Letztes Update am Do, 28.12.2017 08:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Chaletdörfer: Hier verschmelzen Tradition und Moderne

Sie schießen wie Schwammerln aus dem Boden, brauchen aber deutlich mehr Platz: Chaletdörfer liegen ganz im touristischen Trend. Der Aufenthalt in den luxuriösen Häusern lässt keinen Wunsch offen. Trotzdem sieht das Konzept nicht jeder positiv.

© Alpenchalets Obholzer Ein Traum aus Holz und Schnee: In den Alpenchalets Obholzer im Kühtai kostet eine Nacht für vier Personen zwischen 390 und 620 Euro.



Von Judith Sam

Was haben arme Senner aus dem 18. Jahrhundert mit wohlhabenden Urlaubern des 21. Jahrhunderts gemeinsam? Sie bewohnen Chalets. Ursprünglich verstand man unter diesem Begriff nämlich schlichte Hütten, die Senner vor Schnee und Unwettern in den Alpen schützten.

Was für eine Freude hätten die Senner, wenn sie in einem der heutigen Chaletdörfer leben dürften? Mit Luxus wird dort nicht gegeizt: Brötchen- und Massageservice, Concierge – von Naturschwimmteich und Saunen ganz zu schweigen.

„In Tirol gibt es einen klaren Trend zu Urlaub auf 4- und 5-Sternniveau“, sagt Hubert Siller, Leiter des Studiengangs Tourismus und Freizeitwirtschaft am MCI. Chalets erfreuen sich großer Beliebtheit, weil deren Gäste vor allem eines wollen: „Zwanglos urlauben. Während man in Hotels in gewisser Weise öffentlich gesehen wird, kann man sich in der Abgeschiedenheit eines Chalets kleiden und geben, wie man will.“ Die Jogginghose zum Galadiner im Nobelhotel zu tragen, wäre ein Fauxpas. Im Chalet interessiert das die Mitreisenden wohl kaum – „dabei handelt es sich nämlich meist um Familienverbände“, weiß Siller.

Um während der wenigen Urlaubstage unter sich zu sein, bezahlt man gerne 800 Euro pro Nacht für die vierköpfige Familie – exklusive optionaler Angebote wie Einkaufs-, Wäsche- oder Aufräumservice.

Im Alpenjuwel in Nauders verschmelzen Tradition und Luxus: Der Schafstall grenzt etwa an die Wohnräume.
- Alpenjuwel Nauders

Hohe Preise und eine gute Auslas­tung sind speziell bei kleinen Chaletdörfern mit wenig Betten notwendig, damit das Konzept funktioniert. „Die führenden Konzepte, wie das Leoganger Priesteregg, haben eine Auslastung von über 90 Prozent“, schildert der Tourismusexperte.

Die Chaletdörfer sprießen

Kein Wunder also, dass Chaletdörfer derzeit wie Schwammerln aus der Erde schießen: In St. Leonhard im Pitztal wird ein Projekt realisiert, in Schattwald und Kirchberg wurden kürzlich zwei eröffnet, in Wenns und Jerzens wird momentan daran geplant – um nur ein paar aktuelle Beispiele zu nennen.

Auf den ersten Blick wirkt allerdings so manches dieser Vorhaben nicht optimal. Ein Chaletdorf in Steinach etwa ist nahe eines Autobahnbrücken-Pfeilers geplant. „Von den Autos hört man dort nichts“, beruhigt der Steinacher Bürgermeister Josef Hautz. Er begrüßt das Projekt, das 21 Häuser umfasst: „Seit 15 Jahren ist der Grund touristisch gewidmet. Weil hier niemand ein Hotel bauen wollte, bestand die Gefahr, dass alles zurückgewidmet wird. Da kam uns das Chaletdorf gelegen.“

Ein weiterer Vorteil sei, dass das Risiko aufgeteilt wird: „Wenn einem Investor beim Hotelbau das Geld ausgeht, kann passieren, dass der Rohbau nie fertig gestellt wird. Die 21 Häuser wurden auf 21 Investoren aufgeteilt. Wenn da einer abspringt, findet man einen neuen.“

