Letztes Update am Do, 07.12.2017 12:35

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Andrea Berg im Gespräch: „Wie Gummibärchen für die Seele“

Andrea Berg eröffnete vor 16.000 Zusehern die Wintersaison in Ischgl. Zuvor gab die Schlagerkönigin der TT ein Interview, das sie zu Tränen rührte.

© BaumannBeim Interview mit der TT wirkte Andrea Berg nachdenklich. Keine Spur davon auf der Bühne.



Wie fühlt es sich an, wenn Sie durch Ischgl gehen und Ihre Hits aus den Lokalen schallen?

Ich bin in den letzten Jahren öfters durch den Ort spaziert – in Pudelmütze und Skibrille –, habe auf Bänken in Après-Ski-Lokalen getanzt, „Hey, wir wolln’ die Eisbären sehen“ gesungen und mitgefeiert. Die Menschen hier sind so losgelöst vom Alltag, voller Freude am Feiern und es spielt keine Rolle, woher du bist, wer du bist oder was du hast.

Wenige Stars dürften sich so unmittelbar mit ihren Fans vergnügen.

Ich ziehe Kraft daraus, ich selbst sein zu dürfen. Wie sonst soll sich die Seele ausruhen? Ich fühle mich zuhause, wo ich von Menschen umgeben bin, wo ich mich nicht hinterfragen muss. Wer mich nicht mag, der muss mich ja nicht ansehen. Im Fernsehen etwa. Wer meckert, soll seine Fernbedienung nehmen und umschalten. Dafür muss man heutzutage nicht mal mehr aufstehen. Kritik ist zwecklos. Nach 25 Jahren gilt einfach: Ich kann’s nicht besser.

Treten Sie darum auch auf Facebook so natürlich auf – ohne Make-up, mit Brille und bei Alltagstätigkeiten?

Ich finde es schön, wenn Leute online Anteil nehmen. Neulich habe ich Christstollen gebacken und Fotos davon hochgeladen. Daraufhin haben meine Fans auch angefangen zu backen. Klasse, dass uns das verbindet.

Bei dieser engen Fan-Bindung ist es kein Wunder, dass Sie es ihnen überlassen haben, 25 Ihrer Lieder auszuwählen, die auf dem Jubiläums-Album erschienen sind. Hat Sie das Ergebnis der Wahl überrascht?

„Da wo ein Engel die Erde berührt“ – das ist das einzige Lied, das ich nicht ausgesucht hätte. Da erkennt man, dass Menschen eine emotionale Verbindung zu den Liedern haben. Das ist vielleicht das Besondere, dass die Fans auf meine Musik nicht nur feiern, bis der Arzt kommt, sondern auch, wenn sie Hoffnung brauchen, in Andrea Berg was finden. Wie Gummibärchen für die Seele.

Sie beziehen Trost aus Ihrer Familie – mit der Sie ein Hotel in Baden-Württemberg betreiben. Bedeutet diese Arbeit Stress neben der Musik oder hilft es, nach Auftritten nicht in ein emotionales Loch zu fallen?

Es hilft, dass ich ein richtiges Leben habe, nicht nur von Auftritt zu Auftritt in dieser Schein- oder Parallelwelt lebe. Ich habe zuhause alles, was dazugehört – mit Familie, Geschäft, Tieren. Ich bin die meiste Zeit beschäftigt, das alles zu organisieren. Wenn ich ein Konzert habe, dann ist es – man könnte sagen – ein Hobby. Vielleicht ist das der Trick, warum nach 25 Jahren noch das Feuer brennt.

Stimmt es, dass Ihre Tochter Ihre größte Kritikerin ist?

Lena ist 19 und sehr ehrlich zu mir. Sie hat das Auge und Ohr einer anderen Generation, reflektiert die Dinge und kann sie wunderbar transportieren.

Was reklamiert Ihre Tochter so?

Oft die Outfits. Und ich habe ja ein bisschen Spiritualität, die die Menschen von mir auch durchaus erwarten – dass ich sie emotional in den Arm nehme. Das geht meiner Tochter teils zu weit. Aber ich denke, für die Menschen, die das in mir suchen, ist das durchaus wichtig.

Ist ein Beispiel für diese Spiritualität, dass Sie die Stimme Ihres 2011 verstorbenen Vaters gehört haben, als Sie im Vorjahr bei einem Feuer auf der Bühne verletzt wurden?

Ja, aber es geht darüber hinaus. Ich habe immer geglaubt – und heute weiß ich –, dass es da etwas gibt, dass dich im entscheidenden Moment durch Situationen trägt. Bei mir ist das der liebe Gott. (Berg laufen Tränen über die Wange, als sie diese Frage beantwortet.)

Was sagte Ihnen die Stimme Ihres Vaters auf der Bühne?

(Sie wischt die Tränen weg.) Würden Sie bitte gleich die nächste Frage stellen?

Natürlich. Ganz anderes Thema: Haben Sie die Ischgler Pisten heuer genutzt, um Ski zu fahren?

Ich habe mir letztes Jahr den Fuß gebrochen – allerdings auf der Bühne. Skifahren wäre leider zu gefährlich. Aber den Einkehrschwung, den beherrsche ich, das können Sie mir glauben!

Apropos Après-Ski: Wie schaffen Sie es, dass keine Monotonie aufkommt, wenn Sie Ihre Lieder hundertfach singen – bei Konzerten und privat beim Feiern? Bestes Beispiel: „Tausend Mal belogen“.

Die Energie dieses Songs ist großartig und wie die Menschen sie aufsaugen. Ich weiß noch, als ich den Text dazu geschrieben habe: Ich war auf der Autobahn, mein Papa ist gefahren. Ich war da selbst gerade in so einer Beziehungskiste. Wenn ich höre, wie die Menschen heute, nach all den Jahren, mit mir meine Geschichten singen – diese Euphorie – das Gefühl dabei wird für mich nie abstumpfen!

Das Interview führte Judith Sam




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