Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 24.11.2017


Tourentipp

Ministersteig bei Reutte: Wandern im Reich der Hobbits

Abenteuer light: Wer über den Ministersteig bei Reutte bis zum Heiterwangersee wandert, muss keine Langeweile fürchten. Der Weg führt u.a. über eine Hängebrücke vorbei an Schluchten, Gumpen und Wasserfällen.

© SamDer Weg am Plansee ist ein Idyll.



Von Judith Sam

Reutte – Geheimtipp gefällig? „Wer ein kleines Abenteuer sucht, wo man Wasserfälle und eine Hängebrücke quert, an Schluchten und Gumpen vorbeispaziert, dem empfehle ich die Stuibenfälle“, sagt Hermann Ruepp. Der Obmann der Naturparkregion Reutte gerät ins Schwärmen, als er vom Minister- und Hermannsteig erzählt – den zwei Pfaden, auf denen man die Stuibenfälle umrundet: „Die Wege sind ein Kleinod, die früher oft vom Regen zerstört wurden.“

1999 spülten Wassermassen den Ministersteig, der hinter dem Metallwerk Reutte beginnt, zuletzt weg. „Um diesem Problem ein Ende zu setzen, wurden 2004 für 100.000 Euro Stege sowie eine Hängebrücke errichtet“, weiß Ruepp.

Wir haben die Wanderung am Wochenende gemacht, das Gehen auf den verschneiten Wegen war kein Problem.

Vier Stunden dauert die Wanderung insgesamt – man passiert u.a. die Archbachschlucht.
- Sam

So kommt man hin: Ebenso abenteuerlich wie der Steig ist der Weg zum Parkplatz. Von Reutte kommend fährt man zum Metallwerk Plansee. Im Grunde ganz simpel – aber weil die schmale Zufahrtsstraße mehrere hundert Meter weit am Werk entlangführt, drängt sich der Eindruck auf, man befahre Privatgelände. Doch keine Sorge – hat alles seine Richtigkeit. Am Ende des Werksgeländes befinden sich neben einem Umspannwerk kostenlose Parkplätze.

Nach wenigen Metern bachaufwärts kehrt man dem industriellen Flair den Rücken und taucht in die wilde Natur ein – Dutzende kleiner Wasserfälle plätschern in türkisblaue Gumpen. Eine filmreife Kulisse, in der es nicht erstaunen würde, wenn ein paar Hobbits, wie aus dem Film „Herr der Ringe“, vorbeisausen.

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Den Track für die Tour finden Sie unter www.tt.com/lebensart oder direkt unter http://bit.ly/2mTwiRU

Genug geschwärmt. Nach wenigen Metern gabelt sich der Weg – in Minister- und Hermannsteig. Die Wahl fällt auf Ersteren, weil man dort nach einem kurzen Aufstieg mit dem Blick auf die „Highline 179“, der längsten Fußgängerbrücke der Welt, und das Ruinensemble Ehrenberg belohnt wird. Damit nicht genug: Der Pfad führt an der Arch­bachschlucht entlang – wo sich im Sommer Sportler beim Canyoning einen 45 Meter hohen Wasserfall hinabstürzen. Gruselig.

Etwas Mut bedarf es auch, wenn man nach 30 Minuten Fußmarsch die Hängebrücke passiert. Eine stabile Angelegenheit. Und trotzdem schwankt sie bei jedem Schritt. Nichts für Höhenängstliche.

Ebenso wie die Staumauer des Plansees, die man bald darauf überquert. Diese „zähmt“ die Wassermassen des drei Quadratkilometer großen Gewässers. Keine Sorge – man muss den zweitgrößten See Tirols nicht umrunden, nur 50 Minuten an ihm entlanggehen, bis man den Heiterwangersee erreicht.

Auf dem Weg warten viele Steinmandln.
- Sam

Der Trampelpfad, der an ihm entlangführt, lohnt sich besonders für eine kleine Wanderung – wegen der kanadisch anmutenden, rauen Landschaft und der Ruhe. „Zum See dringt kein Verkehrslärm vor. Man hört nur das Knirschen des Schnees unter den Schuhen“, schildert Birgit Hauser-Bunte vom „Fischer am See“. Das Hotel an der Seespitze, das Mitte Dezember in die Wintersaison startet, bietet sich an, frisch zubereiteten Fisch aus dem See zu essen, bevor man den Rückweg der Wanderung antritt.

Der Betrieb, der vor 90 Jahren nur aus einer kleinen Fischerhütte bestand, wird heute in der fünften Generation geführt. Dass das Hotel noch steht, ist laut Heiterwangs Bürgermeisterin Beate Reichl einer Resolution der Heiterwanger zu verdanken: „1927 plante eine deutsche Finanzgruppe, den Wasserspiegel des Sees um 49 Meter anzuheben, um ein Elektrizitätswerk zu errichten. So wäre nicht nur das Hotel, sondern der Großteil des Ortes überflutet worden.“

Die Kapelle Frauenbrünnele.
- Sam

Ein Glück, dass sich die Heiterwanger erfolgreich dagegen gewehrt haben. Andernfalls würde es wohl Stunden dauern, den vergrößerten See zu umrunden. So ist man in 90 Minuten herumspaziert und erreicht wieder den Plansee, von dem aus man den Rückweg zum Parkplatz über einen der beiden Steige antritt.

Doch Achtung: Während man den Ministersteig, den Hermannsteig und die Passage entlang des Plansees ganzjährig begehen kann, ist der Weg auf der Schattenseite des Heiterwangersees im Winter gesperrt – wegen Lawinengefahr. Der Weg auf der Sonnenseite bleibt offen – außer bei extremen Schneelagen.

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