In Biberwier entsteht ein Chaletdorf auf 4,5 Hektar Fläche.
- TT/Thomas Böhm

Die Investoren erhalten dann, je nach Modell, unterschiedliche Renditen. Bei „Buy-to-let“ etwa liegt diese im Jahr bei drei bis vier Prozent. Allerdings haben Inves­toren ein zeitlich begrenztes Nutzungsrecht an den Häusern. „Ein Glück, dass Tirol hier sehr restriktiv ist. In der Schweiz, wo der Adel Ende des 19. Jahrhunderts erstmals Chalets im heutigen Sinn bewohnte, gibt es etliche Chaletdörfer mit kalten Betten“, weiß Siller. Das bedeute, dass die Häuser an eine Klientel verkauft wurden, die es nicht nötig hat, zu vermieten. Jetzt würden die Chalets meist leer stehen, was dem regionalen Umfeld nicht guttut.

Mario Gerber, Obmann der Fachgruppe Hotellerie in der Wirtschaftskammer Tirol, sieht in Chalets zwar eine willkommene Innovation, um mit der touristischen Entwicklung mitzuhalten, hat aber auch Bedenken: „So manches Chaletdorf ist als Freizeitwohnsitz deklariert und wird so an Steuer und Tourismusabgaben vorbei vermietet.“ Derartige Verstöße zu kontrollieren, ist laut dem Hotelier schwierig: „Darum ist es wichtig, dass die Politik einen Kontrollmechanismus installiert.“

Die Frage der Freizeitwohnsitze beschäftigt auch den Biberwierer Bürgermeister Paul Mascher.

Zusätzlich zu einem bereits bestehenden Chaletdorf im Ort wird bald ein zweites errichtet – 50 Gebäude auf 4,5 Hektar Land. „Was passiert, wenn der Markt abflaut? Werden die Häuser zu Freizeitwohnsitzen? Das darf nicht passieren!“, sagt Mascher. Für ihn überwiegen dennoch die Vorteile: „Steuereinnahmen und Arbeitsplätze.“

In Steinach ist ein Dorf nahe der Autobahnbrücke geplant.
- TT/Thomas Böhm

Bei der Planung von Chaletdörfern kommt das Argument der Arbeitsplatzbeschaffung oft ins Spiel. Ob im Ort allerdings wirklich so viele Leute derartige Jobs wollen, ist fraglich. In Biberwier etwa suchte ein Lebensmittelgeschäft monatelang vergeblich eine Verkäuferin. Wie sollen in Anbetracht dessen alle Posten im Chaletdorf besetzt werden? Mascher beruhigt: „Biberwier hat mehrere gute Leute anzubieten, die als Geschäftsführer oder Köche arbeiten könnten.“

Derartige Fachleute werden auch gebraucht, um die Qualität der Chaletdörfer hochzuhalten. „Je mehr dieser Dörfer errichtet werden, desto größer wird der Druck für die Betreiber“, gibt Siller zu bedenken. Einige Projekte, die heute noch gut laufen, würden bald nicht mehr mithalten können und zu weiteren Investitionen gezwungen sein.

Was die künftige Zahl der Chaletgäste anbelangt, macht sich Siller jedoch keine Sorgen: „Diese Dörfer werden auch in Zukunft gut ausgelastet sein. Schließlich stieg die Zahl der Ferienwohnungen – zu denen Chalets zählen – während der vergangenen zehn Jahre um 15 Prozent.“ Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der privaten Zimmervermieter um 40 Prozent.

Zweite Chance für Bauernhäuser

Auch Walter Hauser vom Denkmalamt geht davon aus, dass die Sehnsucht nach Urlaub im Bauernhaus zunehmen wird: „Wobei, um genau zu sein, haben Chalets nichts mit Bauernhäusern zu tun. Die Dörfer gaukeln vor, dass sich ihre Architektur über die Jahre traditionell entwickelt hat. Doch dem ist nicht so. In Wirklichkeit sehen die Häuser eines Chaletdorfs oft ganz gleich aus.“ Wer traditionell urlauben will, dem empfiehlt Hauser, in originalen, umgebauten Bauernhäusern zu übernachten: „So bekommen alte Gebäude, die die Tiroler Kultur verkörpern, eine zweite Chance.“




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