Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.12.2017


Exklusiv

100 Jahre Huberbuam: „Begriffen, wie Brudersein funktioniert“

Der Name Huber steht im Klettern vor allem für zwei Deutsche. Heute feiert Alexander seinen 49. Geburtstag und zusammen mit Thomas (51) ergibt das einen runden 100er für die „Huberbuam“.

© HuberBuam



Thomas und Alexander, empfinden Sie Dankbarkeit, den gemeinsamen Hundertsten überhaupt erleben zu dürfen?

Thomas Huber: Ja. Dass ich hier sitzen darf, ist bei mir nicht so selbstverständlich, nach meinem Schädelbruch vor eineinhalb Jahren, als ich daheim am Brendlberg 16 Meter in die Tiefe gerauscht bin. Da ist sehr viel Demut und Dankbarkeit dabei. Bei mir hat sich dadurch vieles relativiert. Natürlich bin ich immer noch Kletterer und habe viele Träume. Aber ich spüre einfach auch Glück, dass ich gesund bin und noch gehen kann.

Alexander Huber: Glück hatten wir beide oft, und dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin mal im Yosemite Valley schwer abgestürzt, gar nicht mal beim Klettern, nur bei Dreharbeiten, ziemlich weit runter ging es da aber auch. Ein Moment, wo mir die Kontrolle über den Ablauf der Dinge entglitten ist. Und so etwas ist immer fatal.

Im Film sagen Sie, Thomas: „Wenn die Zeit kommt, dass du von dieser Welt gehst, dann kommt sie." Klingt fatalistisch. Warum lassen Sie es nicht sein, das Schicksal herauszufordern?

Thomas: Dann würde ich aufhören zu leben. Ich habe nach vielen Stürzen gemerkt, dass das Leben so wertvoll ist und du achtsam sein musst. Aber auch mutig. Es obliegt ja alleine mir, wohin ich gehe und ob ich zu weit gehe. Wenn die Gier größer ist, dass ich einen Gipfel unbedingt besteigen möchte, dann kann es sein, dass ich nicht mehr zurückkomme.

Thomas und Alexander Huber haben in den Bergen viel gemeinsam erreicht. Doch bei ihren Projekten prallen auch zwei Philosophien aufeinander.Fotos: HuberBuam
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Wie wägen Sie denn ab, welche Wand und welchen Berg Sie sich zumuten können? Ist das beim Klettern die große Kunst, die richtige Mischung zwischen Gefühl und Verstand zu finden?

Thomas: Ohne es werten zu wollen, ob das eine schlecht oder das andere gut ist, wir haben unterschiedliche Herangehensweisen. Bestes Beispiel: Die Nordwand des Latok I im Karakorum, den ich mit meinem Bruder besteigen wollte und der für mich immer noch ein Ziel ist. Aber der Alexander ist ein klarer, intellektueller Kopfmensch. Der wägt ab und sagt: Das ist wahrscheinlich nicht möglich und deswegen wird nicht gegangen.

Alexander: Das stimmt so nicht. Natürlich ist auch so eine Wand möglich. Aber mir war es einfach zu gefährlich, deswegen habe ich mich dagegen entschieden, weil ich es nicht verantworten kann.

Sagt das dann der Bauch oder der Kopf?

Alexander: Erst schau' ich mir die Informationen an, die mir der Berg gibt. Wie schaut die Wand aus, wo sind die Gefahren, was kann ich beeinflussen, was nicht. Basierend auf dieser rationalen Ebene treffe ich eine Entscheidung, die letztlich immer emotional ist. Was sonst? Es gibt beim Klettern ja keine Rechenformel, die mir das Ergebnis XY ausspuckt.

Thomas: Bei all den Diskussionen um den Latok habe ich endlich begriffen, wie unser Brudersein funktioniert. An diesem Berg hatten der Alexander und ich keine Schnittmenge mehr. Aber bei den Erwartungen, die wir beide gegenseitig voneinander haben, brauchst du so eine Schnittmenge. Ist sie vorhanden, sind wir stärker als alle anderen. Ist sie aber nicht mehr da, schwächen wir uns nur gegenseitig, sind wir verletzbar. Gerade weil wir Brüder sind. Das habe ich aus dem Latok gelernt. Dass wir uns gegenseitig ziehen lassen müssen.

Haben Sie die Auseinandersetzungen auch näher zusammengebracht?

