Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 12.01.2018


Freizeit

Das Einhorn rodelt mit

Die Krinnenalpe-Rodelbahn in Nesselwängle im Tannheimertal ist sagenhaft. Nicht nur

wegen der durchgehenden Schneedecke, sondern auch, weil dort laut Sage ein Einhorn lebt.

© samDie Rodelbahn bietet einen wunderbaren Blick auf die umliegenden Berge.



Von Judith Sam

Nesselwängle – Während der Löwenanteil der Tiroler Rodelstrecken momentan vereist ist, bietet es sich an, auf die Krinnenalpe im Tannheimer Tal zu wandern. Dort konnte man am vergangenen Dienstag auf einer durchgehenden Schneedecke hinab nach Nesselwängle rodeln.

Oder man nutzt die Bahn als Winterwanderweg, um nach einem der letzten Einhörner Ausschau zu halten. Laut Sage lebt das nämlich nahe dem Haldensee, den man von der Bahn aus sieht. Dort soll es Schutz vor Menschen suchen, die es jagen wollen.

Zugegeben, besonders wahrscheinlich ist es nicht, das majestätische Tier zu entdecken. Ein Besuch der Bahn lohnt sich trotzdem. „Die ist im Moment aber nur was für Routiniers“, empfängt Marita Tauscher Rodler an der Kasse des Krinnenalpe-Sessellifts.

Schön und gut. Aber wann ist man Rodel-Routinier? Die Kassierin dürfte einer sein – so wie sie Tipps verteilt: „Viele lenken mit den auf den Boden gestellten Beinen. Das ist falsch! In die richtige Richtung geht es durch Gewichtsverlagerung.“ Alles klar.

Kleiner Wermutstropfen: Zwei Mal muss man die Piste queren.
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Eisig sei die 3,6 Kilometer lange Strecke nicht, aber harschig. „Diese angetaute, gefrorene Schneeschicht kommt eigentlich nur im Frühjahr vor, aber bei den aktuellen zehn Grad fühlt man sich ohnehin wie im März“, sagt Tauscher, während sie die Rodeln in Empfang nimmt und mit dem Lift auf den Berg schickt, sodass man den knapp 80-minütigen Aufstieg auf Wunsch auch ohne Ballast antreten kann.

So kommt man hin: Das Auto stellt man am Parkplatz des Nesselwängler Krinnenalpe-Lifts ab. An dessen Ende beginnt die als Rodelbahn und Winterwanderweg genutzte Forststraße, die sich bei wenig Gefälle den Berg hinaufschlängelt.

„Auf diesem Weg kann man übrigens auch im Sommer rodeln. Indirekt. Dann verleihen wir Mountain-Carts, eine Art Dreirad für Erwachsene“, schildert Lift-Geschäftsführer Karl Schmid. Wegen der billigen Lifttickets der Sommersaison würden dann 90 Prozent der Urlauber mit der Sesselbahn aus dem Jahr 1988 aufsteigen. Im Winter, wo eine Tageskarte für Erwachsene 30,50 Euro und eine Einzelfahrt 13 Euro kostet, marschieren viele zu Fuß hinauf. Ein spannendes Unterfangen, denn weil es keine getrennte Aufstiegsspur gibt und die Rodelbahn immer wieder die Piste kreuzt, kommen mehrmals Rodler sowie Skifahrer entgegen.

„Im Sommer gibt es einen Steig, auf dem man abseits der Schotterstraße auf die Alm wandern kann“, weiß Schmid. Derzeit weisen zwar Schilder darauf hin, doch Spur findet sich im tiefen Schnee keine.

Auf einem durchgehend schneebedeckten Forstweg kann man von der Krinnenalm bis ins Tal fahren.
- sam

Ob Steig oder Rodelbahn – die umliegenden Berge kann man immer bewundern: Neunerköpfl, Füssener Jöchle, Rote Flüh und Gimpel. Kein Wunder, dass sich mehrere Sagen um diese Gegend ranken.

Eine besagt, dass am Fuße der Rodelbahn einst der Hof des reichsten Bauern weit und breit stand. „Der Reichtum machte ihn gierig, sodass seine Finger lieber Gold als die Perlen des Rosenkranzes zählten“, erzählt Wolfgang Morscher, der die Homepage sagen.at betreibt.

Für Rodler lohnt sich eine Fahrt ins Tannheimer Tal: Auf einem durchgehend schneebedeckten Forstweg kann man von der Krinnenalm (4) bis ins Tal fahren. Die Rodelbahn bietet einen wunderbaren Blick auf die umliegenden Berge (1) und den Haldensee (3). Kleiner Wermutstropfen: Zweimal muss man die Piste queren (2).Fotos: Sam
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Die Töchter des Bauern waren keinen Deut besser – kein Wunder also, dass sie sich nach dessen Tod mehr um das Erbe als um die Beerdigung kümmerten: „Eine der Töchter war blind. Die Sehende wollte sie prompt betrügen, indem sie das verbliebene Gold unfair aufteilte. Kaum wurde sich die Blinde dessen bewusst, verwünschte sie ihre Schwester.“ Daraufhin verdunkelte sich der Himmel, ein Unwetter brach herein, die Bäche traten über die Ufer. Kurzum: So entstand angeblich der Haldensee.

Interessante Erzählung. Doch wenn man heute die Rodelbahn hinaufgeht, sollte man nicht durch Sagen abgelenkt sein. Ein kleiner Wermutstropfen an der Strecke ist nämlich, dass man die Skipiste zweimal queren muss. „Diese Passagen sind gut ausgeschildert. Man muss eben aufeinander Rücksicht nehmen“, sagt Tauscher. Gar nicht so leicht, wenn man mit kleinen Kindern oder Hunden unterwegs ist.

Im Jänner liegt übrigens die gesamte nordwestlich ausgerichtete Rodelstrecke im Schatten. Erst im Februar kommt immer mehr die Sonne durch – „was das Präparieren erschwert. Aber weil die Strecke jeden Morgen von einer Pistenraupe geglättet wird, können wir sie meist bis Ostern erhalten“, erklärt Schmid.

Sonnenanbeter haben vor dem Berggasthof Krinnenalm auf 1527 Meter Seehöhe oft mehr Glück. Wollen sie sich vor der Abfahrt stärken, wird ihnen ein Cappuccino mit riesigem Sahnehäuberl serviert. „Eine Pause dort oben macht auch Sinn, wenn man warten will, bis der Schnee im Laufe des Tages weicher wird“, weiß Tauscher aus Erfahrung.

Je nach Schnee sei die Strecke für Familien, aber auch für Sportrodler geeignet: „Denn wenn’s loft, dann loft’s!“