Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 26.01.2018


Freizeit

Die goldenen Rodel-Regeln

Schnee liegt derzeit genug. Wo könnte man den besser genießen als beim Rodeln. Doch Vorsicht: Die Sportart zählt zu den gefährlichsten. Der Tiroler Rodelverband verrät, wie man sicher ins Tal gleitet.

© iStockDie reine „Gaudi“! Doch wer wirklich sicher rodeln will, darf nicht auf den Helm verzichten – anders als die Sportler auf diesem Bild.



Von Judith Sam

Innsbruck – Rodeln kann jeder. Dachte man zumindest – damals, in der Kindheit. Kaum fiel ein wenig Schnee, sausten alle Nachbarskinder auf den Hügel hinterm Haus. Schlitten waren gar nicht notwendig, ein Plastiksackerl zum Runterrutschen reichte völlig. Vollkontaktrodeln mit drei km/h. Kein Wunder, dass es bei diesem Equipment höchstens mal blaue Flecken gab.

Davon kann heute leider keine Rede mehr sein. Rodeln zählt mittlerweile zu den gefährlichsten Sportarten. Die Helfer des Roten Kreuzes rückten 2017 zu 109 Einsätzen auf Tiroler Rodelbahnen aus. „Zu den typischen Verletzungsmustern zählen hier schwere Schädel-Hirn-Traumen, Serienrippenbrüche, verletzte Unterschenkel und Sprunggelenke bis hin zu Lungenprellungen“, zählt Thomas Fluckinger, Chefarzt des Tiroler Roten Kreuzes, die nüchternen Fakten auf.

Apropos nüchtern: Bei fünf Rodelunfällen der letzten Saison war Alkohol im Spiel. „Er sorgt dafür, dass man im Zweifelsfall viel langsamer reagiert. Der Hauptgrund für Unfälle ist allerdings das Tempo“, weiß Fluckinger. Um schnell Ski zu fahren, müsse man es zumindest ein weni­g beherrschen: „Auf eine Rodel kann sich jeder setzen und den Berg hinunterrasen.“ Man wird zu schnell, unterschätzt Kurven, fährt über die Bahn hinaus und hat Kontakt mit einem Baum.

Damit nicht genug. „Viele bringen Rodeln nur mit lustigen Gruppenabenden und Jagatee in Verbindung. Darum verzichten sie auf Sicherheitsausrüstung wie Helme“, ergänzt Sandra Mariner vom Tiroler Rodelverband. Die vierfache österreichische Staatsmeisterin im Naturbahnrodeln weiß, wovon sie spricht: ob sie nun naheliegende Tipps gibt – „Prägen Sie sich beim Aufstieg markant­e Stellen der Bahn, wie eisig­e Passagen, ein“ – oder die Grundregeln des Rodeln­s erklärt: „Kopf voran auf dem Schlitten liegen geht gar nicht! So kann man ihn nicht richtig lenken, vom Bremsen ganz zu schweigen.“

Dass Mariner den Sport ernst nimmt, wird spätestens klar, wenn sie gesteht, dass sie ihm zuliebe sogar Schrauben in ihre Schuhe bohrt: „Klingt rigoros. Aber wer besonders guten Grip beim Bremsen haben will, kann sich drei Schrauben in den Absatz seines Schuhs bohren, so dass sie im 45-Grad-Winkel nach hinten unten herausstehen.“ Die gute Nachricht für alle, die nicht so weit gehen wollen: Es gibt auch Bremshilfen in Form von Eisenkrallen, die man mit Bändern auf den Schuh schnallt.

Die vierfache Weltcupgewinnerin ist mit ihrem Rodel-Latein aber noch nicht am Ende: „Wer die Bahn hinaufmarschiert, sollte nur an deren Rand gehen. Bei der Abfahrt wiederum rate ich, vor engen Kurven zu schreien, um Fußgänger auf sich aufmerksam zu machen.“ Kleinen Kindern bindet sie alternativ Glöckchen an die Rodel.

Wer noch keinen Schlitten besitzt, sollte beim Kauf übrigens auf das Gütesiegel des Rodelverbands achten: „Das garantiert, dass man ein Qualitätsprodukt ersteht, das man bei richtiger Pflege über Jahrzehnte hinweg verwenden kann.“

Mit der Frage der Qualität beschäftigt man sich im Hause Kathrein in Prutz seit dem Jahr 1886. In vierter Generation stellen Geschäftsführer Christoph Kathrein und sein Team Rodeln her: „Ich sage nur so viel: Eschenholz. Daraus werden nicht nur die Stiele von Werkzeugen und der Kern solider Ski hergestellt, sondern auch Rodeln. Es ist am belastbarsten und gleichzeitig elastisch.“

Eine hochwertige Rodel erkennt man zusätzlich daran, dass deren Stahlschienen nicht plan am Boden aufliegen, sondern leicht schräg stehen: „Dadurch hält man die Spur besser – was gerade auf harten Bahnen wichtig ist.“

Aller Hingabe zum Dialekt zum Trotz darf man übrigens auch in Tirol von Schlitten rede­n. Während bei Schlitten alle Holzteile starr miteinander verbunden sind, zeichnen sich Rodeln durch „weiche“ Verarbeitung aus: „Zwischen den Holzteilen lagern Gummis. So werden die Sportgeräte besser lenkbar.“ Je nachdem, welches Produkt man wählt, muss man bei Kathrein zwischen 90 und 335 Euro bezahlen.

So viel zum theoretischen Teil. Fehlt eigentlich nur noch eine Rodelbahn, schon kann man ins Tal rutschen. Und nochmal, und nochmal …




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