Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 03.01.2018


Tirol

Tourengeher treiben den Puls der Seilbahner nach oben

Immer wieder kommt es in Tirols Skigebieten zu Problemen mit Pistengehern – in manchen Fällen wurde sogar die Polizei eingeschaltet. Die Rechtslage ist unklar, Gesetz gibt es keines.

© Der Alpenverein glaubt an "ein friedvolles Miteinander auf der Skipiste ohne Verbote".



Von Denise Daum

Innsbruck – Untragbar. So beschreibt Werner Millinger von der Muttereralmbahn die aktuelle Situation. Das Skigebiet nahe Innsbruck ist nicht nur bei Familien und Anfängern besonders beliebt, sondern auch bei Skitourengehern. Um brenzlige Situationen zu vermeiden, wurde für die Weihnachtsferien untertags ein Tourenverbot erlassen – von 16 bis 20 Uhr können die Pisten hingegen benutzt werden. Daran halten wollen sich aber nicht alle. Nicht nur das: „Ein paar Tourengeher zucken völlig aus, wenn wir sie auf die Regeln hinweisen“, erklärt Millinger. In drei Fällen wurde sogar Anzeige bei der Polizei erstattet, nachdem sich Wintersportler äußerst aggressiv verhalten haben. „Ich habe kein Verständnis dafür, dass meine Mitarbeiter bedroht und beschimpft werden, nur weil sich Tourengeher in ihrem nicht vorhandenen Recht beschnitten fühlen“, ärgert sich Millinger. Zudem würden sich die Meldungen häufen, dass Bergaufgehende die Abfahrenden schief anreden. Skilehrer berichten, dass sich Tourengeher über Kinder aufregten, die zu viel Platz auf der Piste bräuchten. Auch von Familien bekam Millinger Beschwerde-Mails.

Völlig machtlos gegenüber uneinsichtigen Tourengehern fühlt sich auch Franz Gleirscher von den Serlesbahnen Mieders. Dort haben Rodler vor einigen Tagen sogar die Polizei gerufen, weil sie sich von Tourengehern auf der Rodelbahn in Gefahr gebracht sahen. „Die Polizei ist auch gekommen, aber unverrichteter Dinge wieder abgefahren. Sie hat keine Handhabe“, bedauert Gleirscher. Sorgen bereiten dem Geschäftsführer auch Pistengeher, die trotz Absperrung während der Pistenpräparierung einfach hinaufmarschieren. Es seien zwar nur ein paar schwarze Schafe, aber die bringen den ganzen Stand der Tourengeher in Verruf. Und: „Die Leute begeben sich beim Aufstieg während der Präparierung mit Seilwinden in Lebensgefahr. Wenn wir sie darauf hinweisen, dann lachen sie uns nur ins Gesicht. Das kann es doch nicht sein. Hier braucht es endlich ein Gesetz, damit wir dem Herr werden“, sagt Gleirscher.

Ähnlich sieht das Bernhard Schöpf von den Imster Bergbahnen. „Bei uns gehen sie rund um die Uhr die Piste hinauf.“ Schöpf befürchtet, dass es früher oder später zu einem Unglück bei der Pistenpräparierung kommt. Schöpf denkt dabei auch an seine Mitarbeiter: „Wenn ein Pistengerätefahrer einmal einen erwischt, der wird seines Lebens nicht mehr froh. Irgendwann wird es ein Gesetz brauchen, um ein Verbot auch exekutieren zu können.“

Ob eine Pistensperre durch den Betreiber rechtlich überhaupt möglich ist, darüber sind sich die Juristen uneins. Der Alpenverein möchte sich nicht lange auf Rechtsdiskussionen einlassen, wie Michael Larcher vom OeAV betont. Trotzdem: „Ich denke schon, dass Tourengeher ein Recht auf Pistenbenutzung haben. Natürlich müssen aber die Regeln eingehalten werden.“ Larcher zeigt Verständnis für temporäre Pistensperren, etwa bei enorm regem Skibetrieb. Dass ein Tourengeher-Verbot exekutiert werden könne, glaubt er nicht. „Ein entsprechendes Urteil fehlt. Vielleicht muss jemand wirklich einmal einen Prozess anstrengen, damit eine verbindliche Rechtsaussage vorliegt.“ Das sei aber nicht der Weg des Alpenvereins. Vielmehr soll ein gemeinsames friedvolles Miteinander möglich sein. An Tourengeher kann Larcher nur appellieren, sich an die Empfehlungen des Kuratoriums für Alpine Sicherheit zu halten. Sprich: hintereinander am Pistenrand aufsteigen, nicht an unübersichtlichen Stellen queren, keine Hunde mitnehmen, Pistensperren akzeptieren. Halten sich alle an die Regeln, werde es auch keine generellen Verbote brauchen und geben.

Außer Frage steht, dass das Tourengehen eine Trendsportart ist und der Boom anhält. Der Alpenverein würde sich deshalb wünschen, dass Skigebietsbetreiber daran denken, Angebote für die wachsende Pistengeher-Gemeinschaft zu schaffen.

Dass alle ein gutes Recht darauf hätten, die Pisten in Skigebieten hinaufzugehen, ist für Tirols Seilbahnsprecher Franz Hörl „eine Mär“. Vielmehr ist er der Überzeugung, dass jeder Seilbahner seine Pisten jederzeit sperren dürfe. Hörl ist grundsätzlich nicht sehr gut auf Tourengeher zu sprechen. „Viele sind völlig unvernünftig und gehen sogar, während wir präparieren. Wenn sie darauf angesprochen werden, reagieren sie mit Bedrohungen und Beschimpfungen“, ärgert sich Hörl. Für ihn muss sich endlich etwas ändern. Einem gesetzlichen Tourengeher-Verbot könne er durchaus etwas abgewinnen. Den Betreibern jener Gebiete, die mit einem Tourengeher-Ansturm konfrontiert sind, empfiehlt Hörl die Bewirtschaftung der Parkplätze. „Wenn der Parkplatz 30 Euro pro Tag kostet, hört sich das mit den Tourengehern ganz schnell auf.“

Doch nicht in allen Skigebieten gibt es Probleme. Während sich beispielsweise auf der Rosshütte in Seefeld kurz vor den Weihnachtsferien die Situation aufgrund des Tourengeher-Ansturms zugespitzt hat, ist dort wieder Ruhe eingekehrt. Die Tourengeher weichen großteils auf den eigens für sie angelegten Anstiegsweg aus. Im Bezirk Kitzbühel sind keine nennenswerten Interessenkonflikte bekannt, auch im Außerfern ist es ruhig.