlemarkt nicht nur bei den Datingportalen heiß umkämpft. Versicherer bieten spezielle Single-Tarife an, Abenteuerreisen für Alleinstehende boomen. In Tirol hat etwa ASI Reisen auf die verstärkte Nachfrage reagiert und bietet deshalb im eigenen Programm explizit Allein-Reisen an.

Auch das Bild der Geschäftslokale hat sich verändert. Viele Läden integrieren heute Cafés oder Imbisse, sodass das Gefühl, sein (armes) Würstl allein verspeisen zu müssen, erst gar nicht aufkommt.

In den Regalen der Supermärkte finden sich immer mehr Fertigprodukte und Kleinportionen. Und auch der Wohnraum passt sich der steigenden „Versingelung“ an. Kleinwohnungen sind ob der gro­ßen Nachfrage in Ballungsräumen dennoch rar. Das treibt die Mieten in die Höhe. Auch ein Problem, mit dem Singles zu kämpfen haben. Freilich nicht nur sie.

Killerfragen wie „Bist du immer noch solo?“ sollte man sich gegenüber einem Single sparen, vor allem dann, wenn man selbst gerade die Vorzüge des (aktuellen) Partners über den grünen Klee gelobt hat.

37 Prozent

der österreichischen Bevölkerung lebten 2016 in Einpersonenhaushalten (+10 Prozent gegenüber 1985). Besonders hoch ist die Zahl Alleinstehender bei Hochschulabsolventen. Single zu leben, muss man sich auch leisten können.

Single-Ratgeber

gibt es schon seit 1936. Unter dem Titel „Live alone and like it“ (Leb allein und genieße es) hat Marjorie Hillis, die damalige Herausgeberin der Vogue, Tipps für das Alleinsein gegeben. Ein zeitloses Thema, wie man sieht.

Datingportale

im Internet boomen. 2500 solcher Kontakthelfer gibt es im deutschsprachigen Raum. Dazu kommen Verkuppel-Apps für das Handy. Bei Tinder erfolgt die Partnersuche per Wischbewegung über das Profilbild.

3 Fragen an

Gertrude Maderthaner (klinische Psychologin und Psychoanalytikerin in Wien)

1. Heißt alleinstehend gleich bedauernswert?

Es ist zu unterscheiden, ob alleinstehend ein gewollter oder ungewollter Zustand ist und in welchem Alter dieser auftritt. Vorübergehend und freiwillig, kann er als sehr befreiend und wohltuend erlebt werden. Bei längeren Zeiträumen ist eine starke Persönlichkeit, ein hohes Maß an Selbsttätigkeit mit vielseitigen Interessen, günstig, um glücklich zu sein.

2. Kann der Mensch denn alleine sein?

Es hängt vom Menschentyp ab. Wenn wir vom Alleinsein sprechen, muss man dies von dem Gefühl der Einsamkeit unterscheiden, denn allein sein bedeutet nicht, dass man sich einsam fühlen muss. Man kann sich in einer Partnerschaft einsam fühlen, wenn eigene Gefühle keine Resonanz finden.

3. Tun sich Single-Frauen mit Kinderwunsch besonders schwer?

Insofern schwer, weil in unserer gegenwärtigen Gesellschaft gegenüber Frauen ohne Partnerschaft ein gewisser Druck zur Normierung auffällt. Es wird vor allem suggeriert, dass zu haben glücklich mache: Partner haben, Kind haben. In den Medien werden Hollywood-Stars mit einem luxuriösen Lebensstil vorgeführt. Wenn sich Frauen von dem Normierungsdruck befreien können, werden oft ungeahnte Potenziale freigesetzt, die eine andere Intensität, sich auf ihr Leben einzulassen, ermöglicht.

3 Fragen an Klaus Edlinger (seit mehr als 20 Jahren in der Männerberatung in Tirol tätig)

1. Können es Männer generell schlecht ertragen, Single zu sein?

Manch ein Mann fühlt sich ohne Partnerin schlichtweg nicht als ganzer Kerl. Sein Bild davon, wie die Welt zu sein hat, ist gestört. Bei vielen männlichen Singles entsteht daher das Gefühl, versagt zu haben. Übrigens kann das auch dann der Fall sein, wenn der Mann eine Beziehung selbst beendet hat.

2. Wie reagieren Männer, die nach Scheidung oder Trennung dann aber doch allein leben müssen?

Sie bleiben nicht lange solo, sofern nicht ohnehin eine andere Frau der Grund für die Trennung war. Single-Männer suchen relativ rasch nach einer neuen Partnerin. Das Internet hilft ihnen dabei. Klassische Singletreffpunkte wie den Stammtisch oder die berühmten Tanzveranstaltungen am Wochenende, bei denen sich früher einsame Herzen begegnen konnten, gibt es ja kaum noch.

3. Kommen Frauen ohne Partner besser zurecht?

Die Kinder bleiben meist bei den Müttern. Da fehlt den Frauen dann die Zeit für neue Beziehungen. Andererseits bleibt wenigstens dieser Teil ihres Lebens unverändert. Und das gibt auch Sicherheit. Männer müssen nach einer Trennung dagegen vieles neu beginnen: sich eine Bleibe suchen, einen Haushalt führen, ihre Kinder sehen sie nur noch selten. Das setzt ihnen zu.