Letztes Update am So, 15.10.2017 06:39

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Färöisch für Anfänger

Färöer machen jetzt mit ihrer Sprache Furore

Hey Google, warum übersetzt ihr eigentlich Amharisch (Äthiopien) oder Gujarati (Indien), nicht aber Färöisch? Weil es von zu wenigen gesprochen wird. Egal, die Einwohner der Färöer Inseln haben die Übersetzung wortwörtlich selbst in die Hand genommen.

Wasserfall - Fossur [ˈfɔsːʊr]

© Wasserfall - Fossur [ˈfɔsːʊr]



So charmant übersetzt kein Programm der Welt eine Sprache. Ein junger Mann steht auf einer einsamen Straße, an deren Bankett drei Schafe weiden, und dreht ein Handyvideo von sich selbst, bei dem er in seiner Landessprache sagt: „Hier sind so viele Schafe.“ Er ist Teil eines landesweiten Protests der Färöer Inseln gegen Google, weil der Konzern bei seinem Übersetzungstool Färöisch nicht berücksichtigt. Knapp 80.000 Menschen sprechen die vom Altnordischen abstammende Sprache, zu wenig für Google. Mit „Faroe Island Translate“ hat die Inselgruppe im Nordatlantik dank der Hilfe von Hobby-Übersetzern dreifach Erfolg. Erstens macht es Spaß, wenn man auf der Seite deutsche Sätze oder Wörter eingibt, das an eine Gruppe freiwilliger Färinger weitergeleitet wird und die innerhalb von wenigen Minuten ein Video mit der Übersetzung zurückschicken. Alle Videos werden in einer Galerie angezeigt und können jederzeit aufgerufen werden.

Zweitens ist es eine Marketing-Maßnahme, um den Tourismus des Landes anzukurbeln. Das hat schon vor einem Jahr funktioniert, als man einige Schafe des Landes mit Kameras ausstattete, damit diese wie bei Street-View die Insel abfotografieren.

Und drittens, das ist der ernste Hintergrund der Kampagne, befürchten die Einwohner der 18 Vulkaninseln, dass ihre Sprache wie bei so vielen anderen Inselsprachen vom Aussterben bedroht ist. Von den weltweit 7000 gesprochenen Sprachen könnte im kommenden Jahrhundert die Hälfte bereits verschwunden sein. Die Globalisierung und die automatischen Übersetzungsprogramme, bei denen die Minderheiten-Sprachen fehlen, verstärken diesen Trend. Würde Google Färöisch aufnehmen, was die Einwohner hoffen, wäre es auf ewig in den Datenbanken gespeichert.

Die vor wenigen Tagen vorgestellten Google-Kopfhörer können im Moment eben nur 40 Sprachen in Echtzeit übersetzen. Fujitsu hat gerade einen Sprachcomputer präsentiert, der wie ein Namensschild an der Kleidung getragen wird und ohne dass ein Knopf gedrückt werden muss, Stimmen automatisch erkennt und in Sekundenschnelle in einer anderen Sprache wiedergibt. Getestet wurde es in der Klinik von Tokio und vor allem soll es bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio zum Einsatz kommen, damit die Kommunikation mit den Touristen besser klappt. Der Computer kann nur Japanisch, Chinesisch und Englisch.

Bernhard Eberharter aus Schlitters lehrt am Institut für Translationswissenschaft der Uni Innsbruck, für ihn machen automatische Übersetzer ohnehin nur im Alltagsgebrauch Sinn. „Wenn man wissen will, was in der Speisekarte steht, reicht es aus“, sagt er. Eine „Übelsetzung“ kann man aber nie ausschließen. „Die menschliche Sprache ist zu komplex. Studien im Bereich der Translationswissenschaft und der Computerlinguistik zeigen deutlich, dass es noch viele Jahre keine perfekten Übersetzungsprogramme geben wird. Der Computer erkennt nicht die kulturellen Informationen und auch nicht die Emotionen“, sagt das Vorstandsmitglied bei Universitas Austria, dem Berufsverband für Übersetzen und Dolmetschen in Österreich.

Zurück auf die Färöer Inseln, wo Levi Hanssen, der für den Tourismusverband das Projekt initiiert hat, die Idee dahinter erklärt: „Um ein Gefühl für eine fremde Kultur zu bekommen, ist es immer von Vorteil, etwas in der lokalen Sprache sagen zu können. Viele Touristen sind enttäuscht, wenn sie feststellen, dass sie nicht ein paar einfache Worte per Google Translate übersetzen können.“ Wer braucht schon Google, wenn man die Einwohner persönlich fragen kann? Und bei einem ersten Versuch hat es auch auf Anhieb funktioniert. Eine junge Frau, die – es war ziemlich früh – so aussah, als sei sie gerade aufgestanden, hatte nach knapp zwei Minuten das Video fertig und hochgeladen. Dass man als Österreicher auf die 0:1-Niederlage der heimischen Fußballer 1990 gegen die Färöer eingeht, versteht sich fast von selbst. Deshalb übersetzt die Frau folgenden Satz von Deutsch auf Färöisch: „Liebe Leser der TT, schöne Grüße nach Österreich und hoffentlich sehen wir uns beim Fußball wieder.“ Vielen Dank – oder auf Färöisch: „Manga takk.“

Links zu Faroe Island Translate und Übersetzungsvideos

Gruß an die TT-Leser:

Schafvideo:

Wasserfallvideo: