Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 08.11.2017


Soziale Medien

„Lawinenabgang? Gefällt mir!“

Die Zahl der Facebook-Postings zu Lawinen hat letzten Winter zugenommen. Oft waren dabei Likes wichtiger als Infos. Das führt dazu, dass die Gefahr verharmlost wird, sagt eine Expertin.

© Symbolbild



Von Matthias Christler

Innsbruck – Ein schönes Abfahrtsfoto im staubenden Pulver – langweilig, hatte schon jeder! Um in sozialen Medien zu punkten, also Likes zu kassieren, muss man schon mehr liefern. Der Australier Tom Oye postete im Jänner auf Facebook ein Video von seiner Helmkamera, das zeigt, wie er von einer Lawine erfasst wird und überlebt. Eigentlich eine tolle Geschichte, wenn man es im richtigen Kontext sieht. Ohne Kontext, dafür aber von zehn Millionen Menschen gesehen und mit 56.000 Likes, zeigt es vor allem einen Trend der vergangenen Saison. Immer mehr Bergsportler veröffentlichten vor allem auf Facebook Fotos und Videos von „ihren“ Lawinenabgängen, noch mehr Personen gefällt das und sie kommentieren diese. Die Bergsteigerin und Online-Marketing-Expertin Riki Daurer aus Aldrans hat sich dazu die Frage gestellt, ob Lawinenereignisse so salonfähig gemacht werden? Ihr Resümee lautet: „Ja.“

Am Alpinforum wird sie ihre Recherchen präsentieren und sie möchte eine Diskussion über die sozial-mediale Verantwortung der Bergsportler anstoßen. Sie verglich die Postings und Kommentare in den sozialen Netzwerken vom Winter 2015/16 mit dem Winter 2016/17. „In der vergangenen Saison stieg die Anzahl von ,Lawinenpostings‘ signifikant an“, sagt die 38-Jährige, die den vergangenen „Social-Media-Winter“ in drei Phasen einteilt. Als der erste Schnee kam, wurden unzählige Powder-Fotos und -Videos gepostet, die sich schnell nicht mehr voneinander abhoben.

Ab Mitte Jänner folgte Phase 2, in der in Postings die Lawinensituation analysiert und diskutiert wurde, nicht immer nur durch Fachleute, sondern bereits mit persönlichen Angriffen in den Kommentaren.

Phase 3 folgte kurz darauf: Fotos und Videos von Lawinenanrissen, -abgängen und auch -unfällen wurden gepostet und die Beiträge bekamen Zuspruch durch Likes und Kommentare wie in keiner der anderen Phasen zuvor. Dieses Phänomen nennt sich Highlight-Content, das heißt der Inhalt erregte am meisten Aufmerksamkeit.

„Die Verfasser wollten unter Umständen aufklären oder für die Lawinensituation sensibilisieren und nicht nur Anerkennung und Aufmerksamkeit erhaschen. Zwar posten die meisten User als Privatperson, doch kommen ihre Beiträge oder Kommentare gut an und verbreiten sich schnell, werden sie bald zum Highlight-Content und bekommen einen Nachrichten-Charakter. Dafür sind sie dann wiederum zu unvollständig“, sagt Daurer. Doch nicht nur die Autoren, auch alle, die solchen Postings ohne nachzudenken mit einem „Daumen hoch“ ihre Zustimmung geben, tragen dazu bei, dass die Reichweite erhöht wird. Bei einem Video zu einem Lawinenabgang im Jänner in Österreich schrieb ein Nutzer: „Ich war dabei“, ergänzt mit einem Zwinker-Smiley. Was ein weiteres Problem sozialer Medien illustriert. Man weiß als Verfasser nicht, wie so ein Beitrag beim Leser ankommt. Meint er, dass der Lawinenabgang „cool“ war? Oder dass er froh war, dabei, aber nicht unter der Lawine gewesen zu sein? Auf jeden Fall wird durch den Smiley die Lawine verharmlost.

Diese nicht transparente Motivation des Kommentars ist nur ein Teil des Sender-Empfänger-Dilemmas. Davon betroffen sind aber nicht nur Laien, sondern auch etablierte Institutionen, wie Lawinenwarndienst oder Bergrettungen. „Am Berg sprechen nicht alle dieselbe Sprache. Auf Facebook geben eine Million deutsche und österreichische User ,Berg‘ als Interesse an, 185.000 ,Lawine‘, aber nicht jeder davon hat das Wissen, um Informationen und Postings zu Lawinen richtig zu lesen“, gibt Daurer zu bedenken. Die Bergrettung Salzburg zum Beispiel postet Unfälle und verfolgt die Diskussion danach weiter, greift ein, falls es zu Beschuldigungen oder Falsch­informationen kommt. „Das ist eine Herausforderung, auch zeitlich, aber so kann man Aufklärungsarbeit leisten.“

Daurer lässt offen, ob alpine Organisationen und Medien ihre Leser im Umgang mit sozialen Medien sensibilisieren sollen. Oder ob gar medien­ethische Richtlinien vorgegeben werden sollten. Prinzipiell ist das Ansinnen, auf Facebook zu posten, ein gutes, man möchte berichten oder dabei sein. Schnell kann aber daraus ein Wettbewerb um mehr Höhenmeter, das schönere Bild und mehr Likes und Fans werden. Die Inhaberin der Online-Marketing-Agentur alpinonline meint dazu: „Wir haben uns in eine Bewertungskultur begeben. Vom Kasknödel auf der Hütte angefangen wird alles bewertet und wir machen unseren sozialen Status bzw. Wert als Bergsteiger von Likes abhängig. Die Dynamik, die dadurch entsteht, ist uns meist nicht bewusst.“ Bekommt mein Foto von der Skitour nur drei und nicht 95 oder 1500 Likes, war mein Erlebnis dann nicht so viel wert? Und was bin ich bereit, das nächste Mal zu tun, um mehr Zuspruch zu erreichen?

Für Daurer haben die sozialen Medien einerseits das Bergerlebnis verändert, weil man auf der Jagd nach dem Facebook-tauglichen Foto anders am Berg agiert. Andererseits hat sich das Mitteilungsbedürfnis gewandelt. Hat man früher einen Lawinenabgang miterlebt, ging man selbstkritisch damit um und diskutierte nur mit den engsten Freunden darüber. Heute teilt man es mit der Welt.