Letztes Update am Mo, 04.12.2017 08:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bergsteigen

Billi Bierling: Die Datensammlerin vom Himalaya

Billi Bierling ist Bergsteiger-Insiderin hinter den Kulissen. In Nepal hat die Garmischerin still und leise das Erbe der legendären Miss Elizabeth Hawley angetreten: Sie dokumentiert die Gipfelstürme.

Barbara "Billi" Bierling kommt nur selten nach Hause nach Garmisch. Seit 13 Jahren verbringt sie die Bergsteigsaison in Nepal.

© TT/Thomas BöhmBarbara "Billi" Bierling kommt nur selten nach Hause nach Garmisch. Seit 13 Jahren verbringt sie die Bergsteigsaison in Nepal.



Theresa Mair

Mit den Achttausendern ist Billi Bierling noch nicht fertig. Fünf der höchsten Gipfel der Welt hat die Garmischerin schon erklommen, zwei würde sie noch gern besteigen. „Dann hab ich sieben, die Hälfte. Aber ich sag dir jetzt, wenn ich auf keinen mehr geh, dann ist mir das auch recht“, sagt sie, die in nepalesische Strickpatschen gepackten Füße auf dem Sofa, eine filigrane Kaffeetasse in der sehnigen Hand.

Ihr Gesicht erzählt, auch ganz ohne Worte, Geschichten von Wind, Schnee und Eis, den Strapazen am Berg. Bierling war die erste Deutsche, die den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest, über die Südroute bezwang. Durch die Balkontür sieht man die Alpspitze, dahinter schemenhaft die Zugspitze. „Das wäre mir auch recht“, kommt es knapp aus einer Wohnzimmerecke.

Mama Irene sitzt da, 84 Jahre alt, Bierlings selbst ernannte PR-Managerin und eine der wenigen, die sie noch Bärbel nennt. Sie schenkt Kaffee nach, verfolgt aufmerksam das Geschehen. „Und ruft alle Zeitungen an, wenn ich wieder auf einem Achttausender war.“ Ein kleiner Seitenhieb auf die stolze Mama, der es anzumerken ist, dass es ihr dann doch oft lieber wäre, die Tochter würde am Boden bleiben.

Es ist einer der seltenen Momente daheim in Garmisch. Bierling hat noch ein Dachzimmer in dem Viermäderlhaus, das sie mit Mutter, Tante und Schwester teilt. Vor 30 Jahren verließ sie das Nest, ging zuerst nach München, dann nach London, war dann Radiojournalistin in der Schweiz. Im Sommer ist Bierling 50 geworden und bereits seit 13 Jahren quasi Saisonarbeiterin in Nepal, Kathmandu.

Bierling und Miss Hawley.
Bierling und Miss Hawley.
- Billi Bierling

Mit dem Clipboard nach Nepal

Die 14 Achttausender lassen sie seither nicht los, auch wenn sie selbst nicht am Gipfel steht, sondern „wie die Wilde“ mit dem Mountainbike durch das chaotische Kathmandu düst. „Ich will nicht alle 14 machen. Ich bin nicht gut genug und nicht reich genug. Ich hab am K2 nichts verloren, am Kangchendzönga auch nicht. Die Annapurna würd’ ich nie gehen, ist gefährlich. Die sind alle irgendwie gefährlich, aber Radlfahren in Kathmandu ist auch gefährlich“, sagt sie und macht es trotzdem. Sie hat in dem Großstadtchaos nämlich eine ehrenvolle Aufgabe übernommen.

Vor 13 Jahren schrieb Billi Bierling einen Brief an die legendäre Himalaya-Chronistin Miss Elizabeth Hawley. „Ich habe mir gedacht, ich will in Nepal leben. Ich habe sie gefragt, ob sie Hilfe braucht, und nicht damit gerechnet, dass sie mir antwortet.“ Doch Miss Hawley antwortete. „Ich soll mich melden, wenn ich da bin, und ein Clipboard mitbringen.“

Das war 2004 und wenn man Bierlings Geschichten über die aufbrausende Miss Hawley lauscht – sie warf schon einmal die Computertastatur nach Bierling, wenn diese ihr eröffnete, dass sie wieder auf Expedition geht –, dann grenzt es an ein Wunder, dass sie nicht das Weite suchte. Zumal sie auch nur in der ersten Saison Geld bekam, danach nie wieder. „Sie ist eine schwierige Person, sie schreit sehr schnell. Für sie war unsere Arbeit in Kathmandu. Die Tatsache, dass ich auch in den Basecamps Interviews machte, konnte sie nicht verstehen. Aber ich ging ja nicht zum Fischen nach Fidschi.“ Inzwischen sei ihr die störrische Lady aber ans Herz gewachsen. „Ich bin geblieben, weil mich die Arbeit fasziniert hat und weil sie mich vielleicht auch faszinierte.

Ich glaube, wenn sie nicht mehr da ist, dann geht mir wirklich was ab in Nepal“, sagt Bierling, die, wenn sie in Kathmandu ist, die 94-Jährige täglich besucht.

