Letztes Update am Do, 07.12.2017 15:28

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Weihnachten

Tiroler Handel: Der große Stress vor dem Fest

Alle Jahre wieder – ist vor Weihnachten die Arbeitsbelastung so groß wie sonst nie. Produzenten und Handel stehen im Dauereinsatz. Ein Stimmungsbild.

© TT/Thomas Böhm



Von Markus Schramek

Weihnachtszeit. Eine stille Zeit? Längst nicht mehr. Vor dem 24.12. macht sich Hektik breit, eine Torschlusspanik zum Heiligen Abend. Besonders stark ist der Handel betroffen. Das Weihnachtsgeschäft entscheidet über Wohl oder Wehe des Geschäftsjahres.

Die Arbeitstage sind lang. Im Kaufhaus Tyrol in Innsbruck beginnen sie um 5.45 Uhr. Da öffnet das große Einfahrtstor in der Erlerstraße. Im Minutentakt rollen Lastwagen heran. 50 Geschäfte wollen beliefert werden. Sind alle Laderampen im Bauch des Shoppingcenters besetzt, müssen ankommende Fahrer draußen warten.

So wie Sandu Rascol. Der Rumäne arbeitet seit drei Jahren für einen Paketdienst. Deutsch bereitet ihm noch Probleme, also verständigt sich Sandu auf Englisch. Die Belieferung des Großkaufhauses ist aber ohnehin eine internationale Angelegenheit.

Viele Fahrer stammen aus der Türkei. Security-Mitarbeiter Mohammed Khalid Hussein ist Iraker. Er weist den Fahrern Parkplätze zu und checkt die Lieferscheine.

Ständig die Uhr im Blick

Erkan Uysal verliefert 300 Pakete pro Tag. Zwei Fuhren in seinem Keintransporter sind das, deutlich mehr als im restlichen Jahr. Der Zeitdruck ist groß. Mehrmals klingelt Erkan im Lager eines Textilgeschäfts, bis ein Mitarbeiter erscheint und Pakete übernimmt.

Erkan Uysal stellt 300 Pakete pro Tag zu. Zweimal füllt er dazu seinen Klein-Lkw.
- Michael Kristen

Im Shoppingbereich des Tyrol nimmt das Tagesgeschäft inzwischen Fahrt auf. „Vor Weihnachten geht es rund“, schildert Dagmar Lukas den aktuellen Arbeitsanfall. Sie leitet ein Café-Restaurant im Untergeschoß des Kaufhauses.

Sprachenvielfalt herrscht auch hier. Italiener, Briten, Schweizer, Einheimische: Sie alle stärken sich, ehe sie in den Shoppingtrubel zurückkehren. Dagmar liebt das Weihnachtsgeschäft. „Wir machen um 30 Prozent mehr Umsatz“, sagt sie. Aushilfskräfte werden angeheuert, um das Team zu unterstützen.

Personelle Verstärkung würde sich auch Sabine wünschen. Sie ist im Lebensmittelhandel tätig. Die Weihnachtszeit ist für sie und ihre Kolleginnen (meist sind es Frauen) keine einfache. Es kommt häufig vor, dass Teilzeitkräfte länger arbeiten müssen als die vereinbarten 20 Stunden. Da wird es schwer, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Krankenstände häufen sich in dieser stressigen Zeit. Sie müssen ebenfalls vom regulären Personal aufgefangen werden.

Gastronomin Dagmar Lukas mag den Weihnachtstrubel trotz der vielen Arbeit.
- Michael Kristen

Dazu kommt noch der Konkurrenzdruck im Lebensmittelhandel. „Ständig werden Aktionen geschossen“, formuliert es Sabine. Sie meint damit, dass Kunden durch spezielle Rabatte zusätzlichen Einkaufsanreiz erhalten. Die dafür nötigen Waren müssen geliefert und ausgepackt werden, und schließlich ist dann auch noch der Kundenansturm zu bewältigen.

Weihnachten soll ja auch kulinarisch Freude bereiten. Da ist die Nahrungsmittelproduktion gefordert. Beim Fleisch- und Wurstgroßproduzenten Hörtnagl in Hall verdoppelt sich der tägliche Ausstoß. Geschäftsführer Hans Plattner nennt Beispiele aus der vorweihnachtlichen To-do-Liste seiner 170 Mitarbeiter: „Täglich verarbeiten wir 10 Tonnen Fleisch und stellen 25.000 Paar Frankfurter her.“ Die einfache „Nudelsuppe mit Würstl“ ist am Heiligen Abend ein Klassiker. An den Folgetagen wird dann zu edleren Fleischteilen gegriffen: Lungenbraten, Tafelspitz, Filets.

Damit die Esstische zu den Feiertagen gut bestückt sind, arbeiten die Metzger auf Hochtouren.
- Michael Kristen

Wer sich in der Haller Produktionsstätte umsieht, erhält eine Ahnung vom hohen Level unserer Konsumgesellschaft. High-Tech-Maschinen sorgen dafür, dass der Fleisch- und Wurstvorrat nicht ausgeht. Hygiene und Sauberkeit haben oberste Priorität. Die Behörden prüfen häufig und unangemeldet. Besucher werden von Kopf bis Fuß in Einwegkleidung gesteckt, ehe man sie durch eine Schleuse führt, in der sie „desinfiziert“ werden. Drinnen sind etliche Metzger mit dem Zerlegen von Schweinehälften beschäftigt. Nach wenigen Handgriffen sind die mehr als 30 Kilo schweren Fleischstücke für die Weiterarbeit zerkleinert.

Verpackt und bereit

Regale voll behangen mit Wurst und Speck stehen in Reih und Glied. Am Ende der Produktionskette werden die Waren vollautomatisch portioniert, verpackt und für die Auslieferung – in den Handel oder in eine der 17 hauseigenen Filialen – fertig gemacht.

Ja, und dann ist Heiliger Abend. Da gönnt man sich zum Essen vielleicht auch ein gutes Glas Wein. Edle Tropfen sind zum großen Fest gefragt wie sonst nie. Weinhändler Alexander Gottardi verzeichnet im Advent den stärksten Umsatz. Tausende Weinkartons verlassen sein Haus, um noch rechtzeitig zum großen Fest einzutreffen.

„Prost!“, kann man da nur noch sagen. Und hoffentlich frohe Weihnachten.




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