Alexander: Nahe waren wir uns schon immer, unabhängig davon, ob man gemeinsam einen Berg macht oder nicht. Gerade beim Latok, das gebe ich gerne zu, da bin ich der Angsthase. Da sind Séracs, also Gletscherabbrüche, und das sind für mich unkontrollierbare Gefahren.

Thomas: Séracs sind da keine. Nicht da, wo ich hochgehe.

Alexander: Ist jetzt auch wurscht. Ich habe davor Angst und möchte mich dieser Gefahr nicht aussetzen. Dann braucht der Thomas eben einen anderen Partner, das ist auch völlig in Ordnung.

Thomas: Unsere Konflikte hatten wir in dieser Intensität auch nur, gerade weil wir uns emotional so nahestehen. Deswegen hat sich viel hochgeschaukelt, waren wir beide verletzt. Ich habe gelernt, dass ich bei meinen Plänen nicht den Alexander fragen muss, nur weil er mein Bruder ist und wir die gleiche Leidenschaft teilen. Die erste Instanz sind nur vier Menschen. Meine Frau und meine drei Kinder.

Spüren Sie denn jetzt mit rund um 50 die eigene Endlichkeit, und dass vieles nicht mehr geht wie früher?

Alexander: Mitte der Neunziger hatten wir unser maximales Level erreicht. Heute haben wir diese Kraft und dieses Niveau wie damals nicht mehr. Es sind mehr die längeren Ausdauergeschichten, die wir in unserem Alter noch angehen.

Thomas: Ich bin mir sicher, wenn wir zwei ein Jahr intensiv trainieren würden, könnten wir nochmal den Speed-Rekord an der Nose am El Capitan brechen. Die Frage ist nur: Ist es das wert? Unser Papa ist 78 und klettert immer noch und hat noch einige Zettel, auf die er seine Ziele geschrieben hat, auch wenn er immer mehr Ziele einklammert, weil er merkt, es geht nicht mehr.

Und was haben Sie noch auf Ihren Zetteln stehen?

Thomas: An die 100 Projekte, die ich gern mit dem Alexander machen würde und von denen wir vielleicht zehn schaffen.

Alexander: Auch wenn bei mir eben nicht mehr so riskante Sachen auf dem Zettel stehen. Schon anspruchsvolle Routen mit hohen Schwierigkeiten auf ausgesetzte Pfeiler etwa. Aber nicht mehr so den Gefahren ausgesetzt. Es ist ein Geschenk, dass es all die Jahre so gut gegangen ist. Da waren Ziele dabei, bei denen ich sage: Genial, dass ich sie gemacht habe. Aber ganz so scharf brauche ich sie nicht mehr.

Thomas: Bei mir ist da noch ein bisserl mehr Entdeckerdrang dabei. Ich möchte nicht sagen, dass ich gefährlichere Sachen angehen mag als du, da widerspreche ich dir.

Alexander: Das habe ich gar nicht gesagt.

Thomas: Du hast schon gesagt, dass du nicht mehr so riskante Sachen wie den Latok angehen magst. Und ich sag', wenn du 100 Prozent auf mich vertrauen würdest, Alexander, ich würde dir versprechen, der Latok ist machbar und lösbar.

Alexander: Das wünsche ich dir auch. Nur ich mach' halt nicht mit. Das bleibt so und macht ja auch nix. Sind einfach verschiedene Einschätzungsweisen. Ein Berg ist ja nichts Objektives. Das, was wir da sehen, ist nur unser Denken, das wir hineinprojizieren. Ein Berg ist einfach ein Riesending. Und für jeden anders.

Thomas: Was für uns beide gleich gilt, ist, dass wir demütig sind und dankbar für die Zeit, die wir bisher leben durften. Und jetzt schauen wir, wie's noch wird und was noch kommt.

Das Gespräch führte Florian Kinast

Infos zu den “Huberbuam“ und ihrer Doku

Kletterprofis. Thomas (51) und Alexander Huber (49) leben mit ihren Familien im Berchtesgadener Land, dem deutschen Landkreis, der zwischen Tirol und Salzburg liegt. Als Kletterer sind die „Huberbuam" inzwischen eine bekannte Marke.

Doku. Servus TV produzierte die Dokumentation „100 Jahre Huberbuam — Bluad is dicker wia Wossa". Den Film findet man in der Mediathek von Servus TV oder unter diesem Link