Die Amerikanerin kam Ende der 1950er-Jahre für die Nachrichtenagentur Reuters nach Nepal und sie blieb, als sich das Land dem Westen öffnete. 1963 interviewte Hawley die erste US-Expedition auf den Everest. Das war der Anfang der Himalayan Database. Von da an jagte die in Bergsteigerkreisen hoch respektierte Lady, die selbst nie auf einem Berg war, allen Expeditionen hinterher.

Hawley telefonierte die Trekkingagenturen durch, fing die Bergsteiger vor der Abreise im Hotel oder am Flughafen ab und notierte alle Daten akribisch in Formularen.

Wer brach wann auf welchen der 455 Expeditionsgipfel in Nepal auf? Welche Route wurde genommen? Wer erreichte den Gipfel? Welche Sherpas waren dabei? Wann und warum musste wer umkehren? All das interessierte Miss Hawley.

„Es gibt Gerüchte, dass Miss Hawley ein Verhältnis mit Edmund Hillary hatte (Anm.: Everest-Erstbesteiger 1953). Und dass sie das deswegen macht. Das glaub’ ich inzwischen nicht mehr. Die hat einfach als Journalistin angefangen“, sagt Bierling. Wenn man hingegen Elizabeth Hawley frage, warum sie das alles gemacht hat, dann sage sie, dass sie beende, was sie angefangen habe.

So wie beim Essen: „Unlängst fragte ich sie, ob ihr das immer gleiche Dinner nicht langsam auf die Nerven gehe. Sie meinte: ,No, but I‘m starting to get bored with my breakfast.’ Seit 92 Jahren isst die Dame jeden Morgen eine zerdrückte Banane.“ Bierling lacht lauthals. Wenn sie Miss Hawley wiedergibt, dann immer auf Englisch.

Zehn Jahre hat es gedauert, Miss Hawleys handschriftliche Aufzeichnungen zu digitalisieren. Doch die Zeiten im Himalaya haben sich geändert. Es ist unübersichtlich geworden in den Bergen. „Wir haben eine Liste mit 150 Trekkingagenturen, inzwischen gibt’s wohl 1000 Agenturen, also wir kommen eigentlich gar nicht mehr mit“, sagt Bierling.

Will heißen: Es rutschen – selten, aber doch – Expeditionen durch, die von Bierling und ihren drei Datensammler-Kollegen nicht erfasst werden. „Früher, wenn ich da eine Expedition verpasst hab, war das ein Unding.“ Heute kontaktiert sie die Leute, die ihr durch die Lappen gehen, über E-Mail oder WhatsApp, bittet zwei-, dreimal um ein Interview, insistiert aber nicht.

Inzwischen gibt es den Fragebogen auch online. Gipfelbilder und GPS-Daten interessieren sie weiterhin nicht – die kann man fälschen. „Es zählt das Wort.“ Da kann man auch lügen. „Wir werden auch kritisiert dafür, aber ich kann nicht bestätigen, ob der Hans Dampf jetzt da am Gipfel vom Dhaulagiri I war oder nicht. Ich spreche nur mit ihm.“ Wenn sich dann doch Zweifel auftun, andere Bergsteiger nicht bestätigen können, ob derjenige am Gipfel war oder nicht, bekomme der Eintrag halt ein „disputed“ – umstritten. „Wir sind eine Datenbank und keine Zertifizierung.“ Basta.

In den vergangenen 13 Jahren hat sich die Zahl der Bergsteiger vervielfacht. Vor allem sei alles viel schneller geworden. „Da macht man schnell den Manaslu und geht noch schnell zum Makalu rüber und zum Everest und weiß eigentlich schon gar nicht mehr, wo man im Land ist.“ Aus den Gipfelstürmern von einst sind die Rekordjäger von heute geworden. „Das nimmt überhand. Jeder will der Erste sein. Mei, ich sag’: Leben und leben lassen. Ich will eigentlich keinen kritisieren, aber ich seh’ schon, dass der Berg teilweise im Hintergrund steht und der Ruhm im Vordergrund.“

Von Eltern kämen sogar Anfragen, ob ihr Kind das jüngste am Gipfel wäre, wenn es jetzt auf diesen oder jenen Achttausender aufbrechen würde.

Da tut es Bierling gut, in der Nebensaison aus dem Bergsteiger-Mikrokosmos auszubrechen. Bis zum März, bevor die Everest-Saison beginnt, arbeitet sie für die humanitäre Hilfe der Schweiz – auch in Krisengebieten. „Das finde ich spannend und es ist ein guter Ausgleich.“

Nebenbei schreibt und übersetzt sie Bücher ins Englische – z.B. von Reinhold Messner oder Gerlinde Kaltenbrunner. Die Übersetzung des letzten Buches von Ueli Steck erscheint 2018. Da will sich die neue Himalaya-Chronistin auch mit dem nächsten Achttausender, den Dhaulagiri I, versuchen.